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60 Jahre Vinyl

»1948 – 2008«

The Man: Peter Goldmark

Zu verdanken ist das Format der Vinyl-LP Peter Goldmark, einem Elektroingenieur der Plattenfirma CBS. Die Vinyl-LP hat ihre Vorgängerin am Tonträgermarkt – die leicht zerbrechliche Schellack-Schallplatte – in mehreren Disziplinen weit hinter sich gelassen: Auf einen Schlag war in Sachen Klang, Spieldauer und Haltbarkeit ein Quantensprung erreicht. Während auf den mit 78 Umdrehungen pro Minute (UPM) rotierenden Schellacks nur 3 bis 4 Minuten Musik auf einer Seite Platz fanden, erhöhte sich die Kapazität beim Vinyl-LP-Format auf einen Wert weit jenseits der 20-Minutengrenze. So entfiel nicht nur das zuvor erforderliche Plattenwechseln während längeren Stücken – viele Aufnahmen wurden wegen der neuen Möglichkeiten von vornherein ganz anders angegangen. Miles Davis freute sich z.B. dermaßen, als bei seiner zweiten Session für Prestige im Jahr 1951 erstmals mit Blick auf die neue »Microgroove«-Technik gearbeitet wurde: »Ich hatte diesen Dreiminutenkrampf bei den 78er Platten sowieso längst satt. Für wirklich freie Improvisationen war da nie Raum; man musste möglichst schnell in sein Solo reinkommen und dann war‘s auch schon wieder vorbei.« (Miles Davis, Die Autobiographie, Heyne).

12-Inch oder 7-Inch bzw. 33 UPM oder 45 UPM oder beides oder was?

Nur ein Jahr nach Einführung der LP kam CBS-Konkurrent RCA 1949 mit der 7-Inch mit 45 UPM. Während 7- und 12-Inches zunächst als oppositionelle Konzepte gesehen wurden und ein Kompatibilitätsproblem bei den Abspieleinheiten nach sich zogen (die meisten Plattenspieler konnten anfangs nur das eine oder das andere Format abspielen), ergänzten sich die Formate bald. Die Labels koppelten Singles (45er) aus den LPs (33er) aus und die Plattenspieler beherrschten wenig später beide Geschwindigkeiten einschließlich der für Schellacks noch eine Weile erforderlichen 78 UPM. Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre wurde die Produktion von Schellack schließlich weltweit weitgehend eingestellt. Nachdem 1983 dann die CD am Markt eingeführt worden war, nahmen die Stereo MC‘s ihr Debüt-Album zum Anlass, noch mal auf die gute alte Zeit zu verweisen und tauften den Longplayer »33-45-78« (Fourth & Broadway/Island, 1989).

Verrückte Welt: 10-Inches, 3-Inches, Farbe

12- und 7-Inches haben sich klar als Standardformate etabliert. Wer über längere Zeit Vinyl kauft, wird sicher auch vereinzelte 10-Inches erworben haben. Bei mir gilt das z.B. für die nur einseitig bespielte Auskopplung »sunrise over bklyn« von El-P auf Thirsty Ear Recordings – eine Platte, die ich aus musikalischen Gründen ungefähr zweimal gehört habe. Vergleichsweise durchgeknallt ist demgegenüber das 3-Inch-Format, in dem meines Wissens allerdings nur White Stripes-Fans mit Musik beglückt werden. Jedenfalls hat Vinylfanatiker Jack White anlässlich der Tour 2005/2006 sechs Songs für das 3-Inch-Format neu abmischen und mastern lassen, darunter natürlich auch »Seven Nation Army«. Außerdem wurde der Song »Top Special« ausschließlich im 3-Inch-Format veröffentlicht. Da man die angeblich auf je 1.000 Kopien limitierten Winzlinge aber auch adäquat abspielen muss, hat die Band gemeinsam mit den Platten dann gleich einen 3-Inch-Plattenspieler namens »Triple Inchophone« in den Trademark-Farben rot und weiß angeboten. Den hatte man von einem japanischen Spielzeughersteller bezogen, der hiervon noch 400 Stück übrig hatte. Natürlich fiel der Sound des eingebauten Lautsprechers bei Audiophilen zu Recht durch. Trotzdem macht es viel Spaß, einem traurigen jungen Mann, der sicher viel depressiven Indie-Rock hört, beim Vorführen des Geräts auf YouTube zuzusehen: http://www.youtube.com/watch?v=0D9fDUxsF6M. Ach so, ja: Vinyl gibt‘s gelegentlich auch in Farbe. Viele Leute meiden Farbe, weil Farbe schlechter klingt. Trotzdem habe ich mir neulich z.B. Atmospheres »When Lives Gives You Lemons…« in orange gekauft. Das Album ist unfassbar gut, deshalb musste das sein.

Weshalb denn bitte überhaupt Vinyl?

Diejenigen, die meinen, Vinyl müsste sein, finden dafür viele Gründe. Es klingt besser, das haptische Erlebnis, die Ästhetik – man kennt das. In der Tat ist z.B. so etwas unglaublich Schönes wie das Cover der Danger Mouse & Jemini-LP »Ghetto Pop Life« (Lex Records 2003) mit dem Artwork von ehquestionmark im CD-Format vergleichsweise witzlos. Auch das Klappcover von Isaac Hayes »Black Moses« (Stax 1972) würde im Format der Silberlinge kaum Eindruck machen. Allein wegen dieser zwei sehr guten Argumente Musik nur auf Vinyl zu sammeln, wäre aber sicher übertrieben (natürlich gibt es noch mehr großartige Cover). Auch das Marius No. 1-Statement, das sinngemäß lautet, Hip-Hop fände auf Vinyl statt, überzeugt mich als Auch-Hip-Hop-Fan alleine nicht wirklich. Vor allem, wo es so viel Hip-Hop gibt, der überhaupt nicht stattfinden müsste – aber gut, das ist ein anderes Thema. Am Ende wird eh jeder seine eigene Philosophie spinnen und – jetzt Achtung – wahrscheinlich wird man Vinyl eben irgendwie fühlen müssen. Der Einfachheit halber nehme ich mir als Mitmensch weit jenseits der 30 die Freiheit zu sagen: Es ist halt geiler.

Am leichtesten lässt sich sowieso erahnen, welche Faszination von Vinyl ausgeht, wenn man sich die vielen kleinen individuellen Geschichten seiner Sammler anhört. Ich bin ziemlich sicher, dass keiner unserer Gastautoren etwas ähnlich Nettes über eine CD oder gar ein MP3 sagen würde. Meine Vinyl-Karriere begann übrigens äußerst verheißungsvoll, als mir meine Patentante 1984 nach einem gemeinsamen Kinobesuch den »Ghostbusters«-Soundtrack schenkte.

Text: Jan Simon