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Inventur (Oktober 2008)

»Der Monatsrückblick«

Q-Tip gewinnt das jahrelange Armdrücken mit blassen A&Rs, Detroit meldet sich zurück, alte Männer und ewig junge Amazonen geben Lebenszeichen von sich, Golden Bug macht Spaß, Deichkind besoffen und in der elektronischen Tanzmusik ist die Hölle los.

Hip Hop Hausen:

Es gibt ein einziges Riesenproblem mit Q-Tips endlich erschienenem zweiten Soloalbum “The Renaissance”: meine rechte Gehirnhälfte weigert sich beständig bei diesem Thema nicht die Melodie von “Wunder gibt es immer wieder” im Hinterstübchen ablaufen zu lassen. Wenn das geklärt ist, steht einer entspannten Gratulation nichts mehr im Weg: viel Seele, viel Herz, viel gut.

Dilla Jr., der kleene Illa J hat im Archiv gegraben, Beats des großen Bruders aus der “Labcabincalifornia”-Ära ausgegraben und für seinen Einstand “Yancey Boys” benutzt. Raptechnisch eher so die Dilla-Lite-Variante, aber diese Beats…ohmyfuckingod.

Ich muss ja gestehen, dass mein Black Milk – Fanboy-Status in den letzten Monaten trotz solider Arbeit etwas abgenommen hat, aber “Tronic” ist wieder ein großer Schritt Richtung Flitterwochen. Dass der junge Herr hier bevorzugt mit Live-Instrumenten gearbeitet hat, lässt vieles extrem druckvoll und voluminös klingen.

Mein Prodigy – Fanboy-Status ist hingegen spätestens seit “Return of the Mac” wieder äußerst stabil und daran ändert auch Bandana Ps Zusammenarbeit mit den mäßig talentierten Un Pacino & Big Twins nichts. Nicht zuletzt auf Grund der weiterhin auf konstant hohem Niveau agierenden Knöpfchendreher Sid Roams, macht auch “Product of the 80s” eine gute Figur.

Eher Ausschussware bekommen wir hingegen auf Devin the Dudes Rap-a-Lot-Abschied “Hi Life”. Was vermutlich auch daran liegen könnte, dass der gute Devin mit der schlussendlichen Zusammenstellung nicht viel am Hut hatte. Politics, maaaan.

Stell dir vor es gibt ein neues D.I.T.C. Album und keinen interessierts. Und das eigentlich Schlimme: genau so ist es. Was jetzt nicht heißen soll, “The Movement” sei schlecht geworden, es ging nur dermaßen unter, dass noch nicht mal ich Zeit gefunden habe, reinzuhören. Die Welt ist schlecht.

Das Gleiche in grün bei Sadat X, ein weiterer Held meiner Jugend und der einzige Grund warum man überhaupt mitbekommt, dass dieser ein Album namens “Generation X” gemacht hat, ist ein amüsanter Fauxpas seitens der Versandabteilung, die jenes Album für kurze Zeit versehentlich mit 115,95 € veranschlagt hatte.

Und auch bei DJ Muggs & Planet Asia bin ich spät dran, immerhin darf hier aber nach den, in den obigen beiden Fällen noch ausstehenden, Hörtests aufgeatmet werden. Stockkonservativ und innovativ wie VHS-Rekorder, aber Hemdsärmeligkeit und Ironiefreiheit darf durchaus auch mal sein.

High-Fiven kann man Ruste Juxx, der mit “Indestructible” jetzt auch offiziell seinen Weedcarrier-Status überwunden hat. Zwingend geht anders, aber immerhin darf die aussterbende Timbs-Fraktion einen Neuzugang in der Brennende-Mülltonnen-Rotation begrüßen.

Ein weiteres solides Producer-Album lässt sich mit DJ Babus “Duck Season III verzeichnen. Man darf aber durchaus beunruhigt sein, wie statisch der so geschimpfte ‘Underground’ wirklich ist, wenn man sich mal vor Augen hält, dass sich die Gästelisten sämtlicher Compilations in den letzten Monaten fast 1:1 decken.

