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Inventur (Oktober 2007)

»Der Monatsrückblick«

Hip Hop Hausen:

Für mich brach keine Welt zusammen, als 9th bei Little Brother gegangen wurde (dass er einen Beat auf dem Album landen konnte, soll dennoch erwähnt werden), wirklich riesige Erwartungen hatte ich aber auch ohne ihn nicht an “Get Back”. Und vielleicht ist genau das auch der Grund dafür, dass Album Nr.1 nach dem Atlantic-Desaster schon klar geht. Unausgeschlafen sollte man sich auch das mittlerweile dritte Little Brother Album nicht antun, zu schnell fallen die Augen bei dieser risikoarmen Schwelgerei zu. Und die Neo Soul Hook-Überdosis hol ich mir sonst auch lieber bei Herrn Lynn ab. Aber es gibt auch immer wieder Momente in denen Big Pooh und vor allem Phonte ihre Daseinsberichtigung unter Beweis stellen. Hätte “Good Clothes” weniger triviale Lyrics würde ich sogar fast von einem kleinen Hit sprechen und “Dreams” ist sogar richtig dufte, ohne wenn und aber. Unterm Strich sicher keine Offenbarung, aber tolerierbar.

Ähnliches gilt auch für 9th Wonders erstes offizielles Soloalbum, das – quelle suprise – fast gleichzeitig mit (gegen?) den alten Kollegen in die Läden kommt. Die Snare ist immer noch schwachbrüstiger als Keira Kneightley, aber wenn man Gäste wie Saigon oder Camp Lo geladen hat, fällt das nicht so ins Gewicht. Vielen Längen zum Trotz durchaus genießbar. Hatte Kollege Högerle tendenziell also schon Recht.

Da schlag ich zum ersten Mal seit fast einem Jahr mal wieder die Juice auf und was muss ich lesen? Einen bitter-bösen Verriss von Sympath Ohmega Watts’ “Watts Happening”. Dabei versucht doch genau der sich aus diesem Backpack-Korsett zu befreien,in dem er dem üblichen Rucksack-Müsli auch kräftig Afro Beat, Bossa Nova und einen arschvoll Funk beimischt. Ich mag so was.

Auch einer der Guten ist Tom C3 . Einer der sehr Guten sogar, zieht man nur seine Produktionsarbeit für Project Polaroid zur Evaluation heran. Für sein Folgeprojekt mit dem alten Organized Konfusion Recken Prince Po hat er wieder tief gegraben, etwas weniger Soundtrack-lastig zwar, aber auch hier mit mehr als hörenswerten Ergebnissen. Der Prince mit dem im Deutschen äußerst ungünstigen Namenszusatz, zeigt sich zudem auch in WESENTLICH besserer Form als auf seinem relativ in die Hose gegangenen letzten Album “Pretty Black”. Sollte man kaufen.

Def Jux schickt nach den großen Kalibern die Ergänzungsspieler ins Rennen. Rob Sonic macht seine Sache auf “Sabotage Gigante” sehr ordentlich, besonders dieser elektronische Bums in all seinen Produktionen sagt mir immer noch sehr zu, aber auf Albumlänge fehlt etwas das Charisma am Mikrofon um einen wirklich großen Wurf zu landen.

Das selbe in grün gilt auch für Hangar 18. Gute bis sehr gute Produktion, durschnittliches Abschneiden im Bereich ‘Vocals’. Suuuuper Cover allerdings.

Wer es gern traditioneller hat, konnte sich letzten Monat über ein, subjektiv gar nicht soooo schlechtes, Lebenszeichen von Jeru freuen. Oder den, von Spöttern gern mal als “Poor man’s MOP” denunzierten, Premo-Schützlingen NYGz auf ihrer Zeitreise in die Endneunziger begleiten. Nicht dass irgendeiner der neueren Tracks an das gute alte “Strength” heranreichen würde, aber wer immer noch in Premier-Bettwäsche schläft und sich im Geiste mit Eddie Sancho in den D&D Studios auf dem Sofa fläzt, darf hier bedenkenlos zugreifen.

