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_Am 21. Juni 2008 hatte die Vinyl-LP 60. Geburtstag, wozu vielerorts gratuliert wurde. Aus diesem Anlass wollen wir wollen neben ein paar »Hintergrund«-Informationen v.a. einen möglichst persönlichen Einblick in das Verhältnis von Vinylliebhabern zu ihren Scheiben geben. Denn eine der spannendsten Fragen in Sachen Vinyl ist sicher nach wie vor, weshalb viele erwachsene Leute in Gedanken an das »schwarze Gold« leuchtende Augen bekommen. Den Großteil dieses Specials machen daher die kurzen Geschichten unserer Gastautoren aus der Szene aus, die auf den Folgeseiten zu finden sein werden. Dendemann, DJ Mad, DJ Shir Khan, Double D, Marc Hype, Peter Adarkwah, RJD2, Sepalot und ZEB.ROC.SKI haben sich Zeit genommen haben, um von jeweils einem ihrer Vinyl-Babies zu erzählen. _ Peter Adarkwah
Roy Ayers Quartett, All Blues-LP, Denon 1967 Jeder weiß, dass ich ein Roy Ayers-Freak bin. Ich dachte immer, Roy hätte erst 1970 angefangen, Platten aufzunehmen. Im Jahr 2000 entdeckte ich in einem Tokioter Plattenladen dann jedoch eine Scheibe mit dem Titel »All Blues« von 1967, die offenbar nur in Japan erschienen ist. Das Label war Denon, von denen ich bis dahin nur HiFi-Komponenten kannte. Es ist eine straighte Jazz-Platte, nicht der Fusion-Stuff, den man sonst von Roy kennt. Ich hatte die Platte nie zuvor gesehen und habe sie bis heute auch nie wieder entdeckt. Damals akzeptierten die Jungs im Plattenladen nur Bargeld, was mich in Verlegenheit brachte. Ich rannte lange auf der Straße rum, um einen Geldautomaten zu finden, der meine Karte akzeptierte. Als ich Roy später kennen lernte und mit ihm wegen der »Virgin Ubiquity«-Unreleased- Recordings für BBE zusammen saß, sprach ich ihn auf die Japan-Platte an. Er meinte, er habe selbst keine einzige Kopie mehr. Ich kann das verstehen, manchmal geht es mir mit Platten meines eigenen Labels auch so. Du stellst dir vorsorglich zehn Kopien zu hause in eine Ecke und verschenkst sie dann doch nach und nach. Am Ende musst du sie selbst kaufen. Ich habe kurz überlegt, sie Roy zu geben. Dann habe ich es nicht getan. Ich glaube auch nicht, dass ich sie je wieder finden würde. Dafür hat Roy auf der Rückseite unterschrieben. DJ Mad
The Classical 2, New Generation (12-Inch), Rooftop Records, 1987 Der Song mit seiner sehr charakteristischen Basslinie war in der Anfangszeit von Yo! MTV Raps die Hintergrundmusik zu einem Trailer, in dem alle meine neuen Raphelden wie Queen Latifah, De La Soul oder Big Daddy Kane gezeigt wurden, und der mindestens einmal pro Sendung lief. Produziert von einem gewissen Teddy Riley, der später mit seinen Gruppen Guy und Blackstreet zu Weltruhm gelangen sollte. Die Existenz dieser Scheibe hatte ich nur vermutet, bis ich sie bei 5 Sterne-DJ Mario Coolman das erste und einzige Mal zu Gesicht bekam. Nach mindestens dreizehn Jahren des Suchens kam mir dann letztendlich eBay.co.uk zur Hilfe – der Preis lag bei 20 Pfund Sterling (was einem egal ist, wenn man ein so altes Problem damit aus dem Kopf bekommt). New Generation ist neben »Shadrach Mission« von den Beasties (zweite Single aus »Paul‘s Boutique«) die einzige Scheibe, die sichtbar vor allen anderen im Regal stehen darf und die mich daran erinnert, dass man seinen Träumen nicht zu lange hinterher suchen darf, sonst ist plötzlich das Leben vorbei – denn spielen kann man den Song heute kaum noch, was mich nicht natürlich davon abhält… DJ Shir Khan
