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Musikgeschichte, gerappt: Die Zeitschrift "Wax Poetics"

»Wie eine Geschichtsstunde vermittelt jede Nummer von "Wax Poetics", daß der Blick zurück immer auch nach vorne gerichtet ist.«

Der Motor des Hip-Hop läuft mit einer Geschwindigkeit von 33 1/3 Umdrehungen pro Minute, dem Takt, in dem ein Plattenspieler üblicherweise arbeitet. Denn eine entscheidende Leistung des Rap war es, ein einfaches Abspielgerät von Tonkonserven in ein vollwertiges Instrument zu verwandeln. Das Durchpflügen von Plattenkisten nach ungehörten Sounds, Rhythmen und Grooves, das sogenannte digging, stellt entsprechend die Hauptbeschäftigung avancierter DJs und Produzenten dar. Diese ständige Suche nach dem verlorenen Beat hat den Hip-Hop so Geschichtsversessen wie keine zweite Musikrichtung werden lassen. Doch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit auf Vinyl hat nicht nur dazu geführt, daß ikonische Rap-Platten inzwischen für horrende Summen gehandelt werden. Der Umgang mit fremdem Klangmaterial beeinflußte überdies den Blick auf andere Stile grundlegend. Neben den kanonischen Meisterwerken aus Soul, Funk, Rock oder Jazz sind vielfach Stücke und Musiker vertreten, die seinerzeit total unbeachtet blieben, aufgrund ihres Erscheinens in den Tracks der Rapper jedoch späte Berühmtheit erlangten. Abseitiges und seltsames wie „The Champ” der „Mohawks” oder die zwei Platten der „Incredible Bongo Band” haben durch ihre weite Verbreitung als Sample längst Klassikerstatus erreicht. Sie sind aus heutiger Sicht für den Fortgang des Pop ähnlich wichtig wie eine Komposition der „Beatles”.
Mit der Musikgeschichte aus der Perspektive des Hip-Hop befaßt sich die Zeitschrift „Wax Poetics” aus Brooklyn. Das erste Heft erschien im Dezember 2001, kürzlich ist die Ausgabe 19 veröffentlicht worden. Andre Torres, Gründer und Herausgeber des Magazins, hatte ursprünglich eine Dokumentation über die Rap- und Vinyl-Kultur geplant. Bei der Vorbereitung mußte er jedoch festellen, daß Literatur hierzu nicht gerade reich vorhanden war. Aus diesem Mangel heraus wuchs in Torres das Bedürfnis, sich selbst intensiv den Hintergründen des beat digging und somit der Entwicklung afroamerikanischer Musik zu widmen. „Wax Poetics” war geboren. Schon im äußeren Erscheinungsbild verdeutlichen sich Anspruch und Selbstbewußtsein des Magazins. Bestehend aus dickem, mattem Papier gleichen die einzelnen Hefte einem kleinen, festen Büchlein. „Wax Poetics” richtet sich an Vinylliebhaber genauso wie an generell Musikinteressierte und ist nur in gut sortierten Plattenläden zu bekommen.
Die alle zwei Monate erscheinenden Ausgaben vermischen Bekanntes mit Entlegenem. Sie bieten Spezialisten genauso Wissenwertes wie sie Einsteiger in die Materie nicht überfordern. Die fundiert recherchierten Artikel halten die Balance zwischen einem wissenschaftlich-akademischen Ansatz und der passioniert-subjektiven Sicht von Sammlern und Musikern, ohne dabei ins Esoterische abzudriften. Umfangreiche Interviews rücken die Protagonisten hinter verschollenen Platten ins Zentrum. In Bildstrecken werden seltene Cover, Promoartikel oder Photos aus den Archiven der Label hervorgeholt. Die Ernsthaftigkeit und Leidenschaft, mit der die Autoren ihre Themen aufbereiten, hat dem Heft hohe Reputationen sowohl in Künstler- wie Kennerkreisen eingebracht.
Das aktuelle Heft mit dem Leitsatz „NY Stand Up!” macht die inhaltliche Bandbreite von „Wax Poetics” deutlich. Neben einem Gespräch mit der New Yorker Salsoul-Ikone Joe Bataan, informiert das Heft u.a. über Kolumbiens Musikszene der Siebziger, zeichnet ein Portrait des Trompeters Hugh Masekela aus Südafrika, würdigt Old-School-Legende DJ Red Alert und schaut auf die Schallplatten des im letzten Jahr verstorbenen Komikers Richard Pryor. Schon jetzt darf man auf die kommende Dezember/Januar-Ausgabe gespannt sein, die ein langes Interview mit dem Reggae-Giganten Lee „Scratch” Perry enthalten wird. Wie eine Geschichtsstunde vermittelt jede Nummer von „Wax Poetics”, daß der Blick zurück immer auch nach vorne gerichtet ist.

SVEN BECKSTETTE
FREIER MUSIKKRITIKER

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