Man könnte ja auch mal die Jungens von Cyne ins Studio bitten, anstatt immer nur bei M.E.D. oder Defari durchzuklingeln. Die haben nämlich mit “Pretty Dark Things” ein passables Album gemacht, das sich zwar der Underground-Dogmatik verpflichtet fühlt, aber auch mal vorsichtig über den Tellerrand blinzelt.

Tellerränder sind für The Knux völlig bedeutungslos, dort bestellt man sich lieber einen “Fresh Cappuccino With A Mocha Twist”. Natürlich ist “Remind me in 3 days” ein Produkt der Cool Kids-Ära und natürlich mag der ein oder andere mittlerweile von – oooooh Vorsicht, I’m about to drop the H-Bomb – “Hipster Rap” gelangweilt sein, aber immerhin ist das alles kurzweiliger als Josh Martinez B-Seiten von rumänischen Blogs runterzuladen.

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Und sonst so:

Altersheim coming back with power, power! Wobei, Grace Jones und alt in einem Satz geht nicht. Auch nicht mit 60. Und wer es tatsächlich schafft nach so langer Pause und großer Musikmüdigkeit ein solch zeitgemäßes Album wie “Hurricane” abzuliefern, darf von den Kollegen der Intro auch gerne mit Dorian Gray verglichen werden.

Lederner hingegen das Geschwisterpaar Young und Anhang, deren “Black Ice” ich nun wirklich schwer unter seriösen Gesichtspunkten beleuchten kann, aber eine Welt in der ein neues AC/DC Album noch so viel Aufmerksamkeit bekommt, ist vielleicht doch besser als im Abschnitt D.I.T.C./Sadat X angenommen.

Auch schön, dass Internetforen immer noch völlig aus dem Häuschen sind, wenn es Lebenszeichen von Robert Smith und The Cure gibt. Natürlich ist “4:13 Dream” nicht “Three Imaginary Boys”, aber das Gefühl des Fremdschämens bleibt glücklicherweise auch aus.

Zu “Dig out your soul” schweige ich mich, auf Anregung des Kollegen Brimmers, besser aus. Der findet die neue Oasis Platte nämlich richtig prall. Und mit einem Ultra legt man sich in solchen Sachen besser nicht an.

Apropos: Schwören tut jener auch auf Bloc Partys “Intimacy” und hier kann ich die Begeisterung sogar aufrichtig teilen. Aber mehr Indie-Crunk, Marke “Flux” wollte ich trotzdem haben.

Eine Spur zu lagerfeuerig ausgefallen ist “Cardinology”, die Zusammenarbeit von Ryan Adams und The Cardinals. Smells like Grey’s Anatomy Soundtrack.

Ach herrje, schon wieder die Kaiser Chiefs? Ich warte derweil auf etwaige Remixes zu “Off with their Heads” und lasse den Festival-Mob alleine toben.

Besser in diesem ganzen Gitarrending sind bekannterweise The Sea & Cake, deren “Car Alarm” eine schöne Ergänzung zu einer mehr als respektablen Karriere darstellt.

Ebenfalls schon ewig dabei sind Stereolab und auch Album Nummer 32457, das auf den Namen “Chemical Chords” hört, überzeugt mit französichem Charme, Trademark Moog-Sounds und Psych-Pop Versatzstücken. Zu Recht eine der wenigen verbliebenen Narrenfreiheit-Bands.

Wo wir grad beim Thema Psychedelia wären: Auch “Skeletal Lamping” ist herrlich schräg und richtig gut. Bisweilen sogar tanzbar, passt der neue Streich von of Montreal perfekt in den 08er Hippie-Zeitgeist.

Bereits einige Monate auf dem Buckel hat The Chaps “Mega Breakfast” aber wenn man schon die Gelegenheit hat, noch ein Album zwischen of Montreal und Gang Gang Dance zu quetschen, muss dieses nachträglich hier noch erwähnt werden. Stromlinienförmiges Songwriting, my ass, es darf nach Herzenslust auf Instrumente und Tastaturen eingehackt werden.

