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Hiobsbotschaften durchzog dieses Jahr: HipHop is dead! Gangsta, Plattenindustrie, Voldemort: tot! Max Roach, Alice Coltrane, Kare Svoboda: tot. Evelyn Hamann, Boris Jelzin, Hansjörg Felmy: alle tot! Nur die Kreativität hat komischerweise nicht gelitten. Oder um es mit Gottfried Benn (längst tot) zu sagen: »Wer redet ist nicht tot« . Und es wurde viel geredet in diesen zwölf Monaten. Es lohnt also der Blick zurück ins Jahr 2007.
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HIP HOP:
Während sich ganz HipHop-Hausen an Nas’ letztjährigem Albumtitel abarbeitete und jede zweite Neuveröffentlichung als Gegenargument für diesen heranzog, wollen wir es uns nicht so einfach machen und hier lieber hervorheben, dass Diddy der Will.I.Am des Jahres 2007 ist: eigentlich seit Jahren als Gimmick abgekanzelt, gibt es im Weihnachtsgeschäft nicht schickeres als Sean Combs in seinen Album-Credits stehen zu haben. Und Schuld daran hat mal wieder wer? Shawn Carter natürlich. Der quält sich aus seinem »Beach Chair« und lässt sein altes Marcy-Drug-Slinger-Alter-Ego auferstehen. Auf Beats von u.a. Diddy und der anderen großen persona non grata der letzten Jahre Jermaine Dupri. Und trotzdem oder gerade deswegen ist »American Gangster« randvoll mit großem »Blueprint«-Soul. Verkehrte Welt. Aber Jay-Z war beileibe nicht das einzige Schwergewicht, das sich dieses Jahr für ein Album entschieden hat. Zwei Monate zuvor lieferten sich bereits Kanye West und 50 Cent ein groteskes Rennen, welches Mr. West mit seiner Synth-geschwängerten Abschlussprüfung qualitativ und auch quantitativ locker für sich entscheiden konnte.
Außerdem hatten wir Commons etwas risikoarmes, aber dennoch große Steherqualitäten beweisendes »Finding Forever«, Redmans okayes »Red Gone Wild«, Pharoahe Monchs ewig verschobenes Gospel-meets-Gutter Machwerk »Desire«, Überlanges von Talib Kweli und UGK und Unausgegorenes von T.I., der nicht der Einzige ist, der die nächsten Jahre hinter Gittern verbringen könnte. Auch Mobb Deeps Prodigy wurde zu einem schönen Beispiel für »When keeping it real goes wrong«. Die dreieinhalb Jahre, die er wohl einsitzen wird, nachdem eine Waffe in seinem Auto gefunden wurde, werden für uns insofern erträglicher, als dass er bereits zu Beginn des Jahres mit dem phänomenalen »Return Of The Mac« ein Mixtape-Album veröffentlicht, welches bewies, dass »Blood Money« doch nicht der finale Untergang des Mobb Deep-Mythos war. Kollege Havoc konnte daran mit »The Kush« nicht mal annähernd anknüpfen.
Aus England erreichen uns die Platten der beiden Grime- Posterboys Wiley und Dizzee Rascal. Die scheinen aus ihren persönlichen Differenzen mächtig kreative Energie destilliert zu haben, sind doch sowohl »Playtime Is Over« als auch »Maths & English« herausragende Alben geworden.
Unterdessen bezog Lupe Fiasco wochenlang Prügel für seinen Aussetzer bei den VH1 HipHop-Honours als er zwei der acht Zeilen, die er beim ATCQ-Tribute rezitieren sollte, wegnuschelte. Fiascogate ward geboren. Was das für die Verkaufszahlen seines kurz vor Weihnachten erscheinendes Album »The Cool« heißt, lässt sich noch nicht abschätzen.