Jingo De Lunch, Cursed Earth EP, Bonzen Records 1988 Mit 13 Jahren fing ich als Skater an, mir Platten von den Ramones, Lurkers und Stiff Little Fingers zu kaufen. Meine Lieblingsband kam aber aus Berlin: Jingo De Lunch. Sie klangen wie ein Bastard aus Heavy, Punk und Speedmetal mit einem gewissen Popappeal. Alle Jungs auf meiner Schule standen krass auf die Sängerin Yvonne Ducksworth, genau wie ich. Jingos zweite Platte »Cursed Earth« war auf 2.000 Stück limitiert und wurde schon damals für bis zu 200 DM gehandelt. Das war natürlich unerschwinglich. Mein bester Freund hatte sie aber und ich wollte sie auch unbedingt haben. Zum Spaß haben wir dann einfach mal ins Telefonbuch gekuckt und siehe da: Yvonnes Ducksworths Nummer stand samt Adresse drin. Irgendwann nahmen wir allen Mut zusammen, riefen an und schoben einen total idiotischen Grund vor, um sie zu treffen: Wir behaupteten, ihren Song »Different World« von der »Axe To Grind«-Platte covern zu wollen. Die Platte hätten wir, die Lyrics dazu verloren. Sie war super nett und schlug uns vor, in den Djungel, eine legendäre Charlottenburger Disko, zu kommen. Dort traute ich mich dann, nach der »Cursed Earth« zu fragen. Leider hatte sie aber nur noch ihre eigene Kopie zu Hause. Dafür schrieb sie uns dann die Lyrics zu »Different World« auf einen Zettel, wobei sie selbst etwas unsicher war – viele Sätze hat sie wieder durchgestrichen. Mein Kumpel und ich machten dann den Deal, dass jeder den Zettel abwechselnd für einen Monat aufbewahren durfte. Heute bin ich immer noch im Besitz des Zettels – er steckt in meiner »Axe To Grind«-Platte. Die »Cursed Earth« bekam ich übrigens wenig später von einem Mädchen, das vier Klassen über mir war. Double D
Too Short, Born To Mack-LP, Jive Records 1987 Ich war 1987 im Alter von 16 Jahren zum ersten Mal in San Francisco. Aus dem Spraycan Art-Buch wusste ich von der Hall Of Fame im Crocker Park und kam auf dem Weg dorthin in der Moscow Street an einem Plattenladen namens »Adrian Parker‘s House Of Records« vorbei. Da ich von Platten damals noch wenig Ahnung hatte, bat ich um ein paar Empfehlungen. Ein kleiner Kerl mit asiatischen Wurzeln, der mit dem Inhaber befreundet war und gerade im Laden abhing, gab mir ein paar Tipps. U.a. zeigte er mir Too Shorts‘ »Born To Mack« und meinte »Das ist ein Typ aus Oakland, der ist cool.« Wir haben uns kurz unterhalten und er lud mich dann zu sich nach Hause ein, um ein paar Platten zu hören. Damals nannte er sich noch DJ QB. Wir sind dann zu ihm und haben u.a. eine DMC-VHS angesehen, die ich dabei hatte. Danach legten wir zum Spaß gemeinsam auf, wobei ich anfangs etwas schüchtern war. Er hat mir dann auch ein paar Tricks zum Scratchen verraten und nach einer Weile jammten wir einfach. Ein paar Jahre später sah ich zu hause wieder ein DMC-Video, das einen Typen namens QBert zeigte, der gemeinsam mit DJ Mixmaster Mike und DJ Apollo (als Rocksteady DJs) gerade das erste Mal die DMC-Meisterschaften gewonnen hatte. Das war original DJ QB! Später gründete er dann die Invisible Scratch Piklz. Letztes Jahr habe ich ihm Abzüge von den Fotos geschenkt, die ich damals in seiner Wohnung gemacht habe. Dendemann Gwen McCrae, Rockin´ Chair-LP, Cat (T.K. Records), 1975 Eine meiner liebsten Platten ist »Rockin’ Chair« von Gwen McCrae aus dem Jahr 1975. Nicht nur, dass ich sie fast so oft