![]() |
Long time, no see. Im November und Dezember den Top 100 Tracks geopfert, gibt’s nun nach einer kleinen Auszeit wieder den obligatorischen Rückblick auf die wichtigsten Langspielrillenereignisse der letzten Zeit. Und weil so viel besprochen werden muss, breche ich die unkreativste Einleitung aller Zeiten an dieser Stelle auch direkt ab.
Nun gut, ob man über “My Beautiful Dark Twisted Fantasy” noch reden muss, sei dahingestellt, gab es doch in den letzten Jahren kaum ein Album zu dem so viel geschrieben wurde. Die glatte Pitchfork-Zehn, die Kanye’sche Heiligsprechung von Feuilleton bis Schülerzeitung – you know the deal. Aber: Was Kanye West hier fabriziert hat, ist, all die Hyperbeln hin oder her, wirklich wirklich wirklich herausragend. Blueprint-Soul mit Ricky Raaaaws, Gil Scott-Heron und europäisierter Slutcore, Streicher, Gitarren, Klaviergeklimper und die absurdesten Testosteron-Possecuts seit “1,2 Pass It”. Dass dieses Epos gen Ende ganz leicht abflacht, verhindert weiteres Rumgejizze, aber wer unter dem Strich hier andere Adjektive als “groß”, “erhaben” und “wichtig” benutzt, sollte sich therapieren lassen. Das Gegenstück zum Ye’schen Pomp lieferte kurz vor Weihnachten dann Ghostface, der auf “Apollo Kids” gewohnt atemlose Soul-getränkte Instrumentals tranchiert. Ein rohes, hingerotztes Album, dem man zwar anmerkt, dass Ghostdini hier Arbeit nach Vorschrift macht, aber ein Coles auf Autopilot beschämt immer noch 95% der Konkurrenz. Elf. So weit sind wir mittlerweile bei Madlibs “Medicine Show” und vermutlich gibt es auf dem ganzen Planeten vielleicht eine handvoll Menschen, die alle bisherigen Teile mehr als dreimal gehört haben. Diese Episode ist dann aber wieder ihr Geld wert, so unorthodox sie auch zusammengestellt ist. Die typischen Oxnard-Features, absurde Interludes, Libs Trademark-Staubigkeit und mehr Ideen als andere Leute in ihrer ganzen Karriere haben. Können wir jetzt aber bitte bitte bitte endlich Madvillain 2 oder noch ein Quasimoto Album haben? Kthxbye.
Über Gangrene muss auch noch geredet werden. Ja, Jaylib war besser. Ja, Alchemist rappt in seinen schlechten Momenten immer noch auf Thomas D anno 1992 – Niveau. Ja, “Gutter Water” ist trotzdem ein Riesenspaß, unter anderem auch deswegen weil diese bedrohliche Artifizialität vieler Post-2005-Alchemist-Instrumentals bizarrerweise extrem gut mit Oh Nos verkifftem Basement-Stil harmoniert. Noch ein Fall von “Production > Raps”: The Left (aka Apollo Brown, Journalist 103, Dj Soko), von denen ich ehrlich gesagt zuvor noch nie bewusst etwas gehört hatte, servieren einen humorfreien Golden-Age-Aufguss, der dem “Wu-Tang Forever”-RZA mehr schuldet als Dilla. Das klingt jetzt viel zu geringschätzig, denn was hier an Soul-Samples über fiese Pianos und druckvolle Snares geschickt wird, geht nämlich wirklich in Mark und Bein. Die Raps sind auf “Gas Mask” eher Beiwerk, nerven aber auch nicht. Erinnert nur mich das alles sehr an diese Bronze Nazareth Alben Mitte der 00er? Noch einige Jahre weiter zurück ging Ende letzten Jahres dann Demigod Celph Titled, der es irgendwie geschafft hat, Zugang zu Buckwilds Archiv gewährt zu bekommen und dort 16 Beats vorgefunden hat, die alle irgendwann zwischen ’92 und ’96 entstanden sein dürften, was durch den programmatischen Titel “Nineteen Ninety Now” unterstrichen wird. Muss man an dieser Stelle noch mehr schreiben? Eben, vintage as vintage gets. Da stört auch Celphs Hang zu allzu kalauerigen Punchlines nicht.
