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Wie gewohnt wenig los im Bereich 90 BPM zu Beginn des Jahres, aber immerhin gibt es noch einige spannende Überbleibsel aus Nullacht zu begutachten. Außerdem: Animal Collective, Franz Ferdinand, Antony & The Johnsons und zwei afrophile Polen… Hip Hop Hausen:
Mangels Alternativen beginnen wir direkt auf der Insel. Wiley hat sich nach den Charterfolgen der jüngsten Vergangenheit auf “See clear now” in die Kreativpause verabschiedet. Die Singles bleiben monströs und mit dem von Hot Chip inszenierten “Step by Step” ward ein neues Monstrum geboren, der Rest aber ist ein schmerzhafter Major-Spagat. Man kann die unterträglich käsigen Hooks und Bassline-Proll-Beats aber immerhin schnell aus dem Gedächtnis streichen, wenn man sich stattdessen auf den wesentlich unterhaltsameren Beef mit Durrty Goodz konzentriert. Rüber nach Detroit. Ein besseres Gespür für gesungene Hooks haben traditionell die Platinum Pied Pipers, deren Zweitling “Abundance” sich komplett frei gemacht hat von Rap-Beiträgen. Stattdessen gibt es ein buntes Potpourri aus Funk, Salsa, Gospel, Neo-Soul und harten MPC-Beats, auf das sich prima onanieren lässt, wenn Gilles Peterson der Go-To-Guy für die Beschallung der eigenen Hochzeit ist. Retro/Future-Fusion auf extrem hohem Produktionsniveau. Gleiches gilt selbstverständlich auch für Sa-Ra Mitglied (sollten die eigentlich nicht schon vor drei Jahren die Weltherrschaft übernommen haben?) Shafiq, der über Poo-Bah eine exzellente Zusammenstellung entrückter Beatskizzen präsentiert. “Jank Random vs. Earl Leonne – The Frequency Cla$h” ist essentiell für alle, die ihre Dilla-Gedächtnis-Drums gekonnt programmiert haben wollen. Und Flying Lotus gerade einen Schrein bauen. Also eigentlich für alle.
Ebenfalls zum größten Teil instrumental hält es bekanntermaßen DJ Signify, der auf seinem zweiten Album “Of Cities” gewohnt düstere Lehren aus dem Mo’Wax Sound der 90er zieht. Etwas angestaubt das Ganze, aber auch sehr schön in die Jahreszeit passend. Ähnliche Wege gehen die versammelten Knöpfchendreher auf der neuen Project Mooncircle Compilation “Silent in Truth”. Mr. Cooper, Mat Young, Dday One & Co. programmieren mit bewunderswertem Stoizismus an jedem Trend vorbei und sich direkt in die Herzen all derer, die, völlig zu Recht, immer noch wässrige Augen bekommen, wenn die ersten Akkorde von “Building Steam (with a grain of salt)” ertönen. Raps gibt’s von John Robinson. Solides Paket. Weniger Licht, mehr Schatten bei Git Beats und “Say Cheese”. Zu uniform die Beats, zu inkonstant die geladenen Gäste. Trotz Heltah Skeltah, Raekwon und Ladybug Mecca. Für die, gerade in Deutschland wohl noch lange nicht vom Aussterben bedrohte, Dinosaurier-Fraktion aber wohl trotzdem lohnenswert. Das war’s schon gewesen in Sachen Hip Hop, aber im Januar zu veröffentlichen gilt dort traditionellerweise als uncooler than Impotenz und Ford Fiestas zusammen. ******************************************************************** Und sonst so:
Animal Collective kacken gepflegt auf solche Codes und bescheren uns mit “Merriweather Post Pavillion” schon Anfang Januar das potentielle Album des Jahres. Ähnliche Qualitäten kann man “Tonight” von Franz Ferdinand nicht attestieren, aber immerhin ist Album Nummer 2 nach dem großen Postpunk-Kater zumindest solider Sleeze-Pop mit Indiedissen-Garantie. Die Australier von Empire of the Sun möchte man für ihr Coverartwork ganz doll verhauen, aber es lässt sich nicht leugnen, dass zumindest der Titeltrack “Walking on a dream” mit seiner fast Phoenix’schen Leichtfüßigkeit zu Recht ein Konsenshit ist.
Schwere Kost liefern hingegen Antony & The Johnsons auf “The Crying Light”. Der Kollege Pathos klopft immer wieder an die Tür, aber Madame Melancholie will lieber allein bleiben. Ein Gänsehaut-Album. Und eine der drei besten Stimmen im Musikzirkus. Für Circlesquare und “Songs About Dancing and Drugs” breche ich anschließend alle journalistischen Ehrenkodi, die es zu brechen gibt und zitiere einfach mal die Kollegen von De-Bug in voller Länge: —— “Man nehme die Kokain-Coolness von Swayzak oder gewissen Momenten bei Underworld, den sexy Funk von Supercollider, speziell deren Jamie Lidell und das Schräge von David Byrne zu Talking-Heads-Zeiten, vermengt mit neuen Elementen und dem Jahr 2008, dann landet man bei Jeremy Shaw, dem Mann hinter Circlesquare. Acht vollkommen unterschiedliche Tracks, Songs, Dinger strömen auf einen zu und explodieren wie ein überraschendes Feuerwerk nicht zu Silvester. Kleinen Hymnen im Indie-Duktus, ohne Shoe zu gazen. Nein, Circlesquare ist ein kleines Großmaul, er sollte noch lauter schreien. Kokain unnötig, Droge an sich. Keine Lust mehr auf Begründungen. Coole Scheiße. Abbrech. And now we all dance.” —- Spot on, sach ich mal. In der letzten Inventur unterschlagen: Die Eagles of Death Metal und “Heart on”. Der Bandname bleibt großes Kino, die Musik vermutlich auch. Wenn man denn schraddeligen Rock & Roll geil findet. Ich gähne herzhaft.
