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Inventur (April 2008)

»Der Monatsrückblick«

Jetzt läuft’s. März? Super! April? Super! Genre-übergreifend…

Hip Hop Hausen:

Die Roots liefern mit “Rising Down” eine weitere Galavorstellung ab. Black Thought rappt über Erderwärmung, böse Politiker und Kindersoldaten und trotzdem mieft das hier nie nach Birkenstock und Volvo.

Etwas weniger geil, aber immer noch gut: Atmospheres “When life gives you lemons…” Besonders wenn Ant neue Wege geht und Slug das Emo-Flüstern einstellt.

Auf Prodigy lasse ich nichts kommen. Manche Menschen beschweren sich angeblich darüber, dass der mittlerweile beim Rappen einschläft und mehr redet als reimt. C’est me rotzscheissdrecksegal; das synth-schwangere “H.N.I.C. 2” ist ignoranter NY-Dun Rap, wie man ihn nur noch selten kriegt.

Da hakt man Keith Murray unter “Das waren noch Zeiten” ab, weil eigentlich alles was der Def Squadler in diesem Millenium verzapft hatte, eher lau war und plötzlich liefert die Type mit “Intellectual Violence” tatsächlich ein annehmbares Lebenszeichen. Keine forcierten Radiosingles, komplett Low-Budget und wahrscheinlich gerade deswegen beinahe am Stück durchhörbar.

Ein eindrucksvolles Production Line-Up vorzuweisen hat Brailles “The IV”: Oh No, Marco Polo, 88 Keys, Spinna, The Are, Shuko, Kno, M-Phazes, J-Zone. Der gemeine Rucksackler dürfte schon nach dem dritten Komma angefangen haben zu sabbern, also gleich weiter zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung:

Ayatollah, der Mann hinter “Ms. Fat Booty”, bleibt auch dieses Jahr notorisch unterbewertet, obwohl er schon wesentlich überzeugendere Beat-Showcases als “Louder” hinterlegt hat.

Äh ja, Looptroop. Bevor ich mich um Kopf und Kragen rede, verweise ich auf eine, in naher Zukunft zu erwartende, bestimmt euphorische, Review von Kollege Brimmers zu “Good Things”. Ich gestehe, eh nur Stichproben genommen zu haben.

Sich mehr dem Funk hinzuwenden, hält auch Quannum MC Lyrics Born für eine gute Idee. Nicht immer geschmacksicher, aber einige Gnarls meets Delay-Bringer finden sich dennoch auch auf “Everywhere at once”.

Zum Schluss noch ein wahres Schmankerl: Ta’raach geht seinen Weg links des Pfades beständig weiter und fusioniert mit Blu zu C.R.A.C. Knuckles (sprich: “Crass”, nicht “Crack”). “The Piece Talks” verbindet Madlib’sche Schnoddrigkeit
mit der Attitüde von Count Bass D. Um Strukturen und Regeln kümmern sich andere.

Ach ja, Lebrons Spezi Shawn C. Carter zeigt sich genervt von Freeway Deshawn Stevenson und disst Washingtons, vorher eher als belanglos aufgefallenen, Shooting Guard. Hip Hop is outtra control.

Oder doch intakt: So löste das Gerichtsurteil im Falle Sean Bell eine wahre Protestlawine in der rappenden Zunft aus. Ein zweites South Central ist nicht zu erwarten, aber so ein Hauch von politischem Aktionismus ist zwischen Klingeltonmania und Ice-Kühling durchaus ein gutes Zeichen.

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Und sonst so:

Für alle, die auch erst 1998 mitbekommen haben, dass die Mauer nicht mehr da ist: Portishead sind zurück und “Third” ist ein verdammt großartiges Album geworden.

Kieran Hebden oder, wie wir Freunde ihn nennen, Four Tet veröffentlicht mit “Ringer” mal keinen psychedelischen Laptop-Folk, auch keine ausufernden Jazz-Improvisationen, sondern eine Albumlänge aufweisende EP analogen Avantgarde-Techno, Marke Ellen Alien oder Apparat.
Wo wir beim Thema wären: letzterer stellt CD-Käufern mit “Things to be frickled” eine Unmenge an eigenen und fremden Remixen im praktischen 2CD-Format zur Verfügung. Musikalisch über alle Zweifel erhaben, aber so ein bißchen beißt man sich als Vinyl-Verpflichteter schon immer in den Allerwertesten, wenn die faulen Digitalos solche Deluxe-Pakete zum Spottpreis geschnürt bekommen.

