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Zum Jahresausklang eine Doppelfolge mit Kanye, Common, Luda, EPMD, Scarface, John Robinson, Madlib, Ras-G, Oizo, Carl Craig, Skull Disco, Metro Area, Starkey, Zomby, Deerhunter undundund Hip Hop Hausen:
Über Kanye Wests “808s & Heartbreak” noch Worte zu verlieren, ist im Januar 2009 dann doch eher redundant. Ja, es ist diffus. Ja, es ist kein Hip Hop Album. Ja, man sollte schon Autotune-resistent sein. Ja, er hat in der Tat wirklich mehr 303s als 808s benutzt. Ja, es ist eine Quarter-Life-Crisis-Platte. Nein, Ye wird nicht in fünf Jahren den Lionel Richie bei Gottschalk auf dem Sofa geben. Nein, schämen muss er sich hierfür nicht. Aber auch nach all dem Schall und Rauch: so richtig runterbrechen auf “gutes Album/schlechtes Album” lässt sich “808s & Heartbreak” auch nach 1,5 Monaten nicht. Etwas leichter fällt es Common für “Universal Mind Control” abzuwatschen, wenngleich Herr Lynn mit “Announcement”, “Punch Drunk Love” und “Gladiator” locker seinen Banger-Schnitt der letzten Jahre hält. Ärgerlich aber, dass designierte Tanzfluralben unterm Strich so nicht klingen sollten. Und wer sich für das “Illmatic”-Format entscheidet, sollte nicht fast die komplette zweite Albumhälfte mit Banalitäten vor die Wand fahren. Wie üblich auch wieder mit viel Licht und Schatten: Ludacris’ “Theater of the Mind”, das neben wirklich hervorragendem Material, man denke an den staubtrockenen Premo-Banger “MVP”, die geglückten Elefantenhochzeiten “I do it for Hip Hop”, “Last of a dying breed” und “Wish you would”, sowie der ungemein pushenden Tschakaaaa-Abfahrt “Undisputed” eben auch poliertes Jam FM-Futter mit den Heulsusen Chris Bown oder T-Pain bereithält. Dem Rechtsklick sei Dank lässt sich daraus aber immerhin eine tolle EP basteln.
Ordentlich Spaß macht dann auch EPMDs “We mean business”, auf dem Erick & Parrish zwar manchmal zu verkrampft versuchen im Hier und Jetzt anzukommen, aber so lange man diesen beiden Stoikern noch beim Lines austauschen beiwohnen darf, sollte man sich glücklich schätzen. Dass die Produktionen bisweilen erschreckend schwachbrüstig ausgefallen sind, vergisst man schnell wieder, wenn Vintage Def-Squad-Funk Marke “Roc-da-Spot” aus den Boxen tropft. Apropos stoisch: genau so macht auch das alterwürdige Narbengesicht aus Texas mit “Emeritus” weiter. Scarface kündigt hier mit tatkräftiger Unterstützung von Mike Dean und Z-Ro seinen Abschied aus dem Geschäft an, dran glauben möchte man nicht. “Made Pt.2” trifft’s am besten und das geht auch in Ordnung. Eher was für die Pitchfork-Meute, die Herrn Coles erst mit “Fishscale” für sich entdeckten, ist Ghostfaces “Ghostdeini the Great”. Halb B-Seiten-Resterampe, halb Greatest Hits Album – lieblos as fuck und auch “Ghostface X-Mas” ist nicht halb so sensationell geworden wie erhofft. Vertragserfüllung nennt man sowas wohl.
Dafür kommen wir jetzt zu einer Herzensangelegenheit: John Robinson hat endlich sein laaaaange angekündigtes Album mit MF Doom in den Läden. Blöd nur, dass der Maskenmann in den vergangenen Jahren nicht nur seine “Special Herbs”-Reihe in die Regale stellte, sondern jene Beats auch noch exzessiv an andere Interessenten vertickte. So leidet “Who is this man?” leider etwas an mangelnden Überraschungen bezüglich der von Doom zur Verfügung gestellten Instrumentals. Neue Beatgerüste bekam John Robinson dann allerdings für “I am not for sale” von solch ausgewiesenen Könnern wie Flying Lotus, Jneiro Jarel oder J. Rawls hingestellt. Wunderbar abgehangener angejazzter Post-Dilla-ismus garniert mit Robinsons tiefenentspanntem Habitus. Gelungene Geschichte. Wer 2008 immer noch feuchte Augen bekommt angesichts neuer Töne vom hässlichen Entlein, muss in einem Goodbye Lenin’esken Paralleluniversum leben. Bevor ich hier aber so richtig vom Leder ziehe und Ugly Ducklings “Audacity” als Jugendhaus-Rap diffamiere, widme ich mich lieber dem nächsten Programmpunkt.