Ähnlich anarchisch geht es bei Gang Gang Dance zu, deren “Saint Dymphna” auf den ersten Lauscher zwar fahrig anmuten mag, dafür aber mit jedem zusätzlichen Anlauf mehr Sinn macht. All hail King Kuddelmuddel!

Antony & The Johnsons’ jüngste EP “Another World” habe ich bis jetzt immer noch nicht vollständig durchhören können, weil mein Blut gefriert, Gänsehaut in Elefantenpickel mutiert und ich erstmal kräftig durchatmen muss, jedes Mal, wenn ich diesen uuuuunglaublich berührenden Titelsong höre (No Emo!).

Von großem Gefühlskino zu den expressionistischen – ähem, ja was eigentlich? – “Soundkulissen” einer der am geschmackvollsten benannten Bands ever. Jackie O Motherfuckers “Valley of Fire” als sperrig zu bezeichnen, wäre der Euphemismus des Jahres. Musik für überambitionierte Filmstudenten.

Wesentlich leichter verdaulich: der relativ zahme Wave-Pop der Australier von Ladyhawke, die so ziemlich jedem Blogger ein Begriff sein sollten. Die Formel ist bekannt, aber funktioniert doch immer wieder: Frauenstimme, billige Keyboards und Rockstar-Habitus.

Einen Schritt weiter gehen Ali Renault und Sebastian Muravchik alias Heartbreak, die auf “Lies” energisch die Italo-Keule schwingen. Ali Renault macht seine Sache erwartungsgemäß hervorragend, aber wenn Gesangsspuren alternierend Assoziationen zu den Scissor Sisters, Twisted Sister und Manowar hervorrufen, läuft etwas schief. Kein Wunder, dass niemand glauben mag, dass die beiden das alles bierernst nehmen.

Ein Hang zu 80s-Pathos und Moroder-Reminiszensen zeichnet auch Skatebard aus, der mit “Cosmos” auf Kompakt debütiert und zumindest mich mit diesen großartigen Synth-Arien schwer begeistert. Schweinefunky ist der Spaß obendrein auch noch.

Auch super: “Sixty-Four”, das von Marc Houle mit den Worten “Skizzen, die ursprünglich eigentlich nicht veröffentlicht werden sollten” eindeutig unter Wert verkauft wurde. Die Houl’sche Verspieltheit und Effektgeilheit in full effect – da simmer dabei, dat is priiiima.

Irgendein kluger Mann hat mal geschrieben, Deadmau5 mache keine Musik, er produziere Monsterdrops für überfüllte Clubs. Das kommt der Wahrheit ziemlich nahe, wie man jetzt auch auf “Random Album Title” nachhören kann, aber manchmal, ja manchmal, ist halt auch was dabei, was einen auch zuhause zappeln lassen kann. Zu Tiesto’schen Abgründen ist es glücklicherweise doch noch weit.

Deichkind und zuhause sind nun auch schon einige Jahre Binäroppositionen und auch auf “Arbeit nervt!” gefällt man sich wieder sehr in der Hartz4-Electro-Pose, aber bevor ich in den pressetypischen “Holier than thou”-Snobismus verfalle: Ja, auch ich sehe mich in den richtigen Lokalitäten durchaus in der Lage dicke Bäuche und Trucker-Erfahrungen mit ein, zwei Prosits zu gutieren. Und wer das NBA-Schunkel-Theme No.1 samplet, hat eh gewonnen. So.

Auch ordentlich auf die Kacke hauen lässt Housemeister auf den Remixes zum erst einige Monate alten “Who is that noize”. Von Boys Noize’ Big Room-Rekonstruktion, über Siriusmos funky “What you want” Remix bis hin zu minimalerem und Dubstep-Anleihen ist stilistisch so ziemlich alles dabei, was momentan unter Disco-Kugeln gedeiht.

Golden Bug veranstaltet auf “Hot Robot” ein Electro-Boogie-, Neo-Disco- und Bratz-Electro-Klassentreffen der besonderen Art, inklusive Barbie Blowjobs. Servus Gomma, ein tolles Album!