gehört habe wie »3 Feet High And Rising« von De La Soul, weil die Scheibe einfach nur gut tut, sondern natürlich auch aufgrund ihres aufdringlichen Bezugs zu Hip-Hop. Ich habe 1995 in New York ein Promo-Tape geschenkt bekommen, auf dem die bald erscheinende 12-Inch »Danger« von Blahzay Blahzay beworben wurde. Zu einer Zeit, als RZA aus ähnlichem Material schon krasse Bomben gebaut und Premier Cut-Hooks quasi patentiert hatte, war »Danger« für mich ein Mörderklopper, der nur von der enormen Konkurrenz in diesem Jahrgang etwas relativiert werden konnte – oder von seinem Original, Gwens Titelsong von »Rockin’ Chair«. Neben diesem und ein paar herrlichen Balladen sind auf dem Album noch die Smashhits »90% Of Me Is You« und »It Keeps On Raining«, aus dem Blahzay Blahzay gleich mal ihre zweite 12-Inch »The Pain I Feel« schraubten… Wir hams ja, prost! Ich kann dieses Pfund Soul nur jedem wärmstens an die selbige legen, der Bock auf große Songs von noch größeren Stimmen hat. Viel Spaß damit. P.S.: Checkt auch: Gwen McCrae »Live in Paris at New Morning«. Marc Hype
Die hebräische Sex Machine, 7-Inch, 80er Im Sommer 2006 war ich, wie auch in den Jahren zuvor, in Israel unterwegs. Teils Auflegen, teils Urlaub. Auch das Diggen sollte nicht zu kurzkommen, kann ich doch die Elite der Vinyljunkies meine Freunde nennen. Nach diversen Tauschaktionen mit deutschen Funkbreaks sowie einer Stipvisite in den wichtigsten Plattenläden von Tel Aviv blieb ein Wunsch unerfüllt. Es existiert eine hebräische Coverversion von James Browns »Sex Machine«. Ich wusste nur, dass Florian Keller sie besitzen sollte und meine israelischen Kollegen kannten nur drei Leute im ganzen Land, die das obskure Stück ihr Eigen nennen können. Das Problem: Sie kam Anfang der 1980er Jahre nur als Flexidiscbeilage in einem Magazin raus! Quasi unmöglich, sie aufzutreiben. Am selben Tag liefen wir dann aber noch auf dem innerstädtischen Flohmarkt rum, um authentische Souvenirs für Zuhause zu besorgen. Da fiel mein Blick auf einen kleinen, unauffälligen Stand mit allerlei Trödel, alten Lampen und sonstigem Tinnef. Und was stand da angelehnt, vor drei Mickey-Maus-Taschenbüchern, in der prallen Sonne? DJ Schoolmaster von The Apples konnte kaum glauben, dass ich die Scheibe entdeckt hatte. Die umgerechnet vier Euro sprangen mir förmlich aus der Tasche und der Tag war noch etwas sonniger geworden. RJD2
*De La Soul, De La Soul Is Dead LP, Tommy Boy, 1991 * Ich habe natürlich eine Menge Lieblingsplatten, aber wenn ich mich für eine entscheiden müsste, würde ich De La Souls »De La Soul Is Dead« nehmen, die ich als Einfach-Vinyl besitze. »De La Soul Is Dead« war lange Zeit mein Lieblings-Rap-Album. Ich kannte nur ganz wenige, die die LP besaßen. Bekommen habe ich sie durch einen Tausch mit einem Freund, dem ich dafür eine der ersten Sundays-Platten gegeben habe. Die hatte ich zuvor für einen Viertel-Dollar in der Columbus‘ Upper Arlington Bibliothek erstanden, als die ihre Platten loswerden wollten. Offensichtlich hatte mein Freund einen »ganz anderen« Musikgeschmack. Als ich die De La Soul bekam, hatte ich schon vier oder fünf Jahre danach gesucht. Sie war für lange Zeit als Rap-LP schwer zu finden. Tommy Boy hat außerdem noch eine »promo only« Doppel-Vinyl-Ausgabe veröffentlicht, die natürlich noch schwerer zu bekommen war. Die Einfach-LP mit dem Cover war für mich damals genug. Man muss sich dafür