Leider auch nicht meine Baustelle sind die von Omar Rodriguez Lopez dargebotenen Frickeleien auf “Old Money”. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich Gitarren schreien höre, denke ich immer noch an Dream Theater und Rush. Und das heißt nichts Gutes. You win some, you lose some, nä Herr Erdnussbutter? Von prätentiösem Geprogge zu understated Beatscience: Lukid veröffentlicht mit “Foma” ein wunderbar in die Diskografie von Werk passendes Album, das blubbert wie Flying Lotus und fiepst wie Zomby. Slo-Mo-Psych-Detroit-Glitch-Tech-Step. Modeselektor meets Boards of Canada. Keine Ahnung, aber tolles Album. Das erste Album von Telefon Tel Aviv für Bpitch Control wird überschattet vom Tode Charlie Coopers, der einen Hälfte des Chicagoer Duos. Und so klischeehaft es jetzt klingt: “Immolate Yourself” ist tatsächlich dunkler und kälter als die vorangegangenen Alben. Früher hätte man sowas IDM genannt, heute verweist man auf die sinistren Momente im Oeuvre von New Order und murmelt “Blade Runner”.
Düster ist auch Fennesz’ “Black Sea” geworden, wenngleich die Mittel andere sind. “Black Sea” ist eher eine Ambient-Symphonie als ein typisches elektronisches Album. Filmmusik klar, verspielt und komplex sowieso. Lohnend aber erst, wenn man sich viel viel Zeit nimmt. Weiterhin erfolgreich im Versteck spielen sind Pom Pom, deren erster Longplayer mit schwarzem Cover und durchnummerierten Tracks keinerlei entmystifizierende Anstalten macht. Handwerklich einwandfreier Techno mit einem Hang zur Berghain’schen Ästhetik. Wesentlich organischer halten es die Polen von Catz ‘n Dogz deren “Stars of the Zoo” perfekt jazzige Perkussivität mit trockenem Minimal-House verbindet. Wer dOP, Guillaume & The Coutu Dumonts, Bruno Pronsato und den Output von Oslo feiert, kommt hier voll auf seine Kosten. 4 supere 12“s mit ebenfalls superen Remixes sind bereits erschienen, die VÖ auf 2LP lässt aber leider immer noch auf sich warten.
Minimal gehaltener House ist auch das Stichwort für die Katalognummer 100 von Get Physical Music. Dort wird weiter munter drauflos geclasht, Punktsieger sind eindeutig M.A.N.D.Y. vs. Booka Shade, sowie Noze vs. Italoboyz. Discoider geht es bei Loud E zu, der sich auf “Loudefied” durch seine Plattenbörsen- und Flohmarkt-Schätze gräbt und kräftig samplet und editiert. Erinnert an In Flagrantis “Sounds Superb”-Reihe und ist somit automatisch eine Empfehlung wert. Wer schon immer wissen wollte, wie eine Ed Banger Platte mit Turntablism-Grundierung klingen würde, kann sich jetzt Birdy Nam Nams “Manual for successful rioting” ins Regal stellen. Die Hip Hop Sozialisation schimmert immer durch, dennoch ist das Randale-Handbuch in erster Linie fettleibiger Nu-Electro. Kommt leider 2 Jahre zu spät um wirklich zu schocken. Was nicht heißt, dass man hierzu nicht prima das Haupthaar schütteln könnte.
Auch eher mit der Keule unterwegs ist Ramon Tapia, der auf “Mini Jack” gerne mal Boller-Rave zwischen angejackten House und minimalere Tech House-Stampfer packt. Funktional und im Wohnzimmer herzlich unspektakulär. So ganz im Klaren bin ich mir immer noch nicht, ob das was Schwefelgelb machen geil, oder doch eher eine vom Feuilleton durchgewunkene Klugscheisser-Interpretation von Deichkind ist. Urteil wird vertagt, aber in die Beine geht das halt doch schon SEHR. Und gleich nochmal die 80er. zZz und ihr Debüt “Running with the beast” hätte gut und gerne auch über Kitsune erscheinen können. Waviger Dance-Rock mit Lo-Fi-Anleihen und dezenten Prog- und Mucker-Ambitionen – nichts wirklich Spektakuläres, aber schlecht geht auch anders. Auch bei der Trackauswahl für diesen Monat finden sich noch zahlreiche 2008er, aber zum Beispiel auch schon ein Vorbote aus dem erst im Mai erscheinenden dritten (und extrem guten) Junior Boys Album “Begone Dull Care”. Piiiies out, ich muss wieder zurück ans Set. ******************************************************************** Playlist: 1) Curses! – The Deep End (Holy Ghost! Remix) ******************************************************************** ******************************************************************** |