Der Verlust von J Dilla wehte natürlich auch 2007 noch mächtig nach, doch Wajeed, Black Milk, Elzhi und Phat Kat taten ihr bestes um Detroit nicht von der Landkarte verschwinden zu lassen. Dennoch blieb man dankbar für jede weitere Dilla- Perle, sei es die sinnvoll erweiterte »Ruff Draft«-Reissue oder das knackig kurze »Jay Love Japan«. Apropos Reissue: davon gab es dieses Jahr nicht zuletzt dank Traffic Entertainment jede Menge. Besonders hervorzuheben wären aber die Buckwild Werkschau »Rare Studio Masters« und die zuvor unveröffentlichten Überbleibsel aus den »Sex Style«-Sessions von Kool Keith und Kutmasta Kurt.
Der so genannte ›Underground‹ wurde nach wie vor vom Duo Stones Throw/Def Jux gezogen, mit sporadischer Unterstützung durch Rhymesayers, Duck Down und Nature Sounds. Ansonsten herrschte vielerorts eine gewisse Ratlosigkeit. Zu oft verließ man sich darauf, die alte Golden-Age-Brühe am Köcheln zu halten, anstatt nach vorne zu blicken. Dementsprechend dankbar musste man auch sein, dass Stones Throw mit hervorragenden Alben von Percee P, Oh No und Madlib den Karren aus dem Dreck zog und El-P nicht nur sein fesselndes »I’ll Sleep When You’re Dead«, sondern auch Aesop Rock mit »None Shall Pass« in den Ring schickte. Löblich erwähnt werden sollen außerdem noch meine Lieblinge von Camp Lo, Sean Price, Ohmega Watts, Jneiro Jarels Projekt The Shape of Broad Minds, Cadence Weapon, Simian Samurai, der wie üblich extrem entspannte Devin the Dude, sowie die instrumentalen Exkursionen von Joey Beats, Blockhead, Sixtoo, Wax Tailor, Thes One, edIT und insbesondere Flying Lotus.
Die letzten Wochen des Jahres habenaußerdem auch noch einiges zu bieten: Der Clan und sein momentan relevantestes Mitglied, Ghostface, werden ihre jeweiligen Alben binnen einer Woche in die Läden bringen. Lil »I’m on everything« Wayne wird ebenfalls noch pünktlich zum Fest auf die Zielgerade einbiegen, genauso wie der bemerkenswert konstante Scarface,
Styles P und Beanie Sigel.
Die ganz großen Sensationen sind aus-, beziehungsweise anderen Genres vorbehalten geblieben, aber Grabesreden musste bei Leibe trotzdem keiner halten. Womit ich zum Abschluss dann doch noch in die von »Hip Hop is dead« aufgestellte Falle getappt wäre. Damn you, Nasir!
Text: Florian Aigner
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DEUTSCHRAP:
Ein Rückblick auf das Deutschrapjahr 2007 wirft nicht die Frage auf, was in diesem Jahr passiert ist, sondern viel mehr was nicht passiert ist. O.K., auf beef wurde bis auf die kleine Auseinandersetzung zwischen Separate und Kollegah Anfang des Jahres, die jedoch mittlerweile beigelegt wurde, eigentlich komplett verzichtet. Stattdessen wurden sogar alte Fehden wie die zwischen Azad und Bushido, sowie Azad und Specter beigelegt oder auch alte Bekannte wie die Spezializtz oder Mixery Raw Deluxe, das nun wöchentlich mit einer neuen Sendung im Internet aufwartet, zurück auf die Mattscheibe geholt.
Einige Gründe zum Feiern also: Die größte Feier des Jahres fand jedoch auf einer kleinen Insel namens Pouch unweit von Leipzig entfernt statt. Nachdem im letzten Jahr viele Sponsoren, aber auch einige Einzelpersonen bei der »Save-Splash«-Aktion ein Fortbestehen des Festivals sicherten und Anfang des Jahres auch von offizieller Seite das Fortbestehen garantiert wurde, wartete das Splash Festival in seiner zehnten Auflage mit gutem Wetter, dem wohl dicksten Line-Up der Splash-Geschichte und vielen anderen Überraschungen auf: erwähnt sei hier insbesondere die vorübergehenden Reunion von Freundeskreis und der Auftritt von La Familia, der einigen Deutschrap-Nostalgikern sogar Tränen in die Augen trieb. Ein neues Album in naher Zukunft wird von keinem der Crewmitglieder ausgeschlossen…
Neben Parties, Friedensverträgen und Reunions gab es mit vielen qualitativ sehr hochwertigen Releases aus deutschen Landen weiteren Grund zur Freude im Jahre 2007. Egal ob langerwartetes Debüt oder einfach nur neues Produkt eines bereits etablierten Künstlers: »Aus Liebe zum Spiel« von Snaga & Pillath , »Lifeshow« von Olli Banjo, »Fokus Rap« von Pal One, sowie »Hahnenkampf« von K.I.Z. sind nur einige der großartigen in 2007 erschienen Deutschrapalben. Insbesondere letzteres hat auch außerhalb der Deutschrap-Community für ordentlich Gesprächsstoff gesorgt.
