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Good Times. Auf MTV läuft “Blame it on the Boogie” statt Silbermond und Pete Rock beschert uns doch noch ein sauberes, posthumes Album von James Yancey. Außerdem: Scienz of Life, Mos Def, Grand Puba, Wiley, Tectonic, Falty DL, Manuel Tur, The Emperor Machine, Dinosaur Jr., Tortoise, Pepe Bradock, Bibio, Black Meteoric Star, Major Lazer, La Roux undundund. Hip Hop Hausen:
Dass man auch als Hollywood-Sternchen noch anständige Alben machen kann, beweist uns Mos Def nach einer langen Durststrecke. “The Ecstatic” fühlt sich beinahe an, wie der kleine Bruder von “Born Like This”, was freilich auch daran liegt, dass Mighty Mos bei der Wahl seiner Produzenten auf den staubigen Oxnard-Psych-Funk von Madlib und Oh No setzt. Erstaunlich kohärent und das Beste, was der Herr auf Albumlänge seit “Black On Both Sides” fabriziert hat. Ähnliches gilt für “Jay Stay Paid”, vielleicht der ersten posthumen Veröffentlichung J Dillas, die dessen Ruf tatsächlich gerecht wird, aber all das wurde ja in der Review-Section bereits dezidiert erörtert. Auch gut: Scienz of Life, die damit beschäftigt sind den “Spell” des “Leviathan” zu brechen. Der alte Schmalspur-Hobbesianer in mir freut sich über den Titel, das Schönste an dem Album ist aber natürlich Lil Scis immer noch unverwechselbares Organ und nicht die manchmal etwas kryptische Rhetorik.
Ganz solide präsentiert sich der alte Mann Grand Puba auf “Retro-Active”. Natürlich wird man hier kein zweites “I like it” finden, von Brand Nubian’schen Großtaten ganz zu schweigen. Aber ich hätte mir das alles echt einiges schlimmer vorgestellt. Kann man kaufen. Auch ordentlich: Wu-Tangs “Chamber Music” eine lose Ansammlung verschiedener Tracks, die allerdings angeblich allesamt neu sein sollen. Whatever, keine Experimente, keine bösen Überraschungen und damit unter ‘Erfolg’ abzuhaken. So richtig Chef geworden sind Sa-Ra im Gegensatz zum Clan doch nie (wollte sich Kanye nicht vor Jahren ein Album von denen produzieren lassen?), aber immerhin kann das Trio weiterhin kräftig Musik veröffentlichen. “Nuclear Evolution: The Age Of Love” krankt, wie üblich für Projekte der drei Herren, an etwas zu süßlichen Neo-Soul & Lounge-Sperenzien, dafür könnte man sich in die Instrumentals wieder mal reinlegen. In Zukunft bitte auf Beattapes konzentrieren! Danke!
Nachdem Wiley mit einigen wenigen Ausnahmen (oder will hier tatsächlich jemand was gegen “Wearing my Rolex und “Step by Step” einwenden?) “See Clear Now” selbst als halbherzigen Labelstunt abgehakt hat, feuert er mit “Race Against Time” wieder aus allen Rohren. Riecht nach Beton und stinkenden Nachtbussen und genau so mögen wir den ollen Richard doch alle am liebsten, wa? Äh, ja die Black Eyed Peas sind auch zurück mit etwas was sich “The E.N.D. (Energy Never Dies)” schimpft. Vermisst hat die hoffentlich niemand?! Meinen Enthusiasmus reanimiert dann die All City Compilation “7×7”, die alle sieben 7 Inches auf einem Silberling vereint. Mike Slott, Hud Mo, Onra, Dimlite, Fulgeance, Le N?ko, Snowman – Money in the Bank hier. ******************************************************************** Und sonst so:
