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Nach einem traditionell ruhigen Januar, erwachte auch die Musikindustrie aus dem Winterschlaf. Instrumentale Wertarbeit, eine Grande Dame-Invasion, Next Level Dub, ekliges von The Prodigy, Humpta Humpta Tätäräää und überhaupt. Hip Hop Hausen:
Beginnen wir mit Spike Jonzes kleinem Bruder und dessen Busenfreund. Eigentlich hätte dieser Teil mit einer Behauptung Marke: “N.A.S.A. ist sowas wie Handsome Boy Modeling School auf Steroiden” beginnen sollen, aber da kam mir die Kollegin van Heijnsbergen ja schon zuvor in ihrer “The Spirit of Apollo” Review. Irgendwo überambitioniert, irgendwie auch das, was der Ami gerne als ‘contrived’ und ‘self-indulgent’ abkanzelt, aber halt doch auch geil. Zumindest partiell. Und da kann sich die Fachpresse noch so sehr das Maul zerreißen, ich für meinen Teil begrüße Konstellationen wie David Byrne/Chuck D. Ebenfalls auf obigem Album vertreten ist Kool Keith, der nebenher mal wieder einen dieser relativ schmuck- und lieblosen Schnellschüsse rausgehauen hat, mit denen er im neuen Jahrtausend mit schöner Regelmäßigkeit am eigenen Denkmal sägte. Mit dieser Erwartung machte ich mich an “Tashan Dorrsett” und siehe da: es tut gar nicht so weh dieses Mal. Produziert hat ein gewisser DJ Junkaz Lou und er macht seine Arbeit gar nicht mal schlecht. Insgesamt schon eher was für Keith Hardliner, aber eben auch kein offensiv zur Schau gestellter Dilettantismus. Einen Dilettanten würde ich B-Real niemals rufen, hätte er sich bei mir jedoch mit “Smoke & Mirrors” anstatt mit “Hand on the Pump” vorgestellt, hätte man sich bestimmt schon lange aus den Augen verloren.
Project Pat hingegen bleibt auch auf “Real recognize real” ein Entertainer vor dem Herren. Der Kenner weiß das, der Rest stellt auf stur und reiht Pat wohl auch weiterhin im Gruselkabinett der Südstaaten-Coons ein. Halten wir’s mit Biggie und entgegnen ein lässiges: you’re dead wrong. Während Pat sich zumindest über milden Zuspruch aus dem WäääWääääWääää freuen kann, scheint sich Joe Budden seit seiner “Mood Muzik”-Reihe eine kleine Armee an Stans aufgebaut zu haben. Internethype hin oder her: der Joseph kann rappen. Und schreiben. Aber Beats picken kann er nicht. Oder will er nicht. Und er ist auch weiterhin mit einer wirklich fürchterlich charakterlosen Stimme gestraft. Kein Wunder, dass “Padded Room” schnell in Belanglosigkeit versinkt. Mehr Gedanken über den perfekten Beat macht man sich beim Disc System und Inner Science. In typischer PMC-Manier, mit erderschütternder Percussion-Lastigkeit, diversen Electronica-Sperenzien und Kurzausflügen in Richtung Broken Beat und Dubstep ist deren Kollaboration eine solide Ergänzung für das neu einzuführende Fach Beat Excursions.