Durchwachsener hingegen der neueste Beitrag in Albumform von Tek & Steele. Warum Smiff-n-Wessun es für nötig hielten größtenteils mit komplett unbekannten, aber wenig Neues beitragendenden Produzenten zusammenzuarbeiten, bleibt mir angesichts der durchaus illustren Namen auf dem kürzlich erschienenen Special Teamz Album ein Rätsel. Gut, dass es aber auch solche Momente gibt.

Das kalifornische Produzenten-Duo Blue Sky Black Death zieht nach Holocaust mit Hell Razah den nächsten Wu-Affiliate an Land. “Razah’s Ladder” ist ein sehr dunkles, detailverliebt inszeniertes Album geworden auf dem das Sunz of Man-Gründungsmitglied alles geben muss um gegen die massiven Beat-Wände anzukommen, was ihm mit wenigen Ausnahmen aber glücklicherweise gut gelingt. Video gibt’s auch. Anderes Thema, aber wie schafft es Babygrande in diesen Zeiten eigentlich jeden Monat gefühlte 10 Alben zu veröffentlichen?

Auch Prügelknabe und Internetspot-Zielscheibe Copywrite traut sich, nachdem er sich die letzten Jahre hauptsächlich vermöbeln ließ, mal wieder Musik zu veröffentlichen. Manch einer mag nun darüber klagen, dass die ganzen Tough Guy-Ansagen, die immer noch fester Bestandteil seiner Texte sind, vor diesem Hintergrund schwer zu ertragen seien. Ich folge der “Rap is entertainment”-Maxime und beömmel mich über die amüsanten Punchlines. Gute Beats hat er sich mitunter auch organisiert, unter anderem courtesy of Jake One und J Dilla, wobei man sich bei letzterem durchaus fragen muss, ob das mit Ma Dukes abgeklärt wurde; tauchten doch die auf Copys letztem Mixtape verwendeten Dilla Beats auch nie in dessen offizieller Diskographie auf.

Den Enthusiasmus für Aceyalones Dancehall-infiziertes Album “Lightning Strikes” kann ich leider nicht mit Kollege Illner teilen, was zum einen daran liegen könnte, dass ich von dem ganzen Riddim-Kram generell leicht Kopfschmerzen bekomme und zum anderen daran, dass Acey seine besten Zeiten auch schon länger hinter sich hat.

Rhymesayers MC Mac Lethal hat auch ein Album gemacht. Irgendwie hatte ich aber keine Lust mir das einzuverleiben. Eventuell liegt’s an dem dämlichen Cover auf dem er nichtssagend und segelbeohrt ins Nichts linst.

Ok, jetzt is’ dann aber auch gut, Herr Erdnussbutter! Nicht dass ich ihre 3 Labelcompilations in 12 Monaten nicht genossen hätte, aber wie wär’s denn, wenn sie sich langsam darauf konzentrieren würden, Herrn Dumile ins Studio zu prügeln oder endlich das Guilty Simpson Album rauszurücken? Gegen ein Koushik, James Pants oder Arabian Prince Album und 12 weitere Madlib Beattapes hätte ich auch nichts einzuwenden. Aber dieses ständige Anheizen mit diesen losen Compilations muss langsam ein Ende haben. Wer will denn noch 3 Jahre auf das Supreme Team warten, wenn einem nach “See” so das Wasser im Mund zusammen läuft. Menno.

Und obwohl Stones Throw immer noch den Indie-Darlingsstatus inne hat: Irgendwie komplett übersehen wurde die Baron Zen Remixplatte. Schade eigentlich, sind doch dort einige Sauereien drauf, die aus dem blödeligen Nostalgie-Original hörenswerte B-Boy-Electronümmerchen machen. Weit vorne dabei unser englischer Freund Danny Breaks, der mal wieder eine seiner “Flat Beat”-Gedächtnis-Basslines mitgebracht hat.