Den fließenden Übergang zu “Und sonst so” vollziehen wir mit “Tectonic Plates Vol.2” der zweiten Werkschau des Pinch’schen Labels Tectonic. Hier versammelt sind die Zwölfzoll-Aktivitäten solcher Instanzen wie Benga, Skream, Joker, Flying Lotus, Martyn oder 2562. Hiermit zählt auch die Ausrede nicht mehr, man habe keinen Plattenspieler und wisse deshalb nicht was zur Hölle Dubstep sei. Wobei hier vor allem deutlich wird, dass sich jener weiter in alle Richtungen ausdifferenziert und diese Entwicklung ist so notwendig wie großartig. Apropos: Falty DL “Love is a Liability – kaufen kaufen kaufen! Ich lehne mich mal aus dem Fenster und meine hierin mein mindestens zweitliebstes futuristisches Dubstep Album des Jahres gefunden zu haben, nach Martyns “Great Lenghts”. Zickig, sperrig, trotzdem melodiös und mit großartigen Drumpatterns. 2Stepgrimewonkstep to the fullest. Weiter mit etwas weniger BPM. Bibio feiert, nach ausgedehnten Aktiviäten auf Mush Records, mit “Ambivalence Avenue” seinen Einstand bei Warp. Weniger verkopft, aber immer noch ziemlich hinterfotzig stellt Bibio hier immer wieder kleine Fallen zwischen lässige Surfgitarrenfetzen, sommerliche Loops, Beach Boys Vokalharmonien, Flying Lotus-Synth-Wahnsinn und Detroit Late-Claps. Würde Panda Bears “Person Pitch” mit Prefuse 73s “One Word Extinguisher” Sex haben, der Sohn könnte “Ambivalence Avenue” heißen. Er wäre vielleicht nicht ganz so genial wie die Eltern, aber immer noch ein Einserschüler.
Und sein Nebensitzer hieße womöglich Alif Tree, welcher seinerseits eine deutliche Präferenz für analoges Material und dicke Streicher hätte. Aber lassen wir diese furchtbar platte Allegorie mal auf dem Metaphernschrotthaufen zurück und widmen uns Album Nummer 3 aus dem Hause Tree. “Clockwork” ist extrem dicht produzierter ääääääh darf man das tatsächlich noch ‘New Jazz’ nennen? Nein? Umso besser. Das klang schon immer scheisse und wird dieser Wundertüte auch nicht gerecht. Wobei stellenweise lauert dann doch wieder der Milchkaffee. Wurde im Übrigen bereits im Februar veröffentlicht. Mea Culpa. Brandneu hingegen die Remix Compilation “Confiote De Bits”, die sich den Neubearbeitungen des vielleicht größten Freigeists kontemporärer House-Musik widmet, dem Franzosen Pepe Bradock. Deep, verschroben, straff Four-to-the-Floor, im stolpernden Hip Hop-Galopp, Chicago, Detroit, Lagos, New York, Paris, Berlin, London – der Typ kann halt alles. Und klingt wie sonst keiner. Chapeau! – encore une fois. Gleich nochmal Alleskönner. Die Soul Jazzer Subway frickeln und grooven sich auf ihrem zweiten Album mit dem pragmatischen Titel “Subway II” durch schwüle Disco-Grooves, Proto-House-Schwinger, krautige Kollagen und Avantgarde-Spielereien – ohne dabei je prätentiös zu wirken. In der Tat ein schönes Sommeralbum.
Kommen wir zu DFA und Gavin Rossom. Der hat endlich sein Black Meteoric Star Album fertiggestellt und klingen tut das dann manchmal wie Legowelt, manchmal wie Kavinsky mit mehr Hirn und manchmal einfach nach einer upgedateten Version von Trax. Acid, Jackin’ House, Neo-Disco und pulsierender Techno – schon voll meine Baustelle auch. Unterdessen denkt das Original himself, Larry Wolfers aka Legowelt, gar nicht daran zur Ruhe zu kommen. “Vatos Locos” ist erneut ungemein erfrischend anachronistischer Electro der alten Schule, irgendwo zwischen Mr. Fingers und Drexciya. Und wir bleiben klassisch. Der Gründungsmythos für all das, was heute gerne unter ‘Minimal’ subsumiert wird, ist dieser Tage wiederveröffentlicht worden. Robert Hoods’ “Minimal Nation” hat jetzt 15 Jahre auf dem Buckel und bleibt eine taufrische Blaupause für so ziemlich alles, was der Techno-Head heute mit ‘Detroit’ assoziiert.