klarmachen, dass das lange vor Serato und Vinyl deshalb der einzige Weg war, die Songs als DJ zu spielen. Das Promo-Doppel-Vinyl hätte ich dann später beinahe von einem DJ hier in Philly bekommen. Er wollte sie schließlich aber doch behalten. Stattdessen verkaufte er mir Organized Konfusions »Stress: The Extinction Agenda« für einen Zwanziger. Das war eine andere Scheibe, nach der ich ewig gesucht habe. Prince Paul ist übrigens eine meiner Helden. Leider habe ich ihn noch nie getroffen. Sepalot Ya Bou Kalb Dahab, 7-Inch, Soutelphan (geschätzt: späte 1970er Jahre) Wir waren ja vor zwei Jahren auf unserer Nahost-Tour und ich wollte davon unbedingt Vinyl mit arabischen Songs mit nach Hause bringen. Das Ganze erwies sich allerdings als schwierig, weil Vinyl dort einfach sehr selten ist – die Tapekultur ist da immer noch stärker. Entsprechend gibt es in Ägypten z.B. auch kaum Plattenläden. Der einzige Laden, in dem ich Vinyl gefunden habe, lag im 2. Obergeschoss eines Mietshochhauses in Kairo, in dem jemand einen Antiquitätenladen betrieben hat. Ich kam da Mitten in der Nacht an und habe gegen ca. 1 Uhr morgens an die Tür geklopft. Der Betreiber des Ladens wohnte und schlief dort offenbar und machte mir auf. Ich betrat eine kleine Welt ägyptischer Antiquitäten und kam mir vor wie in einem »Indiana Jones«-Film: Alte Möbel, stapelweise 1960er Jahre-Filmplakate aus Ägypten, cirka 50 Grammophone und ein Haufen Krimskrams, von dem oft nicht ganz klar war, ob es sich um privates Zeug handelte oder ob das für den Verkauf bestimmt war. Hinter einem Schrank stand eine Kiste mit 7-Inches, es gab sogar eine Möglichkeit zum Vorhören. Am Ende bin ich mit einem Haufen 45ern abgezogen. Später haben wir in Alexandria dann ja noch einen Song mit der Y-Crew gemacht, wofür ich ein Sample von einer der 7-Inches benutzt habe. Auf der Single sind interessante Percussion-Passagen, ansonsten eben diese typisch übersteuerte arabische Soundästhetik. Die ganze Reise war äußerst ereignisreich – kulturell und musikalisch. Die 7-Inch daher ein großartiges Souvenir. ZEB.ROC.SKI
Shannon, Let the Music Play (12-Inch), Emergency Records, 1983 Mit Platten hatte ich vor meiner Hip-Hop-Zeit wenig am Hut, abgesehen von ein paar Soundtrack-Scheiben, die ich in meiner »Star Wars«-Zeit auf dem Flohmarkt eingesammelt hatte. In den Sommerferien 1983 habe ich dann bei einem Tischtennis-Wettbewerb in einem Jugendzentrum in Mainz-Laubenheim teilgenommen. Das war fast ‘ne halbe Tagesreise von unserem Dorf Budenheim entfernt. Weil ich den ersten Platz erreicht habe, durfte ich mir (wow!) eine Schallplatte aussuchen. Meine Wahl fiel auf Shannons »Let the Music Play«. Es hat dann noch drei bis vier Monate gedauert, bis ich die Platte tatsächlich erhalten habe. Ich nehme an, es war damals ein Krampf für die Jungs vom Jugendzentrum, das Ding zu bekommen, weil alle coolen Platten nur als Importe erhältlich waren. Das war meine erste 12-Inch. Danach folgten frühe Hip-Hop-Scheiben von West Street Mob, Jenny Burton, McLaren‘s Duck Rock und dann später die Electro-Reihe aus dem UK. Das Lustige war, dass ich zuerst gar keinen eigenen Plattenspieler hatte und die Scheiben deshalb immer von CANTWOs Bruder überspielen lassen musste. Übrigens haben CANTWO und ich genau das Jugendzentrum, in dem ich die Platte gewonnen habe, dann später angemalt – unser erster großer Auftrag. Gesammelt von: Jan Simon |