Von Peanutbutter Wolfs Schulband hin zu drei wahren Frickelvirtuosen. Zunächst hätten wir Prefuse 73s “Preparations” auf dem Scott Herrren wieder alles kleinhackt und filtert was ihm in die Finger kommt und es dann zu glitchenden Türmen zusammenpflastert. Allerdings meine ich dieses Mal stärkere Savath & Savalas-Anleihen rauszuhören. Ungewohnte Töne schlägt Prefuse dagegen auf der Bonus CD “Interregnums” an. Ambient trifft Orchester, Herr Herren ist unter die Komponisten gegangen. Wer darauf verzichten will, kriegt immerhin schonmal kostenlos ein Weihnachtsgeschenk für Vaddern mitgeliefert.

Bevor ich wieder beginne unkontrolliert auf die Großartigkeit der neuen Flying Lotus EP für Warp zu masturbieren, verweise ich schnell auf die bereits existierende Rezension.

Auch super: Daedelus’ neue EP mit dem schönen Titel “Fairweather Friends”. Kein Gebolze wie auf “A gent agent”, kein überbordendes Salsa-Chaos wie auf “Denies the day’s demise”, einfach fünf, für Daedelus’ Verhältnisse, fast schon eingängige und tanzbare Nummern (inkl. eines grandiosen Vokalbeitrags von Erika Rose).

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Und sonst so:

So, Gitarren raus jetzt. Erster Punkt auf der Tagesordnung: Radiohead. Super Album. Punkt. Das ganze andere Trara kann man hier noch mal chronologisch nachlesen.

Das wäre geklärt, kommen wir zu Dave Gahan und dessen zweitem Soloalbum “Hourglass”. Ein Songwriter vom Kaliber seiner Hassliebe Martin Gore wird er nimmer mehr werden, aber trotzdem gibt es hier für Depeche Mode Fans durchaus anständige Laptop- meets Stadion-Rock Nummern zu hören.

Dass Pete Doherty ursprünglich mal Musiker als Hauptberuf anführte, hatte ich völlig vergessen und dass er gar in der Lage wäre, ein ganzes Album einzusingen hatte ich auch unter Ja,Ja,deine Mudder abgehackt. Nun steht aber doch tatsächlich ein neues Babyshambles Album in den Läden. Angehört habe ich es mir erst nicht.

Was die Hives so treiben tangiert mich eher peripher, aber dieser “Tick Tick Boom”-Blödsinn hat sich ganz fies in meine Gehörgänge eingenistet. Nicht so vehement wie Roisin Murphy vor einigen Monaten mit dem Titeltrack ihres Albums “Overpowered”. Ich könnte es durchaus nachvollziehen wenn sich die Matthew Herbert-Fraktion hier über die klebrige Disco-ismen echauffiert, aber ich kann alles was nach Moroder klingt nicht verurteilen. Und der von Seiji produzierte Titeltrack ist vor allem wegen dieser unfassbaren Synthie-Line immer noch gern gesehener Gast in jeder Playlist.

Ähnliches gilt für unser skandinavisches Ex-Popsternchen Robyn, deren Album in ihrer Heimat zwar schon seit Ewigkeiten draußen ist, aber bei uns jetzt endlich auch auf Vinyl zu haben ist. Auch wenn mir ihre harten Gesichtszüge immer etwas Angst machen: Wer schmilzt nicht bei solchen Ansagen: “My new favorite thing to do is wasting my time on a bum like you”? Das Album, das Gwen Stefani und Fergie gerne gemacht hätten.

Klar geht auch die Kollaboration von Superpitcher und Michael Mayer unter dem einfallsreichen Titel Supermayer. Ist streckenweise ein richtiges #Schluck# Pop-Album geworden.

Positiv überrascht bin ich von Underworlds (“Born Slippy”, anyone?!) “Oblivion with Bells”. Nicht mehr so Malen nach Zahlen-mäßig wie beim letzten Album; viel mehr ein schlüssiger und gar nicht so angestaubter Electronica-Entwurf mit schönem “Dubnobasswithmyheadman”-Reminiszenz-Artwork.