2007 war also endlich mal ein Jahr, in dem nicht mit unnötigen Streitereien, sondern mit guter Musik Aufmerksamkeit erregt wurde. Wenn dann kurz vor Ende des Jahres der selbsternannte »King of Rap« Kool Savas nach fünf Jahren Wartezeit mit »Tot oder lebendig« eine richtige Granate von Album releast, stellt sich die Frage ob »Tot oder lebendig« in bezug auf deutschen Rap wohl gar nicht erst. Denn deutscher Rap lebte im Jahre 2007 wie eh und je, zumal in Betracht gezogen werden muss, dass in Kürze die lange erwarteten Alben von Azad, sido und sogar Dynamite Deluxe anstehen. Um das einstige Sorgenkind Deutschrap braucht sich also vorerst keiner mehr Sorgen machen, die Zukunft sieht ähnlich rosig aus, wie die Gegenwart. Bleibt noch zu hoffen, dass auch die Medien in Zukunft nicht nur einer Sorte von Deutschrap Aufmerksamkeit schenken…
Text: Jan-Hendrik Mautsch
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GRIME:
Die gute Nachricht vorab: Gegenteiligen Prognosen und negativer Schaumschlägerei zum trotz, war Grime auch 07 quicklebendig. Wie bereits an anderer Stelle bemerkt: Der war nie tot, der roch nur so… Dem alten, staubigen Feudel wieder Leben eingehaucht haben im letzten Jahr fast ausschließlich die wirklich großen Hausnummern, vor allem durch die finale Einsicht, dass man seinen Sound wohl doch um Sackhaaresbreite öffnen muss, um ein Publikum jenseits des LDN-Ostens zu erreichen. Praktiziert wurde eben jenes von Lady Sovereign, die Anfang des Jahres mit “Those were the days” noch mal einen klassischen HipHop-Track von “Public Warning” auskoppelte. Rückblickend muss man ihren U.S.-Eroberungsfeldzug trotzdem als eher halb erfolgreich klassifizieren. Mit soundtechnischen Annehmlichkeiten hatten die Jungs von Roll Deep glücklicherweise nicht mehr viel am Hut, sodass Tracks wie “Stompers” und “Badman” die wenigen unpassenden Momente von “In at the Deep End” restlos aus dem Gedächtnis prügelten. Wiley, seines Zeichens Oberhäuptling der wahnsinnigen Clique, avancierte mit seinem souverän inszenierten “Letter 2 Dizzee” und dem dazugehörigen Album “Playtime’s Over“zum interessantesten Thema des Jahres und schlug mit seinen traditionsbewussten Bangern den adressierten Herrn Mills und sein “Maths and English” um eine Nasenlänge. Zwar hatte der Raskit die richtigen Singles, und mit “Pussy’ole” den eindeutig besseren Diss, allerdings vermisste man an gleich mehreren Stellen die nötige Portion Kotze und Staublunge. Aber wie Kollege Aigner so treffend bemerkt hatte, kaufen musste man eh beides. In einer ähnlichen Liga tummelt sich mittlerweile auch Wunderknabe Kano, der für sein 679-gepushtes “London Town” irgendwie ungerecht behandelt wurde. Lethal Bizzle hingegen chillt anscheinend nur noch mit seinen Freunden der Röhrenjeans-Fraktion und ließ sich als einzig wahrer Grindie-Erfinder kräftig mit Dosenbier begießen. Gepogt wurde folgerichtig zu seinen Combinations mit den Rakes und seinem Zweitling „Back 2 Bizznezz“. Feist, das. Für besinnliches unterm Weihnachtsbaum könnten auch noch die beiden Übertalente Tinchy Stryder und Skepta sorgen, deren Releases beide für das letzte Quartal angekündigt wurden.
