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Inventur (Juni 2008)

»Der Monatsrückblick«

Da denkt man, man hätte in den letzten 4 Wochen außer Fußball kucken so gar nichts gemacht und stellt plötzlich fest, zwischen Netzers Spanien-Onanie und England-Witzen irgendwie doch wieder Zeit für zahllose Platten gefunden zu haben. Zeitkompetenz in da house.

Hip Hop Hausen:

Bei den Amis drüben mal locker 1 Million Alben verkauft in der ersten Woche, aber im Land des Vize-Europameisters immer noch etwas stiefmütterlich behandelt: Lil Wayne und das 2521 mal verschobene “Tha Carter III. Wie bereits erwähnt, nicht durchgehend mega, aber mit zahlreichen Höhepunkten.

Durchgehend fantastisch und mein persönliches Rap-Bonbon dieses Kalenderjahres: Die “Bake Sale EP” der Cool Kids. Wer krampfhaft versucht, das hier zu hassen, weil der WG-Nachbar sich den Kajal zu “Black Mags” nachzieht, bedauert auch, dass die Griechen nach der Vorrunde abreisen mussten.

Hipster- und Emo-approved, die Nächste: Pharrell und der Asiate, den keiner kennt, haben das dritte NERD Album fertiggestellt und wer bisher noch nicht sturzbetrunken “All the girls standing in the line for the bathroom” gegrölt hat, sollte dringend seinen Bausparvertrag kündigen. Dass der Rest von “Seeing Sounds” dann leider etwas ungeiler ausfällt, muss man halt verdrängen.

Wesentlich zurückhaltender gibt man sich im Renterparadies Florida, wo Cyne weiterhin ihrer traditionsbewussten aber dennoch nicht antiquierten Formel treu bleiben. Thinking Man’s Hip Hop würde man sowas glaub’ ich nennen, wenn es nicht so nach Staatsexamen klingen würde.

Staatsexamen? What an Überleitung. Der Teacher kann’s nämlich auch dieses Jahr nicht lassen. Dass KRS-One spätestens nach “Maximum Strength” mittlerweile bei weitem mehr Belangloses als Essentielles in seiner unvergleichlichen Diskografie vorzuweisen hat, stimmt nachdenklich. Ich werde mich mal stellvertretend in Sachen Riesterrente schlau machen.

Seine besten Zeiten auch weit hinter sich haben KRS’ frühere Juice Crew Rivalen Marley Marl & Craig-G, aber immerhin hat letzterer immer noch die ein oder andere amüsante Punchline im Köcher anstatt grenzdebil über Realness, Knowledge und Unity zu schwadronieren.

Dem Aigner hackts doch! Estelle? R&B?!? Hier?!? Hängt ihn höher! Und wir tun weiterhin so, als würden wir “American Boy” nicht genauso feiern wie “Umbrella” und Kardinal Offishall & Cee-Lo Features nicht gutheißen.

So gar nix mit Großraumdisse und Solarium zu tun hat hingegen DJ Scientists Label Equinox, das mit “One Year & A Day – A sound exposure volume 2” seine zweite Labelcompilation veröffentlicht. Dreckiger Kraut-Hop, elegischer Blues, depressiver Folk verpackt in vertrackten Hip Hop Beatgerüsten – der Herbst kann kommen.

Dass Flying Lotus’ “Los Angeles” hier noch in der Hip Hop Sparte abgehandelt wird, ist eigentlich eine Frechheit; zu clever alterniert der Jungspunt aus – exakt – Los Angeles hier zwischen stolpernden Jaylib-Ismen, vertracktem Digital Jazz, dem Stand der Kunst in London und verspielter Future Electronica. Erneut gaaaaaanz groß.

Apropos London und Future Electronica: 2562 zeigt mit “Aerial”, dass die Grenzen zwischen der englischen und der deutschen Hauptstadt weiter verschwimmen. (Dass 2562 eigentlich aus Holland kommt, kehren wir mal unter den Teppich). Die Wobble-Attacken werden den Kollegen Skream, Rusko und Caspa überlassen, der sophisticated Rude Boy verkleidet seinen Dubstep immer mehr in Berliner Minimalismus. Danke Villalobos und Shackleton.

Vielen primär als die orgiastische Trulla zu Beginn von Kode 9s “Untrue”-Preview Mix bekannt: Mary Anne Hobbs, ihres Zeichens BBC-Institution und Kuratorin einer durchaus beeindruckenden Compilation für Planet Mu. “Evangeline” versammelt so ziemlich alles, was sich momentan bei Rinse Fm und in ihrer Show die Klinke in die Hand gibt: Pinch, Ital Tek, Flying Lotus, Shackleton, Wiley, Claro Intelecto, Boxcutter, Tes La Rock undundund.