Nike lässt erneut nix anbrennen beim “Original Run” – Casting und besetzt die jüngste Ausgabe mit der Simian Mobile Disco, die sich weiterhin stark in Richtung Acid und erwachsener EDM orientiert.

Erwachsen weden will bei Kitsune immer noch niemand, dafür hat man im sechsten Teil der “Kitsune Maison” – Reihe Melodien wieder mehr ins Herz geschlossen. Besondere Vorkommnisse: Etienne de Crecy & Monsieur Jos “Hanukkah”, sowie die ausgezeichneten Pop-Songs von Lo-Fi-Fnk, Pnau und La Roux.

Einen wirklich formidablen Beitrag zur “Body Language” – Serie liefert Matthew Dear ab. Subtil, nie zu offensiv oder forciert. Harten Techno sucht man vergebens, aber schließlich mixt Herr Dear hier ja auch nicht als Audion.

Fast noch besser: Eskimo Recordings’ “Cosmic Balearic Beats” – Sampler, der solch verdiente Cosmic Disco-Fahnenträger wie Maelstrom, Ruber Room oder Lullabies in the Dark versammelt. Und mit In Flagrantis “Personal Angst” ist der Überhit auch schnell identifiziert.

Und noch eine unverzichtbare Italo/Synth/Techno/Disco-Compilation: Dissident lässt Ethos Ethos sein und stellt statt auf 200 Stück limitiertes Vinyl ausnahmsweise einen Silberling in die Regale. Essentiell.

Äußerst spannend und verstörend ist “Where were you in 92”, ein Throwback-Rave/Breakbeat/Booty-Album von Zomby, den man bisher eher als zuverlässigen Lieferanten für dunklen Bit-Step à la Hyperdub kannte. Aber keine Sorge, Fangemeinde, das alles soll explizit nur als Zeitvertreib und 90s-Reminiszenz rezipiert werden. Und wenn wir ehrlich sind, macht es einen Heidenspaß.

Dubstep treu bleiben dafür Hatcha & Kromestar. “Brothers Grim” ist angenehm zähflüssiger Slow-Mo-Dub, der sich um den aktuellen Techno-Crossover-Trend wenig schert. Solide und effektiv.

Zwei Adjektive also für die sich Squarepusher höchstwahrscheinlich in den Kopf schießen würde. Bei all der programmatischen Experimentierwut: wirklich bahnbrechend ist “Just a Souvenir” nun wahrlich auch nicht. Muss es aber auch nicht sein, vor allem wenn wir dafür auch mal leicht ins Ohr gehendes wie das discoide “Star Time 2” aufgetischt bekommen.

Zum Schluss noch ein netter Zeitvertreib mit dem Mann der Stunde und die Trommelfell-Stammgäste der vergangenen Wochen:

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Playlist:

1. dOP – Like a Motherless Child kaufen
2. Mr. Oizo – Cut Dick kaufen
3. Tiga – The Future/Mind Dimension
4. Antony & The Johnsons – Another World kaufen
5. In Flagranti – Personal Angst kaufen
6. DJ Mehdi – Pocket Piano (Joakim Remix)
7. Feist – Gatekeeper (Lewie Day Remix)
8. Mowgli & Solo – Oriente Espresso kaufen
9. Fan Death – Veronica’s Veil (Erol Alkan Remix) kaufen
10. Q-Tip – Move kaufen
11. The Beach Boys – God only knows (Aeroplane Edit)
12. Radio Slave – Tantakan (The Drunken Shed Remix) kaufen
13. Jesse Rose & Hot Chip – Forget my name kaufen
14. Outlander – Vamp (Prins Thomas Remix) kaufen
15. Rodion – Athena Acid kaufen
16. Matthew Dear – Pom Pom (Juan MacLean 1st Remix) kaufen
17. TC – Where’s my money (Caspa Remix) kaufen
18. Laidback Luke & A-Trak – Shake it down kaufen
19. King Midas Sound – One Ting (Dabrye Remix) kaufen
20. DJ Rod Lee – What u workin’ with (Rustie Remix) kaufen

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Florian Aigner

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