Was ich von Midfield Generals ““General Disarray” halten soll, habe ich noch nicht entschieden. Obwohl Fatboy Slims Busenfreund mit “Disco Sirens” einen zeitgemäßen Sure-Shot im Programm hat, kann er seine Finger auf Albumlänge nie ganz von ausgelutschter Big Beat-Schaumstoffschlägerei lassen. Nicht schlüssig, aber mit einigen Momenten.

Fast schon zu schlüssig ist Scubas “A mutual antipathy” geworden. Wer nach dessen frühen Tracks wummernden Dubstep erwartet hatte, liegt nur bedingt richtig: Scuba hat sich der neuen Wahlheimat angepasst und berlinert sich im Zeitlupentempo sehr minimal, bisweilen extrem trippig und sphärisch, durch die
gut 50 Minuten. Eher was für die Shackelton/Peverelist-Fraktion als für die Skream/Rusko-Haudruffs.

“Influenced by Italian film soundtracks, library music, disco edits, acid rock and vintage soul, they mix the unlikeliest elements – bluesy guitar, chamber strings, air-raid sirens, shuffling breakbeats, even flutes and seagull cries – into an hour-long, beautiful reverie.” – Sagt der Waschzettel zu Quiet Village und “Silent Movie”. Würde ich so unterschreiben, besonders den “Italian Film Soundtracks”-Teil.

Knäckebrot Shally Shapiro lässt ihre “Disco Romance” von Fachkräften wie Tensnake, Juan MacLean, Holy Fuck, Skatebard, Lindstrom oder den Junior Boys neu bearbeiten und heraus kommt ein weniger geradliniges aber noch schwebenderes Synth-Pop Album. Ätherisch in geil.

Apropos ätherisch: M83 sind zurück und halten den Pathos-Level endlich wieder auf erträglichem Niveau. “Saturdays = Youth” (Albumtitel des Jahres?) ist mehr Ronny’s Pop Show als Kammerkonzert und zumindest mir kommt diese Hinwendung hin zu Art-Film-80s-Pop gelegen.

Stichwort 80s: Auf ihrem zweiten Album “Couples” haben sich die Long Blondes von Erol Alkan produzieren lassen, der die Damen und Herren mit schönen Blondie- und Madonna-Referenzen eindeckt. Manche vermissen den Garagen-Charme des Debüts, ich singe enthusiastisch “Ceeeeen-turyyyyyy”.

Wenn Modular nicht bald ein Einsehen hat und die Alben der beiden Aussie-Formationen Cut Copy und The Presets auf Vinyl zugänglich macht, trete ich in den Hungerstreik.
Vor allem Cut Copys “In Ghost Colours” ist großartige Popmusik, irgendwo zwischen New Order, E.L.O. und Alan Braxe. “Hearts on Fire” spukt mir mittlerweile auch schon ein halbes Jahr beim Aufstehen im Kopf herum. Ganz groß.

Auch super: Album Nummer 2, der Presets “Apocalypso”. Immer noch angeravet aber weniger Brechstange und mehr Melodie als auf dem Vorgänger “Beams”. Depeche Mode for 2008, you suuuuckas. Und was es da für großartige Remixe zu gibt und geben wird…

Ordentlich macht seine Sache auch der Schweizer Robi Insinna alias Headman. Aus Bequemlichkeit zitiere ich an dieser Stelle einfach aus der kommenden Review: “Catch Me” lässt süßliche Discoromantik gegen Rave-Synths, Gang of Four-Riffs und Acid-Basslines antreten.”

Gonzales blödelt sich auf “Soft Power” durch das Banalitätenkabinett der Soft Rock-Hölle und trotzdem macht das hier bei gutem Wetter durchaus Laune, besonders wenn Gonzales mehr in Richtung Discokugel abschweift. Noch besser als das Album ist jedoch der Boys Noize Dub auf der “Working Together” 12”.

Wenn die Spex unlängst Gonzales und Jamie Lidell in einen Topf werfen durfte, machen wir das hier eben auch. Statt Soft Rock gibt es bei Herrn Lidell eine konsequente Weiterentwicklung zum Vorgänger “Multiply” zu hören – das Weißbrot schmeißt sich erneut hingebungsvoll in große Stax-Posen. Elektronik spielt keine Rolle mehr, dafür ist “Jim” so etwas wie die “Back to Black”-Alternative für Szene-Hoschis. Ganz super: der Mr. Oizo Remix zu “A little bit of feel good”.

