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Hip Hop Hausen:
Gleich zu Beginn des Monats hatten wir das Ereignis, das alle anderen Veröffentlichungen im 90BPM-Sektor für diesen Monat obsolet machte. Jay-Z liefert mit “American Gangster” sein bestes Werk seit “The Blueprint” ab und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich lieber “Success”, den Titeltrack, “Fallin”, “Say Hello”, “Blue Magic”, “Roc Boys”, “Party Life”, “No Hook” oder “Ignorant Shit” jeden Tag 2 Stunden auf Repeat laufen lassen soll. Was für ein Monster von einem Album. Da vergisst man tatsächlich beinahe, dass der seit Monaten verschollene Cam’Ron wenige Tage später sein monströses Doppel-CD Mixtape “Public Enemy” zum Download bereitstellte. Wie immer bei solchen Marathonveranstaltungen geht auch Herrn Gilles irgendwann die Luft aus und die Produktionen erreichen nur selten “Purple Haze”-Niveau, aber als Erinnerung daran, dass wir diesen Komiker immer noch brauchen, funktionierte dies zwischen den kurzen “American Gangster” – Pausen doch exzellent. Mit Freeway hingegen stehe ich schon zeitlebens auf Kriegsfuß. Während manche übermotivierten Blogger heute noch 60-seitige Dissertationen darüber schreiben, wie Lil Dap & Malachi das vielleicht kohärenteste DJ Premier Album aller Zeiten mit ihren Grundschulreimen ruinierten, echauffiere ich mich bevorzugt über das Gurgeln und Rülpsen, das mir Mr Slightly Retarded nun schon seit Jahren über mehr als hochwertige Produktionen als Rappen verkauft. Dass ich mir nun auch “Free at last” trotzdem mehr als einmal anhöre, hat der Bart erneut seinem extrem guten Ohr für Beats zu verdanken. Wenn halt nur die Stimme eine andere wäre…
Wir bleiben in Philly: Hätte doch nur jemand Freeways Beats an Cassidy verkauft. Dass der rappen kann wie ein Bekloppter, weiß man ja. Umso trauriger dann wenn er uns die meiste Zeit mit Liebeserklärungen an Jesus und Ringtone-Konserven-Beats nervt. Da arbeitet einer wohl schon fieberhaft daran, vorzeitig wieder wegen guter Führung raus zu dürfen. Weiter geht’s in QB, wo beim Infamous Mobb alle Zeichen auf Stillstand stehen. “Reality Rap” geht für die Ewig-Gestrigen sicher so durch wie das letzte Tragedy Album, ich hör stattdessen einfach zum 210. Mal “Return of the Mac”. Da macht dieser Throwback-Kram wenigstens richtig Spaß. Statik Selektah zeigt unterdessen mit “Spell my name right” zum einen, dass er viele Bekanntschaften hat und zum anderen, dass er weiterhin Samples mit sehr hohem Bekanntheitsgrad verwursten darf ohne uns damit auf die Cochones zu gehen. Mir wurde Termanology vielleicht etwas zu viel Platz zugestanden, aber für ein mit 21 Tracks monströs aufgeblasenes Showcase läuft das hier ganz gut durch. Und Big Shug liefert über ein Oh No-eskes Videospiel-Sample den heimlichen Hit.
Den saftigen Preis für Kool Keith & Kutmasta Kurts “Sex Style”-Archiv wird wirklich jeder bereit sein zu zahlen, der sich im entferntesten Thorntons Jüngern zurechnet. So alt, so gut. Kacke, da habe ich mir doch tatsächlich einen pisseinfachen Übergang ruiniert, in dem ich Wildchilds Album “Jack of all trades” nicht direkt an “Free at last” anschließen habe lassen. Hier gilt nämlich ähnliches: Hervorragende Beats, Mikrofongäste, die den Gastgeber dumm da stehen lassen und das Problem, dass jener von Mutter Natur nicht mit einer Stimme gesegnet wurde, die ich 50 Minuten am Stück hören will. Das funktionierte im Tag Team mit Madlib deutlich besser. Aber streng genommen auch Wurscht, kaufen tut mans schlußendlich bei diesem Arsenal an Madlib, Oh No und Black Milk Beats dann doch. Und “The League” mit Percee P, Special Ed, Masta Ace und MC Lyte (!) über Madlib ist sowieso Über-Fuego. Warum ich ständig Vadim vergesse, weiß ich auch nicht so genau, aber auch dieses Mal scheine ich zu spät bemerkt zu haben, dass unser Lieblingsrusse erneut neues Material anbietet. Zwar nur Bonus- und B-Seiten-Gedöns, aber immerhin.