Derweil haut Steve Bug mal wieder ein Album raus. “Collaboratory” will in den Club UND ins Wohnzimmer und schafft das tatsächlich auch. Und “I swallowed too much bass” macht gute Laune in den Eingeweiden. Etwas Club-orientierter geriert sich Mihalis Safras auf “Cry For The Last Dance”. Solides, pulsierendes DJ-Futter. Tech House halt, da weiß man was man kriegt. Vielschichtiger gibt sich Mules zweite Ausgabe von “My Favorite Things”. Eine wirklich hervorragende Compilation mit dem spleenigen Disco-House eines Isolee, der Unberechenbarkeit eines Koze oder Move D und der emotionalen Tiefe eines Lawrence. Dicke Empfehlung.
Und eine noch dickere Empfehlung gilt es für Manuel Tur und “0201” auszusprechen. Extrem lässige, dichte House-Musik, durchsetzt von zahllosen Samples. Hier wird wieder einmal brillant demonstriert, was es mit der Verwandtschaft von Soul, Disco, House und Hip Hop auf sich hat. Unaufgeregt, athmosphärisch, dreckig, dickflüssig und entstanden in Essen(!). Eine Jam-Session der Three Chairs, Bonobo und Pepe Bradock könnte möglicherweise so klingen. Und das ist ein Riesenkompliment. Den Adjektiv-Overkill gerade noch überstanden, kommen wir zu einer von Optimo präsentierten Compilation namens “In Order to Edit”, auf der sich die eine Hälfte von Optimo, JD Twitch, durch den R&S’schen Back-Katalog editiert und mixt. Auch gut. Discoiden Psych-Wave-Rock liefert die Emperor Machine auf “Space Beyond The Egg”. Wie fast alles auf dem hauseigenen Imprint DC Recordings, muss auch das hier gutiert werden. ESG müssten eigentlich auch Fans sein.
Nochmal spaciger Disco-Boogie, im Gegensatz zu oben aber bereits über 30 Jahre älter, kommt von Bamboo, deren gleichnamiges Album im Juni wiederveröffentlicht wurde. Kaufen, genau wie die Automat Reissue, k? Wir bleiben bei Menschen mit Baujahr jenseits der 70er Jahre. Tony Allen fusioniert auf “Secret Agent” wiedermal Afro-Beat mit poppigem Funk und Easy Listening-Jazz. Schon solide, aber auch etwas zu stromlinienförmig. Ganz traditonell wirds auf “What Have You Done, My Brother?”, einer ziemlich großartigen Soul-Schmonzette auf Daptone, aufgenommen von Naomi Shelton & The Gospel Queens. Hammond-Orgel an und ab dafür. So schön, mit drei ‘Ö‘s.
Ein derber thematischer Rewind wird jetzt notwendig für Major Lazer und “Guns don’t kill people…Lazers do”. Diplo und Switch bitten die halbe Dancehall-Szene plus Santigold ihre futuristischen, zwischen Dancehall, Grime und Electro-House oszillierenden Brecher mit jeder Menge Badbwoi-Chants zuzukleistern. Leider krieg’ ich von zuviel Patois immer noch Kopfschmerzen, so dass ich hier eine Instrumentalversion vorziehen würde. Wobei “Hold The Line”, “Pon Di Floor” und “When U Hear The Bassline” halt auch mit Gebrabbel geil sind. Die größten LOLzers verursacht aber “Baby”. Weiter zur Kitsune. “Kitsune Maison 7” verdeutlicht leider, dass sich der Pariser Hipster-Schuppen mal eine Kreativpause gönnen dürfte. Elektrifizierte Indie-Gassenhauer sind doch soooo 2007. Apropos 2007: Wenn die ebenfalls auf Kitsune beheimateten autoKratz damals “Animal” veröffentlicht hätten, wären sie mit einem blauen Auge davon gekommen. Heute aber ist diese post-New-Order-Krawalltour leider noch einiges redundanter geworden. Und vor allem weiß man jetzt, dass mit der letztjährigen Singles-Compilation “Down & Out In Paris & London” tatsächlich schon alles gesagt war.
