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James Brown(R.I.P.)

»A tribute to the Godfather of Soul«

Ich hatte gerade zum ungefähr 38. Mal in Folge „Straight out the Jungle“ gehört und während ich mit enormer Verve meine Lippen formte um, wie immer, bei „I’m a Jungle Brother, straight out the jungle “ lauthals einzustimmen, hatte ich eine Erleuchtung: Verdammt, das kenn ich doch.
Irgendwas war anders, aber zumindest Teile des Beats hatte ich schon vorher irgendwo gehört. Da sich meine Tape-Kollektion damals noch an zwei Händen abzählen ließ und ich diese allesamt gut memorisiert hatte, wurde mir klar, dass ich es hier nicht mit einem klaren Fall von – heute würde man es „Beatjacking“ nennen – zu tun hatte.

Solch ein Erlebnis könnte wahrscheinlich jeder Hip Hop Hörer, Jahrgang 1970-1985, zu Protokoll geben und bis ich das gesuchte „Give it up or turn it loose“ erneut hörte, verging eine gefühlte Ewigkeit, aber als es soweit war, glaubte ich verstanden zu haben, wie dieses Rapding funktioniert. Es war gleichzeitig desillusionierend und enorm faszinierend und eins hat sich seit dem kein bisschen verändert: Die innere Verbeugung meinerseits vor den Architekten, die diese unfassbaren Quellen, wenn auch häufig ungefragt, zur Verfügung stellten.

Der unumstrittene Stararchitekt wächst in armen Verhältnissen auf und tut schon früh Dinge für die es heute Street Cred geben würde: kleinere Gaunereien und Gewaltdelikte, sowie ein bewaffneter Überfall, der ihm schließlich gar einen Aufenthalt im Jugendknast einbringt. Ob seine, auch in hohem Alter noch vorhandene, Gewaltbereitschaft und grundsätzliche Unberechenbarkeit Resultat der frühen Entbehrungen ist, soll Freud beantworten. Sicher ist jedoch, dass James Brown in dieser Zeit beschließt sein Leben der Musik zu widmen und nach kleinen Achtungserfolgen und diversen Namensänderungen seiner Band gelingt 1963 mit dem epochalen „Live at the Apollo“ der endgültige Durchbruch.

Sein Stil entwickelt sich stets weiter, seine Konzerte sind bereits in den frühen 60ern legendär und sein ekstatischer Tanzstil schickt sich an von Michael Jackson bis Justin Timberlake Generationen von Musikern zu beeinflussen. Die härtere Gangart auf den folgenden Alben, weg von Rhythm & Blues und Gospel hin zu schnelleren und improvisierten Songs, wird bald synonym für ein neues Musikgenre – exakt, von Funk ist hier die Rede. Am eindrucksvollsten wird dieser im Zusammenspiel mit den JBs umgesetzt, wobei es aber auf Grund der harten Umgangsformen und Browns diktatorischem Führungsstil häufig zu Verstimmungen kommt, die sogar in einem temporären Split kulminieren.

Einzelne Hits aus der unglaublichen Diskographie herauszupicken, ist fast unmöglich, dennoch möchte ich schnell darauf hinweisen, dass ich gerne 2 Cent an den paypale der mir einen Mitbürger unter 60 findet, der weder mit „I got you (I feel good)“ noch „Sex Machine“ vertraut ist. Ein weiteres herausragendes Stück ist „Say it loud (I’m black and I’m proud)“, das eine Hymne der Bürgerrechtsbewegung in Amerika wird, wobei angemerkt werden muss, dass, gerade in militanteren, marxistischen Kreisen, Brown durchaus kritisch gesehen wird, da er sich ideologisch eher mit dem schwarzen Kapitalismus a la Garvey verbunden sieht, als mit der kommunistischen Doktrin der Black Panthers und der Neuen Linken.

James Brown bleibt eine der wichtigsten und einflussreichsten Figuren der Musik, bis er Studio 54-Glitzer und der Discomania Platz machen muss. Es gelingt ihm nicht an alte Erfolge anzuknüpfen, bis er mit „Livin in America“ Mitte der 80er einen weiteren Welthit verbuchen kann.

Auch wenn er mit seiner neuen Musik nicht mehr unbedingt das große Ding in den 80er ist, so potenziert sich in dieser Zeit sein Einfluss auf andere Genres nochmals. Nachdem er bereits als Godfather of Soul & Funk in Erscheinung getreten war, wird er später, ohne es zu intendieren, auch zu einem der Gründungsvater von Hip Hop ernannt werden. Nicht nur, dass er mit seinen zwischen 1960 und 1976 aufgenommenen Alben die Basis für jeden zweiten Hip Hop Beat von 1986-1992 liefert, auch seine zackigen Anweisungen und der charakteristische improvisierte Sprechgesang gelten als entscheidende Einflüsse für das, was sich in den 70er in der Bronx und New York City entwickeln sollte. Und um die Bedeutung von „Funky Drummer“ hier auszurollen fehlt schlicht der Platz.

KRS 1 hat all dies vor wenigen Tagen auf den Punkt gebracht: „There is nobody who is more influential to HipHop than James Brown. Kool Herc said that James Brown was the A-1 b-boy, the first MC, the first DJ – ‘cause he had two drummers. The drummer was what the turntable was today. When one finished playing, the other’d start, and sometimes they’d play together! Tell me this man is not the Christ! Tell me this man is not is Hip-Hop, straight up! James Brown is our artistic father. We all sample from him.�?

Am 25.12. 2006 erlag der große James überraschend einer Lungenentzündung. Ich möchte mich hier nicht in esoterischen Zahlenspielen ergehen, die Symbolkraft dieses Datums spricht, auch für die Atheisten unter uns, für sich. Und ist es nicht bezeichnend, wenn in nur einem Jahr zuerst einer der größten Samplingvirtuosen unserer Zeit stirbt und sich 10 Monate später der Kreis schließt, mit dem Tod der wichtigsten Samplequelle für programmierte Musik? Kann das Zufall sein? Übersteht die Musik zwei solche eklatante Verluste innerhalb so kurzer Zeit?
Dass just in dem Moment, in dem ich diese Fragen in die Tastatur hacke, Slum Villages „I don’t know“ ertönt, werte ich mal als programmatisch.

F.Aigner