Etwas geradliniger programmiert Onra auf “1.0.8.”, einem hörenswerten Beattape-not-Beattape, das an seine besten Momente anknüpft. Immer etwas neben der Spur, nie korsetthaft destilliert der Franzose die wichtigsten Ingredienzien der Stones Throw Schule mit elektronischeren Ansätzen. Sehr gut. Ähnliches gilt für den Wiener Dorian Concept, dessen Namen sich inzwischen immer öfter in einer Reihe mit Rustie, Flying Lotus, Hudson Mohawke oder Joker findet. “When Planets Explode” klingt, als hätte sich jemand mathematisch mit dem so schrecklich titulierten Aquacrunk-Phänomen auseinandergesetzt. Ein wirklich hörenswerter Full-Length-Einstand auf hohem technischen Niveau. Und der Beat hört nicht auf. Auch Harmonic 313 bestreitet den Großteil von “When Machines exceed human intelligence” ohne Vokalisten. Sperrig und verspielt wird hier gezeigt, wie ein ‘Oizo macht Detroit Hip Hop’ – Szenario klingen würde. ******************************************************************** Und sonst so:
Der Geheimtipp des Monats kommt direkt aus der Echokammer von Disrupt. “The Bass has left the building” ist grandioser 8-Bit-Dub-Hop-Wahnsinn. Gemeinsam mit Quarta 330 das Beste, was das, was man durchaus auch Gameboy-Step schimpfen könnte, so zu bieten hat. Dub ist und bleibt auch ein Fixpunkt bei Ben Klock. Dessen Debütalbum “One” verbindet den typischen, industriellen Berghain-Techno, der sich stets vor Basic Channel, Detroit und eben Dub verneigt, mit Ambient- und Electronica-Skizzen. Eins dieser raren Beispiele, dass ein Technoalbum auch zuhause funktionieren kann. Ach und mit “Gold Rush” findet sich sogar ein Track, der in genau dieser Form auch über Skull Disco hätte erscheinen können. Für knapp 20 Euronen kann der Wachs-Verachter jetzt seine Lücken in Sachen Rekids rasch schließen. “Rekids Revolution” versammelt zahlreiche Tracks vom Chef persönlich, aber auch die kosmischen Discohouse-Entwürfe von Toby Tobias finden hier Platz. Auf der begleitenden 2×12” findet sich außerdem geiler unveröffentlichter Scheiss von u.a. Boola, Spencer Parker und Tedd Patterson. Schon schön und ein guter Überblick über die Schnittmenge House/Techno.
Eher enttäuschend dann Gui Borattos “Take my breath away”. So ganz weiß ich immer noch nicht woran es liegt, aber irgendwie greifen hier die Einzelteile nicht ineinander. Peak-Geboller, Eso-Trip Hop, Trance-Käse – irgendwas passt nicht. So ziemlich gar nichts passt auf “Invaders must die”. Das neue The Prodigy Album klingt größtenteils so, als hätten Pendulum beschlossen Does it offend you, yeah? Songs zu covern. Pfui deibel. Auch Yuksek und “Away from the sea” schafft es nicht, das – machen wir uns nichts vor – mächtig stagnierende Distortion-Bratz-Rave-Ding aus der Krise zu hieven. Wäre 2007 sicher ein Bringer gewesen, jetzt bleibt außer dem hübschen “Tonight” und dem Slap-Bass in “So Down” nicht viel hängen.
Besser machen das die beiden Engländer Shadow Dancer, deren “Golden Traxe” auf BNR die allzu plakativen Synthies von Yuksek durch fiese Chop Ups und wildes Geglitche ersetzt. Auf Albumlänge jedoch etwas ermüdend und im Endeffekt halt doch eher nur ein Haufen Oizo B-Seiten. So, als nächstes hätten wir dann Diplos Remix-Sammlung “Decent work for decent pay” die mich vor allem darin bestätigt, dass Diplo in erster Linie ein großartiger DJ und Produzent (M.I.A. und “Florida”, anyone?) ist. Seine Remixarbeiten kacken im Vergleich dazu aber leider mit schöner Regelmäßigkeit ab. Einen Schritt voraus ist ihm in dieser Hinsicht Jesse Rose, der in allen drei Disziplinen Bestnoten verdient hat. Auch sein Albumdebüt “What do you do if you don’t?” ist ein superes Beispiel für Jesses Vielseitigkeit, ohne jemals den Spaß auf dem Flur zu kurz kommen zu lassen. Geiler Typ.
Zu Arthur Russells “The Sleeping Bag Sessions” sag ich nix. Außer ‘Kaufen’ und ‘niemand wird es bereuen’. Ach und vielleicht noch, dass man hier nachhören kann warum ein Moodymann heute klingt wie er klingt. Die Funky-Breakbeat-Fraktion wird von Dieslers “Tracks on the Rocks” bedient. Tru Thoughts- und Smoove-Anhänger: ihr wisst Bescheid. Den Östrogenreigen leiten wir mit Candi Staton ein. Die hat ja nun bekanntermaßen solche Über-Schwofklassiker wie “Young Hearts Run Free” in ihrer Vita vorzuweisen. Dass die werte Frau aber auch noch in gesetzterem Alter innerhalb von 3 Minuten all die Duffys und Adeles obsolet macht, lernen wir auf “Who’s hurting now”. Ein ähnlich beeindruckendes Comeback wie Al Greens letztjähriges “Lay it down”.