Die Cunninlynguists und deren “Dirty Acres” haben wir schon genug angepriesen, kommen wir also nun direkt zu Large Pro und dessen zweitem offiziell veröffentlichten Beattape mit dem schlichten Titel “Beatz Vol.II”. Dass jemand der solche Sachen wie “Halftime”, “It ain’t hard to tell” oder “Money in the bank” auf dem Kerbholz hat, unfähig ist, totale Scheisse aus der MPC zu quetschen, dürfte klar sein. Dennoch ist “Beatz Vol.II” nicht halb so interessant und vor allem stringent geworden wie “Donuts”, “Beat Journey” oder “Dr No’s Oxperiment”. Schade. Jede Menge Props steckt momentan auch Houstons tiefste Stimme ein. Traes neuestem Album “Life goes on” fehlen aber nach den ersten Durchgängen die herausragenden Momente, die “Restless” noch auszeichneten. Mal sehen, ob sich im Laufe der nächsten Wochen doch noch ein “Real Talk” finden lässt. ******************************************************************** Und sonst so:
Das einzige Album, das diesen Monat annähernd so viel in Casa Aigner lief wie “American Gangster” kommt von der Insel. Verantwortlich dafür das nach wie vor gesichtlose Genie Burial, der mit “Untrue” die Messlatte für experimentelle elektronische Musik im Jahr 2007 auf schwindelerregende Höhe legt. Ob man es nun Future-Soul, Next-Level-Electronica oder Post-Dubstep nennen mag, ist hierbei völlig egal. Ein weiterer Tüftler der Dubstep nur als Ausgangspunkt für seine abstrakten Soundtürme benutzt ist Boxcutter. Der hat bereits Ende Oktober (jap, fiel deswegen bei der letzten Inventur durch das Raster) mit “Glyphic” ein interessantes, wenn gleich nicht annähernd an “Untrue” herranreichendes Album auf Planet Mu veröffentlicht, das den IDM-Glanzzeiten vergangener Tage mindestens genauso viel schuldet wie dem heutigen Dubstep-State of the Art. Und nochmal Dubstep. Bei den Kollegen von Soul Jazz steckt in der zweiten “Box of Dub” dieses Mal aber bedeutend mehr Dub als Step. Insgesamt nicht ganz so zwingend wie Teil Eins, was aber auch dem Umstand geschuldet sein mag, dass meine Präferenzen das eigentlich gerne genau anders rum haben. Was nicht heißt, dass nicht der ein oder andere gemeingefährliche Tune zwischen den Rillen der Dreifach-LP steckt.
James Murphys fulminantes Jogging-Workout unter seinem LCD Soundsystem Alter Ego für Nike wurde nun endlich auch in physischer Form in die Läden gestellt. Allein schon wegen der ersten Viertelstunde gehört “45:33” auf jeden Einkauszettel. Nur die unverschämten Vinyl-Preise im Hause DFA in letzter Zeit stoßen sauer auf. Billiger zu haben ist Alter Egos “Why not” . Man hätte es nicht für möglich gehalten, aber gegen ein Gros der hier versammelten Brutalo-Techno-Bratz-Wobble-Granaten wirkt “Rocker” schon fast subtil. Kein Album, welches man am Stück konsumiert, aber zwei,drei Stücke zur rechten Zeit und auf einmal steht man mit erhobenen Fäusten und zuckenden Beinen auf dem Küchentisch. Das beste elektronische Live-Album seit ich weiß nicht wann haben Daft Punk gemacht. Und weil sie Daft Punk sind, gibt es eben keine DVD dazu.
Zwischen “Danke, Damon” und “Lass stecken, Albarn” alterniert die Sebastien Telliers geschmackvollen Soundtrack zum französischen Narkolepsie-Epos “Narco” kann man nun auch käuflich im Laden erwerben. Im Gegensatz zu “Niggy Tardust”. Da schenkt Saul Williams sein von Trent Reznor produziertes Album eh schon her und ich habe nicht mal den Anstand, mich damit auseinander zu setzen. Hängen geblieben ist auf der kurzen Anskip-Tour bisher nur das Public Enemy-Sample auf “Tr(n)igger”.