Der hört auf den Namen 88-Keys und verbindet auf “Death of Adam” beeindruckend lässig die unterschiedlichsten Schulen. Kid Cudi, Redman, Kanye, Phonte – hier hat man Spaß, hier wird gefeiert. Mit Rucksack statt Umhängetasche. Zu Jedi Mind Tricks “A History of Violence” schweige ich mich, bis auf ein “gruselig”, dann besser ganz aus. Wer will schon Vinnie mit Schaum vor dem Mund vor der Haustüre stehen haben? Tollwütige Schaumschläger findet man auf Jake Ones “White van music” glücklicherweise keine, dafür aber gleich zweimal einen prächtig aufgelegten Daniel Dumile, einen wie immer präzise operierenden Elzhi, ein hervorragendes Pos & Slug Duett und vor allem jede Menge versatiler Beats. Für eine Compilation schon beinahe beängstigend konstant.
Versatile Beats? Yessir, give it up for my Delling-Steez. Die Steilvorlage für die von Ras-G auf “Ghetto Sci-Fi” zelebrierte Beat-Science wird eiskalt in den Winkel geköpft. Ganz seinen Spezis Flying Lotus und Samyiam verpflichtet, interpretiert Ras den dreckigen, verrauschten Lo-Fi-Funk eines Madlibs und den insularen Hyperdub-Eklektizismus neu und schafft somit einen eigenständigen Soundentwurf, der in seiner Kompromisslosigkeit absolut zwingend ist. Sagte ich gerade Madlib? Der Papa hat den fünften und sechsten Teil seiner Beat Konducta-Saga draußen und sich damit selbst übertroffen. Viele haben es in den letzten Jahren versucht, aber keiner kanalisierte die “Donuts”-Ästhetik des großen Meisters besser als dessen Bruder im Geiste auf den “Dil Withers & Dil Cosby Suites”. 42 Beatskizzen, so schlüßig und zwingend verwoben, so tieftraurig und doch so hoffnungsspendend. Gänsehaut Galore. Wir bleiben im Stones Throw Reich und lobpreisen die locker-flockigen Boogie-Beats von Dam-Funk auf dessen Beitrag zur “Rhythm Trax” – Reihe. Sollte man haben. ******************************************************************** Und sonst so:
Nicht nur haben sollen, sondern müssen tut man “Lamb’s Anger”, dieses Wahnsinnsgerät von Mr. Oizo. Aber das sollte bekannt sein. Wer außerdem besonders sophisticated sein will, stellt sich schnell noch Carl Craig & Moritz von Oswalds “Recomposed” ins Expedit. Dort dekonstruieren die beiden klassische Kompositionen und kleiden diese dann in warme elektronische Tech-Sounds. Das erstaunliche hierbei: es wirkt wesentlich weniger gezwungen und elitär als man befürchten konnte. Ähnlich clever produziert: Lulu Rouges “Bless You”, das Langspielrillendebüt eines Duos, das mit Trentemoller genau den richtigen Duzfreund gefunden hat. Genau die richtige Mischung aus Songwriterambitionen, blubberndem Dubtechno und Ambient-Electronica.
Mächtig all-over-the-place präsentiert sich Dave Aju auf “Open Wide”, seinem Einstand für Circus Companny. So housy war Funk selten, so 4×4ig hat man Soul selten gehört. Wundertüten-Styles for the win. Weniger Ausbrüche liefert Agoria auf “Go Fast”. Hypno-Techno und Paranoia-House, geradlining und sauber ausproduziert. Wogegen prinzipiell nichts einzuwenden ist. Wenn Mix-CDs hier Platz finden wollen, müssen sie schon Außergewöhnliches leisten. Genau das und noch mehr schafft Metro Areas Beitrag zur “Fabric” – Serie. Größtenteils zusammengesetzt aus obskuren 80s-Disco/Boogie-Platten, sind diese gut 70 Minuten vom augenzwinkernden Intro bis hin zum Ausklang mit Devo nichts weniger als eine Sensation.