Ebenfalls immer bemüht möglichst um die Ecke zu programmieren: Unser Lieblings-Paule-Breitner-Spoiler Daedelus. Dass “Love to make music to” nicht halb so umständlich ist wie der Vorgänger “Denies the day’s demise” und Alfred Weisberg-Roberts sich ausnahmsweise auch mal an eher traditionelle Songstrukturen hält, ist eine willkommene Abwechslung. Dass Daedelus ein beinahe tanzbares und sehr elektronisches Album gemacht hat sowieso. Dass er es für nötig hielt, “My Beau” und “Fair Weather Friends” noch zu verändern, nicht.

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Und sonst so:

Coverplatten sind ja grundsätzlich problematisch: entweder geben alle Beteiligten ihr Bestes den Vorbildern nicht auf den Schlips zu treten oder sie verheddern sich in prätentiöser Krafthuberei und radikaler Dekonstruktion. Auch wenn es nicht allen Künstlern auf dem David Bowie Tribute “Life beyond mars” so gut gelingt die goldene Mitte zu erwischen wie Matthew Dear, The Emperor Machine, Richard Walters & Faultline oder Joakim, ist “Life beyond mars” eine erfrischend unterkühlte Verneigung vor dem bekanntesten Iris-Heterochromie-Aushängeschild.

Die Belgier von Eskimo Records können nichts falsch machen. Daran ändert sich auch mit Low Motion Discos “Keep it slow” nichts. Wenn alles, was so gemeinhin unter Easy Listening/Lounge einsortiert wird, so klänge, würde ich vielleicht auch endlich anfangen Kaffee zu trinken.

Und noch so ein “Jeder Schuss ein Tor”-Verein: DC Recordings haben sich über die Jahre hinweg immer mehr weg aus der synthetischen Disco hin zu organischem Krautrock und düsteren Soundtracks bewegt. Dass dies keineswegs bedauert werden muss, zeigt die relativ sensationelle Compilation “Death before distemper 2: Revenge of the iron ferret”. Goblin und Donna Summer, Can und Morricone – ganz weit oben auf dem Einkaufszettel platzieren.

Warum Liquid Liquid viel dafür können, wie DC Recordings heute klingen, kann man auf “Slip in and out of phenomenon” nachhören. Stoisch in sich ruhend und der Beweis, dass sich Punk + Funk eben nicht zu Sublime aufaddieren müssen.

Für die zweite EP mit Eigenkompositionen des Black Devil Disco Club, “Eight on eight”, gilt exakt das Gleiche wie für den Vorgänger. Und das ist auch gut so.

Von Disco zur Acid House-Institution 808 State. Nun will ich nicht behaupten, 1989 im Shoom bunte Blättchen geleckt zu haben, aber irgendwie wirkt die naive Euphorie auf 808 States “Quadrastate” auch heute noch nach. Selbstverständlich wieder von Rephlex neuaufgelegt und nicht nur wegen “Pacific State” ein Klassiker.

Die Sensation des Monats hört auf den Titel “As high as the sky” und kommt aus dem Wagon Repair-Stall. The Mole liefert hier ein brillant durchkonzipiertes Album ab, das in etwa so klingt als hätte jemand “Discovery” und “Since I left you” fusioniert und in das Berlin der 00er Jahre verpflanzt. Soviel Disco und Samples hatte man in der Sparte Minimal-House selten. Ein potentieller Klassiker.

Etwas mehr Distortion gibt es dann auf Housemeisters “Who is that noize”, ohne dass dieser sich dem Hooligan Disco-Diktat des letzten Jahres beugen würde. Manchmal in seiner Verspieltheit an den ehemaligen Labelkollegen Siriusmo erinnernd.

Öh, wie sagt der Berliner in solchen Fällen? Wattn ditte? Osborne liefert mit seinem gleichnamigen Debüt einen völlig schubladenresistenten Cocktail zeitgenössischer elektronischer Musik ab. Acid, Afro Beat, Nu Jazz, Synth Pop, Funky House, Ninja Tune, Warp, Rephlex, Kompakt – Wot do u call it?!

Auch Detroit Techno als wesentlichen Bezugspunkt für Osbornes Oeuvre zu bezeichnen, ist nicht allzu weit hergeholt und Model 500 (aka Juan Atkins) in diesem Kontext besonders hervorzuheben, bietet sich nicht nur deswegen an, weil mit “Classics” unlängst eine liebevoll zusammengestellte und digital überholte Werkschau des Maestros erschienen ist. Nicht nur für Historiker Pflicht.