Völlig super: “Lust Lust Lust” von den Raveonettes. Kurzes Memo an die Myspacer: Lasst die DATs klingen wie dreimal mitgewaschen, klaut die Gitarren von Velvet Underground und den Pixies, holt euch einen Brian Wilson Melodie-Baukasten und schon bin ich an Bord. Richtig schönen Chanson-Schmalz fabrizieren Beirut, deren “Flying Club Cup” ich euch anlässlich der Vinyl-Veröffentlichung wärmstens ans Herz legen kann. Wer Platten auf Labels veröffentlicht, die Ba Da Bing heißen, kann außerdem keine schlechter Mensch sein. Ähnlich kuschelig die Dänen von Efterklang, die sich immer noch Mogwai und Sigur Ros Vergleiche anhören müssen und gerne in den großen Post-Rock Topf geschmissen werden. Ich packe das lieber in meine eigene “Violine-und-ätherisches-Geschwurbel-für-kalte-Tage”-Schublade. Da wären wir dann zwar wiederum bei Mogwai angekommen, aber wenigstens lauern dann keine völlig abwegigen Tortoise-Assoziationen.
Ben Lamdin scheint es seinen großen Idolen gleich tun zu wollen und haut ein Jazz Album nach dem anderen raus. “Weapons of Jazz Destruction” knüpft an das letzte Nostalgia 77 Album an, verschiebt die Emphase aber wieder mehr auf Improvisation als auf Songwriting. Für das monströse Soundtrack-Tribute “I’m not there” an den großen Bob hat die Zeit dann leider nicht gereicht, aber ein Großteil der beteiligten Künstler scheint nominell wenigstens dazu in der Lage sein Dylans Vorlagen nicht völlig zu verhunzen. Resteverwertung auch in Nevada: Die Killers veröffentlichen mit “Sawdust” das übliche Durcheinander aus B-Seiten, Unveröffentlichtem und Ausschussware. Und weil das als Kaufargument manchmal nicht ausreicht, hebt man sich die OhmyfuckingodisthisLouReed?-Kollabo auch für diesen Anlass auf.
Zu Alicia Keys’ “As I am” kann ich nichts sagen, außer, dass die Single mit all ihren grässlichen “Where is the love”-Anleihen sowas wie mein Guilty Pleasure für den Monat November war. Apropos: kann mir endlich jemand das neue Kylie Minogue Album zuschanzen? Ein weiteres Opfer meiner Nachlässigkeit im Oktober wurden die Chromatics, deren Weiterentwicklung weg von noisigem Geschraddel hin zu diesem hypnotischen Neo-Disco Sound sich bereits auf ihren Beiträgen zur empfehlenswerten “After Dark”-Compilation andeutete. “Night Drive” ist ein großes Disco-Pop Album geworden, weit entfernt von den gängigen Regeln der derzeitigen Club Couture. Eher was für die Kopfhörer als alte Lagerhallen, eher schmeichelnd als zupackend. Auch diesen Monat schließt Und sonst so: mit einem Nachtrag zu Hip Hop Hausen. Ich verspreche das jetzt nicht einreissen zu lassen, aber ich muss schon wieder feststellen, beinahe ein wichtiges Hip Hop Ereignis unterschlagen zu haben. Mick Boogie hat sich die Rechte an Busta Rhymes’ James Yancey-Tribute Mixtape “Dillagence” gesichert und stellte das “ausschließlich unveröffentlichte” J Dilla-Beats auffahrende Werk vergangenen Dienstag zum Download bereit. Wer da mit der VFB-CL-Rehabilitation beschäftigt war, kann sich das Teil auch noch nachträglich organisieren. “Ausschließlich unveröffentlicht” ist wie erwartet typisches Ami-Overstatement, finden sich doch auch hier wieder zahlreiche “Donuts”-Wildereien und schon eine Weile durch die Blogosphäre geisternde Tracks, aber einem geschenkten Gaul schaut man ja bekanntlich nicht ins Maul. Und dass ein zusammengeschustertes Mixtape alle Busta Alben der letzten 10 Jahre in den Schatten stellt, sollte einem auch zu denken geben. Dilla reigns supreme. Immer noch. |










