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N.E.R.D.

»Seeing Sounds«

Potentialverschendwung oder doch “eine äußerst solide Arbeit”?

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Beginnen wir das Ganze mal mit einem Geständnis: Im Jahre 1994 war ich 8 Jahre alt und hatte am ganzen Körper rote Flecken. Eine seltsame Form von Juckreiz befiel mich, ich war ständig nervös und aufgekratzt. Damals machten die Ärzte eine Vielzahl obskurer Allergien und falscher Lebensmittel für mein Leiden verantwortlich, heute weiß ich natürlich wesentlich besser, welch bösartiger Erreger mir Schaden zufügen wollte (dramatisch anschwellender Orgelakkord): ——- Crossover! ——-(spitzer Frauenschrei)

Wie um alles in der Welt, soll ein junger Heranwachsender denn nicht von der teuflischen Pest befallen werden, wenn sich eine Vielzahl von Bands Mitte der 90’s anschickte, plötzlich Funk-Punk-Rocksongs mit Saxophon-Soli und neuntklassigen Raps zu versehen? Klar, damals habe ich das noch etwas anders empfunden (ich erinnere mich dunkel an ein Dog Eat Dog-Shirt…), aber ich war eben jung und verwundbar.
Es ist ja nicht mal so, dass ich den musikalischen Hybrid per se ablehnen würde, aber Limp Bizkit und Linkin Park haben nicht gerade dazu beigetragen, meine Meinung zu ändern.

Natürlich würde ich die Herren Williams/Hugo/Haley niemals bewusst in solch eine Ecke drücken wollen und ich weiß durchaus zu schätzen, was die Neptunes für die urbane Clubkultur der letzten Jahre getan haben. ABER: Wer sich der Welt mit Tracks wie “Lapdance” und “Rock Star” vorstellt, hat auch 2 Alben später gewisse Erwartungen zu erfüllen. Das Spannende war doch, dass man den hochbegabten Jungs wirklich abgenommen hat, absolut keinen flying fuck zu geben.

Mit “Seeing Sounds” verhält es sich genau umgekehrt, ständig hat man das Gefühl, N.E.R.D wollten es wirklich ALLEN recht machen, sogar den Koksnasen (“Everyone Nose”) und der lokalen Spannergemeinde (“Windows”). Überhaupt, “Windows“…Ich weiß gar nicht genau, woran mich dieser dämliche Sing-A-Long erinnert, aber ES ist auf jeden Fall sehr weiß und trägt einen Cowboyhut.
Wirklich gut ist “Seeing Sounds” immer dann, wenn diese schlimm angefunkten Lenny Kravitz-Gitarren außen vor bleiben und zumindest innerhalb des Songs eine klare Stoßrichtung vorgegeben scheint. “Love Bomb” und “Happy” schaffen das so gerade eben, “Sooner or later” macht’s richtig. Wirklich wohl fühlen sich die Streber aber wohl doch eher in “Anti Matter” und “Spaz”, den beiden Experimenten, die wir dankbar mitnehmen.

Licht und Schatten also, wie so oft. Bedenkt man aber, von welchem Potential wir hier reden, möchte man sich von den durchaus vorhandenen Hits leider gar nicht so recht trösten lassen… Von einem riesigen LSD-Trip-Album soll Chad Hugo im Vorfeld gesprochen haben. Mein Erfahrungswert mit halluzinogenen Drogen mag äußerst spärlich sein, aber wenn das so unspannend ist, streich ich’s von meiner To-Do-Liste.
Ach ja, eins noch: N.E.R.D kommen auf Tour. Mit Linkin Park. Come find me in my Sauerstoffzelt.

Julian Brimmers

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Nach unzähligen wegweisenden Produktionen für die großen Gestalten des Popgeschäfts und den beiden erfolgreichen Vorgängeralben, steht die Kompetenz des Producerteams Pharell Williams und Chad Hugo schon lange außer Frage. Nur sind sind auch die Erwartungen an ein nächstes Album dementsprechend hoch.

Die Hoffnungen des geneigten Hip-Hop- und Club-Publikums werden auch auf ihrem dritten Album erfüllt: mit akzentuierten,minimalistischen Grooves, die einem das Stillsitzen schwer machen, mit 1960er Jahre Rock- und Jazz-Anleihen, durch gekonnten Umgang mit Stilmitteln, an denen sich so manche Indie-Band noch etwas abschauen könnte. Tracks wie »Everyone Nose« und »Spaz« machen feierlich klar, dass N.E.R.D. wieder da sind. Allerdings fühlt man sich später in der Belanglosigkeit unnötiger Radioballaden manchmal etwas verloren. Anders bei »Sooner Or Later«, das zu Beginn an eine Fusion aus »Take That« und Amy Winehouse erinnert, um sich dann in einem dreiminütigen Gitarrensolo gnadenlos abzufeiern.

Die Songs funktionieren meist nach dem gleichen Prinzip: Ein punktgenauer, trockener Groove lädt zur Tanzfläche, macht den Hörer gefügig, um dann mit einer plötzlich jazzigen Wendung zu überraschen und dem Anspruch kreativer, innovativer Schaffenskraft gerecht zu werden. Kommt das eigentliche Thema zurück ist man wieder am Ausgangspunkt, nur noch eine Stufe härter. Ihr Meisterwerk ist es an den Erwartungen gemessen freilich nicht, aber eine äußerst solide Arbeit.

Christian Fischer

‘Seeing Sounds’ im HHV-Shop