Zum Schluss, auch wenn es nicht hundertprozentig hierher gehört: M.I.A “Kala” möge bitte jeder Mensch mit Ohren, oder wenigstens Augen, mittlerweile sein Eigen nennen, um vor seinen Kindern in 20 Jahren nicht in Erklärungsnot zu geraten. Spätestens die werden diesen zeitlosen Classic nämlich als eben solchen längst anerkannt haben.
Text: Julian Brimmers
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ELEKTRONISCHE MUSIK:
Die Quadratur des Kreises: ein Blick zurück auf das elektronische Jahr 2007, basierend NICHT auf Singles. Im traditionell Track-lastigsten Genre kann man sich dieses Jahr tatsächlich auf ganze Alben konzentrieren, ohne dabei Gefahr zu laufen, das Wichtigste unter den Teppich zu kehren.
Ja, es gab sie noch, zwischen all den Leuchtstäben und den besoffen zu »We are your friends« auf den Mainfloor kotzenden Studenten: jene Feingeister, die zerbrechliche Songs schreiben statt möglichst brutal fünf Minuten lang auf die Kacke zu hauen, ob sie nun Trentemøller, Matthew Dear oder Apparat hießen. Aber surprise, surprise: die In-your-face-Fraktion machte in diesem Kalenderjahr mit wenigen Ausnahmen die signifikant spannendere Musik. Irgendwo zwischen Presslufthammer und Pinzette lag James Murphy mit seinem fantastischen zweiten LCD Soundsystem -Album »Sound of Silver«, sowie Fräuleinwunder M.I.A., die auf dem furiosen »Kala« alles kombinierte was zeitgenössische Musik hergibt und ihren Siegeszug durch die Feuilletons souverän fortsetzte.
Aber zurück zum Presslufthammer: Haarspray-Glam, Hip Hop-Breaks, Schweinerock, Dr Albanismen, Disco-Cheesiness, Beat-Repeat Massaker: all das ist integraler Bestandteil des wichtigsten Themas des Jahres: New Rave, Blog House, Stadion Electro oder was zur Hölle sich NME sonst so an duften Labels ausdenkt. Fest steht, dass neben den geschätzten 5357 Tracks, die in dieser Richtung pro Tag gebloggt werden, auch wahre Offenbarungen im Albumformat auf das – im letzten Jahr noch völlig überforderte – Publikum losgelassen wurden. Allen voran Ed Bangers Posterboys Justice, die mit ihrem brillanten Album »†«, vor allem aber mit dem Überhit »D.A.N.C.E.« völlig zu Recht zu den größten elektronischen Superstars seit Daft Punk aufstiegen. Außerdem hatten wir noch Hamburgs großen Stolz Digitalism, die Simian Mobile Disco, Teenage Bad Girl und Boys Noize, die die Verzehrer auf Maximum stellten und ›bratzig‹ zum (Un-)Wort des Jahres machten. Neben den unzähligen Myspace-Phänomenen ohne Album und Institutionen wie Switch, Soulwax oder Oizo, versteht sich.
Und wenn Justice gar »Master Of Puppets« zum Tanzflurstandard erheben, wundert es auch kaum, dass weder der 80s-Porno-Funk von Chromeo, die Italo-Spielchen von Rodion, der Run DMC-meets-Clipse-Minimalismus der Cool Kids, noch der brasilianische Baille-Trash von Bonde de Role und CSS durchs Hipster-Raster fielen. Selbst die sich eigentlich auf dem absteigenden Karriereast befindenden Chemical Brothers konnten in dieser Umwelt zwei veritable Hits aus »We Are The Night« auskoppeln. Auch Roisin Murphy nutzte die Kitsch-Toleranz des Publikums aus und trällerte sich durch die Moroder-Disco.