Die Disco im Namen, kalte Metallsplitter im Herzen. Dass die Herren Shackleton und Applebim mit der 2CD “Soundboys’ Gravestone” den Betrieb von Skull Disco einstellen, ist nur schwer zu verkraften, aber wenigstens tun sie dies mit einem adäquaten Rundumsorglospaket. Auf der zweiten CD gibt außerdem noch zahlreiche Remixarbeiten, die genauso wie die Originale noch einmal eindrucksvoll verdeutlichen, wer Dubstep Berghain-tauglich gemacht hat. In technoiden Gefilden ebenfalls wohlfühlen tut sich Tempas Headhunter, dessen bereits Ende September erschienenes Album “Nomad” hier bisher zu Unrecht noch keine Erwähnung fand. Wird hiermit nachgeholt und mit einem zünftigen “Kaufen! Marsch Marsch!” abgefrühstückt. Noch nicht so ganz verliebt habe ich mich in Distances zweites Album “Repercussions”, nach dem großartig bösartigen Debüt “My Demons”. Kommt wahrscheinlich noch, bei -6º könnte dieser industrial-gefärbte Dampfhammer-Step vermutlich seine größte Wirkung entfalten.
Wir bleiben dubsteppig: Skream erfindet auf “Skreamizm 5” das Rad nicht neu, aber gerade das ungemein effektive “Filth”, das hektisch-melodiöse “If you know” mit seiner billigen, an Joker erinnernden, Casio-Line und das 2-Step lastige und bei Burial spickende “One for the heads who don’t remember” sollte man sich nicht durch die Lappen gehen lassen. Fast alles richtig macht Starkey auf “Ephemeral Exhibits” einem von Kollege von der Vring bereits seziertem Zwitter aus Dubstep-Wummern, Grime-Hektik, Glitch Hop und elektronischem Gebolze. Auch Zomby brilliert wie üblich auf seiner 2×12” für Hyperdub. Bleepig-verspielter 8BitFrickelTechGlitchStep-Madness, einzig das atmosphärische “Test me for a reason” hätte durchaus mehr als zwei Minuten Spielzeit verdient gehabt.
Wo wir beim Thema ‘verspielt’ und ‘atmosphärisch’ wären: Im September noch ohne nachhaltige Wirkung an mir vorbeigezogen, hat sich Sheds fieses “Shedding the Past” in den kalten Monaten permanent in diesen Gehörgängen eingenistet. Als würden sich Burial und Aphex Twin an einem Montagmorgen in einem Berghainer Hinterzimmer treffen und beschließen eine Techno-Platte zu programmieren. Ganz groß. In Sachen Tempo nicht unbedingt vergleichbar, aber durchaus auch mit einem großartigen Sinn für Düsterkeit und Dramatik ausgestattet: die School of Seven Bells, deren “Alpinisms” irgendwo zwischen Warp zur Jahrtausendwende, The Postal Service und Four Tet balanciert und zum Teil großartig sakrale Electronica liefert. Man höre exemplarisch nur “Iamundernodisguise”. Hier bisher vernachlässigt: Minilogues “Animals” Doppelalbum. Die zweite Disc mit wabrigem Ambient ist zu arg Boards of Canada-Derivat um eine langwierige Auseinandersetzung zu verdienen, aber die erste CD geht mit ihrem leicht angeprogten, minimalen Tech House durchaus in Ordnung.
Irgendwie halbgar präsentiert sich “Duck, cover & hold”, das Debütalbum des hochgehandelten Schweden Styles of Eye. Ab und an zu arg Hände-in-die-Luft’ig, machmal überfrachtet, dann wieder zu trancig – immer wieder hakt eine Kleinigkeit. Außer Konkurrenz aber der Zirkusschaukler “Clown”, der ist so lustig wie gelungen. Auf ganz anderen Hochzeiten tanzen Deerhunter, deren Zweitling “Microcastle/Weird Era Continued” besonders mit dem Teil nach dem Schrägstrich punktet. Schrammeliger Lo-Fi-Post-Punk soll und muss heute so klingen. Ebenfalls an dieser Stelle noch nicht erwähnt: Portugal the Mans “Censored Colors”. Orgel- und 60s geil wie sie halt alle sind, die neuen Hippies. Und ähnlich wie MGMT oder Yeasayer halt auch mit diesem enormen Talent für die richtige Melodie und Hook gesegnet. Gute Platte. ******************************************************************** Playlist: 1) Animal Collective – My Girls kaufen ******************************************************************** ******************************************************************** |