Derlei guter Laune völlig unverdächtigt ist weiterhin Trent Reznor, der mal eben so 36 Nine Inch Nails – Skizzen auf vier LPs verteilt.

Ziemlich okayer Indie-Rock wird sogar in Minneapolis gemacht, obwohl Tapes ‘n’ Tapes auch mit ihrem zweiten Longplayer “Walk it off” bei mir unter “Modest Mouse Light” abgespeichert bleiben.

Wesentlich experimenteller geht’s bei den Fuck Buttons zu, aber warum müssen mich die Typen immer wieder mit Immortal-Gekreische aus meinen Tagträumen reißen? Da hat man es sich sechs Minuten lang in diesen ausladenden Keyboard-Krautrock-Flächen bequem gemacht und auf einmal geht das Kastrationsgeschrei los. Uncool.

Kommando zurück, in der braven Indie-Ecke hätten wir diesen Monat auch noch Someone still loves you, Boris Yeltsin (ja, die heißen wirklich so) aus – tatatata – Springfield. “Pershing” geht mit seinen einfachen Melodien schon durch, aber irgendwie ist das alles so schrecklich brav, dass man spätestens nach 10 Minuten gedanklich ganz wo anders angekommen ist.

The Kooks? Gääääähn. Aber geile Frisuren. Und der eine sieht aus wie Puyol.

Ich kann’s nicht ändern: Ich mag Jack White. Ganz egal ob im Verbund mit der Schlagzeug-Dilettantin oder mit seinen Testosteron-Homies. Und so wird auch das neue Raconteurs Album hier durchgewunken, obwohl man das eigentlich alles schon tausendmal gehört hat.

Dass die B52s vor “Love Shack” serienmäßig richtig töften Surf-Rock fabriziert haben, wird ja gerne mal vergessen. Dass sie den rauen Sound der ersten Veröffentlichungen zumindest ansatzweise ins Jahr 2008 transportieren konnten, überrascht doch einigermaßen. Selbstverständlich wurden unter die Trademark-Gitarren zeitgemäße Beats gelegt und jede neue Band würde für “Funplex” eher belächelt werden, aber zumindest Daumen hoch ein desaströses Comeback vermieden zu haben.

Ne, Madonna, das war nix. Seit wann hat es die Frau, die seit Jahren die Regeln des Glamourpop schreibt, denn nötig, einfach die Formel von Jesus Timberlake und der männerfressenden Portugiesin zu kopieren? Dass zudem auch Timbo und Pharrell in letzter Zeit mächtig stagnieren, lässt “Hard Candy” noch weiter in der Mittelmäßigkeit versinken. Einzig das technoide “Heartbeat” zieht den Karren temporär aus dem Dreck. Summa Summarum: lieber “Hung up” in der Endlosschleife.

Und gleich nochmal: Auch Mobys Rückkehr auf den Tanzboden “Last Night” kann man sich schenken. Auf die Remix 12“s warten und Tee trinken.

Oder doch ein Pils eingießen und Vaddern fragen, was er denn von der neuen R.E.M. hält.

So, abschließend wie immer die Top 20 des Monats. Anarchie en Français! Al Green! “It takes two” im Fidget-Gewand! Akkordion-Samples! Honululu-Techno! Next-Step Masturbation! Cars & Trucks! Nackischkeit! Reschpekt!

1. Justice – Stress (Video + Auto Remix) kaufen
2. Al Green – Lay it down (ft. Anthony Hamilton) kaufen
3. Ladytron – Ghosts kaufen
4. Mickey Factz – Rockin & Rollin (ft. The Cool Kids)
5. Hijack – Possessed kaufen
6. Jamie Lidell – Little bit of feel good (Mr Oizo remix) kaufen
7. Bumblebeez – Rio (Herve remix) kaufen
8. Dark Star – Squeeze my lime kaufen
9. Feadz – Hawaian Smut kaufen
10. The Roots – Rising Down (ft. Mos Def & Styles P) kaufen
11. Hudson Mohawke – Ooops kaufen
12. The Presets – Kicking and Screaming kaufen
13. J Dilla – Trucks
14. Grovesnor – Drive your car (Bird Peterson remix) kaufen
15. Radiohead – Nude (Holy Fuck remix)
16. Voodoo Chilli – Streetplayers kaufen
17. Mstrkrft – Vuvuvu
18. T.R.G. – Put you down
19. Chromeo – Fancy Footwork (Crookers remix) kaufen
20. C.R.A.C. Knuckles – Respect kaufen

War noch was? Ach genau, same procedure as every year:

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Florian Aigner

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