Weiterhin alles erlaubt ist auch bei den Berlinern von Modeselektor, die neben frontalem Elektro auch ruhigere Momente und eine Prise Dubstep in ihr gelungenes zweites Album einfließen ließen. Wo wir schon bei Dubstep wären: Der gedeiht weiterhin vornehmlich im kalten London, wo Burial mit seinem Zweitling »Untrue« und Distance mit »My Demons« zwei beeindruckend verschiedene Blaupausen für das Genre vorlegten.
Calvin Harris, The Tuss, Bonobo, Amon Tobin, Supermayer und das Cosmic Disco- Phänomen rund um Lo Recordings hätte ich in diesem heillosen Durcheinander beinahe zu Unrecht vergessen.
Text: Florian Aigner
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REGGAE / DANCEHALL:
Reggae/Dancehall in 2007 hieß vor allem, dass das seit 2005 notorische One Drop-Revival zwar nicht vollends verebbt ist, aber dennoch langsam aber sicher wieder mehr Platz für die »hinterbliebenen« Spielarten einräumte. So wurde die Neo-Roots-Fahne auch größtenteils von den schon damals ausschlaggebenden Artists Chuck Fender und Richie Spice (»The Living Fire« bzw. »Motherland Africa«) hochgehalten, die der eigenen Messlatte gottseidank gewachsen waren. Altmeister Sizzla Kalonji überraschte ebenfalls mit einer reinen Roots-LP, »I-Space«, die, nach den experimentelleren Scheiben der letzten Jahre, vor allem die älteren Fans des Bobo Ashanti-Singjays zufrieden stimmte. Generell konnten einige Vertreter der alten Garde mehr oder weniger Aufsehen erregende Comebacks feiern: Während Black Uhuru -Veteran Junior Reid sich nach der Game-Kollabo des letzten Jahres erneut in HipHop-Gefilden breit machte, um zusammen mit Cham MIMS »This Is Why I’m Hot« zu veredeln, kam Elephant Man endlich mit seiner lang ersehnten BadBoy-LP um die Ecke, welche allerdings, trotz poppiger Wyclef-Single, nicht so richtig ins Rollen kommen wollte. Shaggy hingegen legte einen astreinen Sean Paul-Move hin: Mr. Boombastic himself verzichtete für »Intoxication« fast gänzlich auf die Großen der Popwelt (Akon durfte natürlich trotzdem mitjammern) und bewahrte sich mit »Church Heathen« und »Bonafide Girl« zumindest zwei echte Bosstunes und einen Teil Restwürde. Des Weiteren überzeugen konnte Lady Saw, die mit »Walk Out« ihr bislang facettenreichstes Album vorlegte. Die vermutlich schlechteste gute Nachricht seit langem: Jah Cure bewegt sich wieder auf freiem Fuß und verringert damit beträchtlich das Floskel-Repertoire unzähliger Artists. »True Reflections« entpuppte sich dann auch nur als Singlewerkschau, auf der gerade mal ein neuer Tune Platz hatte.
Zu den markantesten Überraschungen des Jahres zählten sicherlich der Italiener Alborosie, Collie Buddz’s Sony-BMG gesponsertes Debüt, sowie das von MTV bis zur Rheinischen Post allseits abgefeierte »Gangsta For Life« vom Alliance-Rudebwoy Mavado. Ebenfalls debütiert: Ghettoyouth-Camp Mastermind Stephen Marley mit »Mind Control«. Allerdings gar nicht mal so super.