Gewohnt abgezockten Indie-Dance-Rock servieren Metric auf “Fantasies”. Innovationen darf man anderswo suchen, ich mag die Stimme aber halt gern. Schon nett, irgendwie. Ähnliches veranstalten Kap Bambino auf ihrem Debüt “Blacklist”. Immer einen Tacken mehr Over the top, mehr Bratz, mehr Distortion, mehr mehr mehr. Maximaler Riot-Girl-Chiptune-Electro-Rave-Pop-Terror. Hibbelig as fuck und mit 6 Bier im Kopp bestimmt ein großer Spass. Dito für Mosh Mosh. “Das Polyphone Rauschen” geht mir mit seinem penetranten Post-Chicks-on-Speed-E-Punk-Habitus in den heimischen vier Wänden mächtig auf die Testikel, mit Strobos und Brausegetränken ist aber bestimmt auch das ganz amüsant.
Kommen wir zur heiligen Hype-Trias der letzten Wochen und Monate. Den Anfang macht Little Boots mit “Hands”. Solider Hochglanz-Pop mit Floor-Ambitionen, viel mehr ist das hier nicht. Egal, ob man nun Hypem Nuts gehen lässt und Fake Blood oder Joker als Remixer verpflichtet. Erinnert etwas an eine seelenlosere Version von “Anniemal”. Genau das gleiche lässt sich auch über La Roux sagen. Auch dort etwas zu bemüht auf hip gebügelter Blog-Pop, auch hier sind die Remixe besser als die Originale. Und die Stimme ist zudem einiges gewöhnungsbedürftiger als im Falle Little Boots. Weiter mit Nummer drei in der NME-Onanierliste. Beth Ditto lacht uns mittlerweile auch gerne bei RTL Exclusiv entgegen und der olle Lagerfeld schmiegt sich bei jeder Gelegenheit an den Wonneproppen ran, aber oh Schreck “Music for Boys” ist trotzdem ganz geil. Weil Gossip halt Songs schreiben können. Trotz unmittelbar bevorstehender Weltherrschaft.
Und weil’s so schön reinpasst: The Kills. Die haben “Keep On Your Mean Side” reissuen lassen. Hoch die Tassen! Wer noch ein Geburtstagsgeschenk für seine Freundin sucht, greift zu God Help The Girl. Inszeniert von Stuart Murdoch (of Belle & Sebastian-Fame) entfaltet sich hier ein 60s meets 80s Pop-Szenario, dem nicht zuletzt von den drei großartigen Gast-Chanteusen eine Riesenportion Charisma eingeträufelt wird. Malcolm Middletons auch schon fünftes Soloalbum hört auf den schönen Namen “Waxing Gibbous” und ist wieder voller Selbstironie. Dass die Texte die Musik doch deutlich in den Schatten stellen, kann man schon etwas ungeil finden. Trotzdem eine gefällige Singersongwriterfolkpopschießmichtot-Platte.
So, gen Ende wird’s nochmal historisch. Dinosaur Jr. waren vor 20 Jahre eine großartige Band und 2009 sind sie immer noch eine sehr gute Band. Weil sowas selten genug vorkommt ist “Farm” unbedingt zu würdigen. Immerhin schon 15 Jahre super sind die Chicagoer Post-Rock-Chefs Tortoise. Auch “Beacons of Ancestorship” zeigt wieder, dass man durchaus von Jazz-Festival zu Jazz-Festival tingeln kann ohne zum elitären Snob zu verkommen. Im Gegenteil: das hier ist für Tortoise-Verhältnisse fast schon geradlining und ähm, ja, tanzbar. Nochmal große Frickler, mit dem einen Unterschied, dass der Aigner die noch nie leiden konnte: The Mars Volta proggen sich mal wieder durch ein überproduziertes Gitarrenschulungsvideo namens “Octahedron”. Geht doch endlich kacken! ******************************************************************** Das war’s gewesen für diesen Monat. In vier Wochen dann Neues von Blaq Poet, Alchemist, Milanese, Moby, Quantic, Moritz von Oswald, Prodigy, U-God, Krazy Baldhead, Cage, Karizma undundund. Als Rausschmeisser noch la Playlist. Schüss. Playlist: 1) Dam-Funk – Hood Pass Intact kaufen ******************************************************************** ******************************************************************** ******************************************************************** |