Eine weitere Tanzmusik-Institution meldet sich mit einem neuen Album zurück: Felix da Housecat scheint bei vielen Kritikern derzeit kein gern gesehener Gast zu sein, mir macht diese übercheesige Discostomp-Mucke bei der richtigen Gelegenheit immer noch Spaß. Der Prince-Vergleich, den Felix auf seiner Myspace-Seite abfeuert, ist aber natürlich starker Tobak.

Und weiter geht’s mit dem munteren Style-Hopping. M83 sind mit ihrem patentierten Bombast-Ambientrock (Oxymoron?) zurück und wer “Before the dawn heals us” mochte, dürfte auch mit “Digital Shades” klarkommen. Mir geht das generell zu oft in die Eso/Räucherstäbchen Ecke, aber bitte.

Ähnlich sphärisch geht es auch bei Para Ones Soundtrack für “Naissance des pieuvres” zu. Wer also auf die gewohnte Elektro-Keule gehofft hat, wird hier sicher vorzeitig wegdösen.

Die kann man sich dafür dann bei Moonbootica abholen, die mit “Moonlight Welfare” aber leider den zahlreichen großartigen Langspielrillen Gleichgesinnter Franzosen und Briten nicht das Wasser reichen können. Natürlich knallt und knarzt es auch hier richtig und es wird sich mehr als ein zwischen Surkin und Kissy Sell Out einsetzbarer Track finden, aber als ganzes wirkt das Album doch eher wie eine relativ konzeptlose Ansammlung einzelner Tools. Bemerkenswerte stilistische Offenheit hin oder her: etwas mehr Kohärenz hätte nicht geschadet.

Umso erstaunlicher dann auch, dass das die Soulwax Remix-Collection in sich geschlossener wirkt als Moonlight Welfare. Und das bei einer Künstlerbreite, die von den Sugababes und Robbie Williams bis zu den Einstürzenden Neubauten und Justice reicht.

Wo wir gerade bei Remix-Abrissbirnen sind: SebastiAns (an dieser Stelle bereits vor Monaten gewürdigter) Anabolika Remix von “Killing in the name of” ist endlich auf Platte erschienen. Mit 7(!) verschiedenen Covern.

Weniger brachial zu geht es auf Luke Viberts Zusammenarbeit mit dem Großvater der elektronischen Musik und Moog-Pionier Jean Jacques Perrey. Eine nähere Analyse folgt in den nächsten Wochen, heute müssen drei Adjektive reichen: quirlig, clever, gut.

Ganz andere Baustelle: Die Rocker von Fiery Furnaces haben ein lärmiges neues Werk mit dem Titel “Widow City” gemacht. Nicht so meins, aber vor kurzem wollte mir ein Nietengürtel weißmachen, dass die unfassbar toll seien.

Zum Schluss noch ein kurzer Funk & Soul Abstecher. Roman hat zu Sharon Jones’ “100 Days, 100 Nights” alles gesagt, was es zu sagen gibt. So gut.

Im Gegensatz zu den Dap-Kings, die momentan in aller Munde sind, ging Prince Pauls Baby Elephant-Projekt mit Newkirk und Bernie Worrell, seines Zeichens P-Funk Legende und Keyboard-Genie, leider etwas unter. Eigentlich unverständlich, hatte es doch auch diesen besonderen Crossover-Charme, der schon Gnarls Barkley durch die Decke katapultierte.

Mist, jetzt merke ich gerade, dass ich völlig vergessen habe die Big Dada Geburtstagsfeier “Well Deep” im ersten Teil zu erwähnen. Nicht sooo schlimm, passt doch deren stilistische Offenheit auch unter den Und sonst so-Nenner. Ach warte, gibt’s ja eh schon eine ausführliche Review für.

Das wär’s jewesen, Kinders. Nächsten Monat dann Neues von Hovi Baby, Killa Cam und dem Rest der Bande. Bevor ich meine eskapistischen Neigungen in Form des neuen Burial Albums befriedige, gehe ich noch raus und übe erstmal das hier:

Florian Aigner