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Betty Davis

»Betty was a G for real. (Ice Cube)«

Ein ehemaliges Model, das mit Anfang zwanzig bereits einen Hit für die „Chambers Brothers” verfaßt hat, ein Jahr mit Miles Davis verheiratet war und in dieser kurzen Zeit Garderobe und Musik von Mr. Jazz komplett umkrempelte – allein dieser Teil aus dem Leben von Betty Davis, geborene Mabry, taugte im Showbusiness wohl zur Legendenbildung. Dabei hatte die musikalische Laufbahn der außergewöhnlichen Sängerin und Songschreiberin zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen. Denn berühmt-berüchtigt ist Betty Davis für ein Trio von Schallplatten, das sie zwischen 1973 und 75 aufgenommen hat. Alle drei Alben sind heute gesuchte Sammlerstücke, umso besser also, daß die ersten beiden jetzt wiederveröffentlicht und um Bonusmaterial ergänzt vorliegen. Parallel dazu widemt „Wax Poetics” der Funk-Queen im aktuellen Heft eine – wie gewohnt – lesenswerte Coverstory.
In bislang einzigartiger Weise vermischte Betty Davis Funk und Soul, Blues und Rock miteinander und artikulierte in recht eindeutigen Texten ein neues weibliches Selbstbewußtsein. Für ihr Debutalbum konnte sie dabei auf hochkarätige Instrumentalisten aus der Musikszene San Franciscos zurückgreifen. Mitglieder der Woodstock-Veteranen „Sly and The Family Stone” und der Latin-Rock-Formation „Santana” bereiteten ihr ein Fundament aus pulsierenden Funkrhythmen, von den Edelhörnern „Tower of Power” kamen die knackigen Bläsersätze, die noch unbekannten „Pointer Sisters” übernahmen den Background-Gesang. Über diese treibenden Grooves sang Betty Davis in aggressiv-lasziver Art, wobei die Palette ihrer stimmlichen Qualitäten mit dem Wort „Singen” nur unzureichend beschrieben ist. Vielmehr kreischte und schnurrte, gurrte und brüllte sie Balladen sexueller Hörigkeit und blies so zum Angriff auf traditionelle Geschlechternormen. In Liedern wie „If I’m in luck I might get picked up” oder dem inzwischen Klassikerstatus genießenden „Anti Love Song” sprach sie offen aus, was sie von einem Mann forderte. Doch nicht nur textlich, auch musikalisch kehrte Betty Davis herkömmliche Rollenverhältnisse um. Entgegen dem üblichen Schema wies sie in ihren Stücken oft der männlichen und nicht der weiblichen Backgroundstimme den passiven Part zu.
Amerika wollte sich an der offensiven Betty Davis allerdings nicht die Finger verbrennen, denn großen kommerziellen Erfolg hatte sie mit ihrer Musik nicht. Die meisten ihrer Konzerte wurden entweder bereits im Vorfeld abgesagt oder von religiösen Gruppen gestört. Anstatt wie viele ihrer Kolleginnen schließlich eine Karriere als Disco-Diva einzuschlagen, zog sich Betty Davis vollständig aus dem Musikgeschäft zurück, was wiederum ihrem legendären Ruf heute nur förderlich war. Auch wenn ihre Platten sich also nicht verkauften, der Einfluß von Betty Davis auf die Riege ihrer Nachfolgerinnen, von Foxy Brown über Lil’ Kim zu Missy Elliot und Kelis, ist jedenfalls immer noch spürbar. Ihr ehemaliger Ehemann Miles Davis kommt in seiner Autobiographie deshalb auch folgerichtig zu dem Schluß: „Wenn Betty heute singen würde, würde sie etwa so sein wie Madonna. Sie war einfach ihrer Zeit voraus. Das war sie zweifelsohne.

Sven Beckstette

Betty Davis im HHV-Shop