In hiesigen Gefilden wurde selbstredend das meiste von Tillmann Ottos letztem Ouevre überschattet. »Another Intensity« präsentierte sich zwar durchaus souverän und verkaufstechnisch stabil, so langsam aber wünscht man sich auch von Gentleman ein paar Innovationen. Rootdown-Representer Nosliw hingegen feierte mit »Mehr davon« nicht nur seinen Rückzug aus der schmutzigen Welt der Majors, sondern schuf mit der Single »Immer wieder hören« auch noch die deutsche Dance-Hymne des Jahres. Ach so…Und »Hamma« gab es auch noch…Hoffentlich haben die Jungs von Culcha Candela wenigstens genug Kohle gemacht, um sich neue Synths zu kaufen…
Text: Julian Brimmers
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GUITAR&MORE:
Alles bleibt so wie es war: Radiohead veröffentlichen eine Platte und die Welt steht still. Ihr zunächst nur als Download erhältliches »In Rainbows« und vor allem die damit einhergehende Verkaufsstrategie beanspruchten im letzten Quartal (zu Recht) derart die Schlagzeilen im Gitarrenland, dass man die Existenz anderer Bands beinahe vergessen hatte. Im Folgenden soll aber all das, was unter der Radiohead-Lawine begraben wurde, geborgen werden.
Die große Post-Lily-Allen-Myspace-Invasion war auch in diesem Jahr noch nicht beendet, wie vor allem Kate Nash mit ihrem Bubblegumpop-Album »Made of Bricks« bewies. Eine ähnliche Klientel bediente Feist mit ihrem wunderschönen »The Reminder«. Unterdessen richteten die Arctic Monkeys mit »Favourite Worst Nightmare« den Effe in Richtung aller, die sie als typische Ein-Album-Band eingeschätzt hatten. Vergleichbares gilt für Bloc Party und The Bravery, wobei hier die Durchfallquote etwas höher lag. Noch einiges spektakulärer: das Battles All-Star-Team. Diese ließen mit »Mirrored« ein Album stehen, das in allen Kategorien hätte Erwähnung finden können: ’88-HipHop-Drums, elektronische Programmiersperenzien, Gitarren-Wände, in Funk gebadete Licks und all das mit der Allwissenheit eines Jazz-Snobs. Apropos Weirdos: Björks »Volta« ist hingegen nicht die ganz große Offenbarung geworden.
Widmen wir uns kurz Bands, nach denen man sich den Wecker stellen kann: sowohl Interpol als auch deren Epigonen, die Editors, spulten routiniert ihr Joy Divison-Gedächtnisprogramm ab und die White Stripes nahmen mit »Icky Thump« einfach nochmals »White Blood Cells« auf.
Gewohnt turbulent präsentierte sich das Animal Collective, wobei ich hier sagen muss, dass ich, wenn ich einen Retter der »Pet Sounds«-Ästhetik bestimmen müsste, doch lieber Caribou wählen würde. Der schrieb auf »Andorra« grandios-psychedelische Pop Songs, die nicht unter übertriebener Spielwut zusammenbrachen. Ebenfalls ziemlich super: das Soloprojekt von Panda Bear, der auf “Person Pitch” Psych Folk mit der MPC bekannt macht.
Noch pompöser geworden sind Arcade Fire, deren »Neon Bible« wie ein Gottesdienst für Menschen unter 50 Jahren klingt. Auch gut: Waldschrat Devendra Banhart und sein neues Album. In eine ähnliche Kerbe schlug Jose Gonzales mit seinem Zweitling »In Our Nature«, wenngleich er berechenbarer blieb.
Wesentlich rüpelhafter der New Young Pony Club, der seinen New-Wave-Disco-Funk ebenso dem Partyvolk unterschieben konnte wie die omnipräsenten Klaxons oder das Go!Team. Nichts anfangen konnte ich nach wie vor mit Tocotronic, die auf »Kapitulation« engagiert den elitären Spielverderber gaben. Dann lieber die spärlich instrumentierte Prinzhorn Dance School, die Texaner von Spoon oder der nimmer müde Dave Gahan. Absolut überragend auch was die Dänen von The Raveonettes auf Lust, Lust, Lust anstellten und wie sicher das Label Italians do it better in dem Spannungsfeld zwischen Electro Pop, Italo-Disco und herrlich unprätentiösem Songwriting agiert. Bestes Beispiel: das fantastische “Night Drive” der Chromatics.
Im Februar 2008 kommt dann Made in the Dark unserer Lieblinghornbrillen-Spasten Hot Chip und alles wird gut bzw noch besser.
Text: Florian Aigner
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