Chronologisch noch weiter zurück geht Mathias Modica auf der neuen Munk Platte “Cloudbuster”. Weißbier und LSD. Mahlzeit.

Auch auf “Velocifero”, dem neuen Werk von Ladytron, dominieren Synthies, an Stelle von fluffigem Hedonismus widmet man sich in Liverpool aber primär düsterer New-Wave Verzweiflung. Trotzdem oder gerade deswegen super.

Wesentlich oberflächlicher geht es auf “We started nothing” (recht habt ihr) der Ting Tings zu. Passabler, tanzbarer Indiepop für BWL-Studenten, die auch mal down sein wollen mit dem heißen Scheiss. “That’s not my name” mag ich trotz geisteswissenschaftlichen Studiums ganz gerne.

Ähnliches gilt für Japes “Ritual”, ohne, dass dieser freilich halb so plakativ zu Werke gehen würde. Das Album rutscht als Lückenbüßer schon durch, wirklich brauchen tut man aber eher die dazugehörigen Remix-12“s.

Über Coldplays “Viva la Vida or Death and All His Friends” kann ich mehr berichten, wenn Vaddern die stolz einlegt, wenn ich das nächste Mal bei meinen Eltern vorbeikomme.

Die Gitarrenfraktion dürfte mit Elbows “The seldom seen kid” und Wolf Parades “At Mount Zoomer” gut versorgt sein, bei mir hat es leider noch nicht zu mehr als 30 Sekunden anskippen gereicht.

Sigur Ros, geht doch zu Hause, ihr alte Scheisse. Euer unverständliches Gebrabbel geht mir auf die Kronjuwelen, Glockenspiele will ich ab jetzt nur noch auf Four Tet Platten hören, diesen Sakralscheiss dürfen nur noch Arcade Fire machen und eure Albumtitel kann ich mir grundsätzlich auch nicht merken. Und warum riecht auch “Med sud i eyrum vid spilum endalaust” nach Rheumasalbe?

Und wo ich gerade am rumprollen bin: Martina, what the fuck was that? Ms. Topley-Bird hat sich nach ihren zahllosen großartigen Gesangsbeitragen für Tricky und ihrem 2003er Solodebüt “Quixotic” Danger Mouse ins Studio geladen, unwissend, dass dieser ihr für “Blue God” wohl die Reste seiner anderen 238 Projekte überlassen hat. Erschreckend belanglos.

Da lob’ ich mir doch diesen manischen Irren aus Berlin, der als King Khan & The Shrines mit “The supreme genius of King Khan & The Shrines” einen zügellosen Genrefick zelebriert: Die Stooges, Meters-Orgeln, Hippie-Spinnereien, dreckige Raststättentoiletten.

Apropos manisch: Was Girl Talk auf “Feed the animals” zelebriert, ist wieder einmal der völlige Exzess. Avril Lavigne, Jay-Z, Toni Basil, Aphex Twin, Rich Boy, Butthole Surfers, Rod Stewart – innerhalb von 120 Sekunden. Und am Ende glaubt man tatsächlich, dass Metallica und Lil Mama schon immer zusammengehörten.

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Playlist:

1. The Mole – Baby you’re the one kaufen
2. Fulgeance – Revenge of the nerd kaufen
3. Laurent Garnier – Back to my roots kaufen
4. Munk – Live fast! Die old! (Headman Remix) kaufen
5. Bugati Force – Juke this dirty mutha kaufen
6. Low Motion Disco – Love Love Love (Aeroplane Remix) kaufen
7. Jamie Lidell – Another Day (Rustie Remix) kaufen
8. Dakimh – Done kaufen
9. Machines don’t care – Drop it to the floor kaufen
10. Richard Walters & Faultline – Be my wife kaufen
11. RQM – Miss Pacman (Oliver $ Remix) kaufen
12. Astral Manhole Project – Perfect Love kaufen
13. Joker – Snake Eater kaufen
14. The BPA – Toe Jam (ft. Dizzee Rascal & David Byrne)
15. Busy P – To protect and entertain (Crookers Remix) kaufen
16. Alter Ego – Fuckingham Palace (Nerk & Dirk Leyer Remix) kaufen
17. Does it offend you,yeah? – Epic Last Song (Jack Beats remix) kaufen
18. Bassbin Twins – Woppa kaufen
19. Nas – Esco let’s go
20. Flying Lotus – Paper Crane Gang kaufen

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Florian Aigner

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