Bevor wir uns wieder altehrwürdigen Kulturdenkmälern widmen, ein kurzer Abstecher zu Lily Allen. Der Wettbewerbsvorteil ist mittlerweile dahin, charmant bleibt eines der ersten großen Myspace-Phänomene aber auch auf “It’s not me, it’s you”. Allerdings vermisst man schon diesen leichtverdaulichen Ronson-Funk. Hier regiert jetzt doch zu oft das Formatradio. Dort nicht landen wird wohl die große Marianne Faithfull mit “Easy Come Easy Go”. Zu spröde, zu leidend ist ihre Coversammlung. Ach ich sag’s einfach: das weibliche Pendant zum späten Johnny Cash. Oder zumindest ist sie davon nicht ganz so weit entfernt wenn einen die Gänsehaut bei “The Crane Wife 3” oder “Children of Stone” einholt. Mit ihr im Studio: die ganz großen Singer/Songwriter-Instanzen. Hm, Morrissey. Immer noch da, aber auf “Years of Refusal” scheinen ihm dann doch die Ideen etwas ausgegangen zu sein. Ja, der Drummer darf
Ach ja, es gibt ein neues U2 Album namens “No name on the horizon”. Besprechen tu’ ich das aber erst wenn Bono die Brille wechselt und aufhört einer der größten Douchebags auf dem Planeten zu sein. Die White Lies machen auf “To lose my life…” nichts aber auch gar nichts was nicht schon 2644 mal dagewesen wäre. Natürlich braucht die Welt nicht noch einen Joy Division Klon, Interpol und die Editors wollen schließlich auch Geld verdienen. Aber wie gut die Hälfte all dieser Reagenzglas-Bands haben die Herren halt auch den ein oder anderen Indiedissen-Hit in petto. Und “Let’s grow old together and die at the same time” ist einfach eine so sinnfreie wie schöne Zeile. Irgendjemand hat das irgendwo mal als “Art Brut without the irony” beschrieben. Kommt auch hin. Zach Condon packt wieder die Balkan-Schunkelkeule aus. Beiruts “March of the Zapotec” fügt dem Vorgänger einige elektronische Elemente hinzu, die jedoch eher als Beiwerk zu bezeichnen sind. Aber wie der Ami sagen würde: I have a huge boner for diese Mischung aus Indie-Sensibelchentum und “Schwarze Katze, Weißer Kater”-Getröte.
Oops! Pow! Surprise! Not. Das alljährliche M. Ward Album – dieses Mal hört es auf den Namen “Hold Time” – verdeutlicht mal wieder, warum der Herr aus Portland ein von Spex-Lesern so hoch geschätzter Songwriter ist. Ein im Jahre 2009 von den 50s Inspirierter übrigens. Wer sich die Peinlichkeit ersparen will, Mitte Juli beim Grillen dieser attraktiven Brünetten nicht folgen zu können, die die ganze Zeit von den “MGMT des Jahres 09” spricht, kauft sich schon jetzt das Debüt von The Pains of Being Pure at Heart. Noch mehr Konsens erntet The Whitest Boy Alive und deren “Dreams”-Nachfolger. “Rules” ist Emo, “Rules” ist Disco, “Rules” ist Erlend, “Rules” ist das fehlende Bindeglied zwischen Garagen-Band und Bedroom-Produzententum. “Rules” rult. Auch rulen tut wie immer alles in der folgenden Playlist, die ich einfach mal auf 25 erweitert habe. So als Statement gegen Opel, Franjo und das allgemeine Gesundschrumpfen. ******************************************************************** Playlist: 1) MF Doom – Cellz kaufen ******************************************************************** ******************************************************************** |