Wie ich es geschafft habe, die Wolf Gang bis Ende des letzten Jahres komplett zu verschlafen, bleibt mir ein Rätsel. Hier sei stellvertretend mit Nachdruck auf Earl Sweatshirt hingewiesen, diesem minderjährigen Skateweirdofuckup, der mit dem hyperreduzierten, furios berappten und all around totally awesomen “Earl” so viel Spaß gemacht hat, wie sonst keiner. Dass wir den Titeltrack für die Top 100 nicht auf dem Schirm hatten, wird uns noch Jahre verfolgen. Bitte auch physisch veröffentlichen! Und das, wo ich mich gerade festgelegt hatte, dass Curren$y den Rookie Of The Year Award einstreichen sollte. Wobei, der war ja auch schon Weezy Weedcarrier, vielleicht also doch eher MIP? Egal, “Pilot Talk 2” macht da weiter, wo Teil 1 aufgehört hatte. Sympathischer Quarzhumor auf zurückgelehnten Halbgas-Instrumentals – what’s not to like? Solange sich der Nachwuchs so reinkniet, kann man auch verschmerzen, dass der geschätzte Redman mit “Reggie” sein bisher uninspiriertestes Album abgibt. Zu viel Plastik, Reggie! “My Career on a Rope?” – ich fürchte ja.
Album des Jahres, Klappe zu, Affe tot. Glaubt man der hyperventilierenden Kredibilo-Presse können wir uns die kommenden elf Monate sparen, James Blake ist Release-Dschungelkönig. So ein bißchen eklig kann man die opportunistische Vereinnahmung der Radiohead-Stalinisten schon finden, die nur darauf gewartet haben, dass Blake seine fragilen Post-Everything-Experimente gegen bassgeschwängerte Pop-Song-Frakturen eintauscht. Das wäre aber auch extrem dumm, denn: das selbstbetitelte Album ist in der Tat der zwingendste Versuch avantgardistische elektronische Spielarten mit einem indietronischen Songwriter-Habitus zu vermählen seit, ja, “Kid A”. Wer die Entwicklung von Darkstar und Mount Kimbie begrüßte, wird hier völlig durchdrehen. How To Dress Well als James Blakes kleinen Bruder zu bezeichnen, wäre gar kein so arg konstruierter Aufhänger für “Love Remains”, diesem nuscheligen Falsett-Kleinod, das so liebevoll mit R&B-Klischees spielt und genau deswegen so gut funktioniert, weil es diese nicht versucht zu ironisieren. Und wehe hier brüllt jetzt wieder jemand was von “Chillwave” oder “Codein Pop”… Äh, ja R&B. Dass dieser vor allem durch Burial bei den Brit-Basslern wieder schwer en vogue ist, darf man als bekannt voraussetzen. Wie gut ein leidender Chanteusen-Fetzen über verhuschte, ungesequencte Stolperdrums und London’schen Nieselregen klingt, verdeutlicht uns aktuell auch Sven Weisemann, der als Desolate seine melancholischen Dub Techno Stücke gegen noch melancholischere Garage-Meditationen eintauscht und mit “The Invisible Insurrection” eines der Alben produziert, das Burial nie gemacht hat (danke an RA für diesen Satz). Epigonentum, klar, aber so so schööööön.
Wer es noch eine Spur kryptischer braucht: Shackletons “Fabric 55” ist weniger Mix als Statement. Nicht, dass dieser fiese Basssumpf, die unberechenbaren Tribal-Drums und albtraumhaften Chöre bisher keinen Sinn gemacht hätten, aber so wie er hier die Fäden seines – ich sag’s einfach nochmal – Kafka’esken Univerums zusammenspinnt, kann man sich nur vor einem der größeren Visionäre des Hier und Jetzt verneigen. Ob Chicagos Footworker ihre Musik mit visionärem Gestus erfunden haben, darf man bezweifeln, viel zu funktional ist dieses ganze Juke-Ding in seiner Zielsetzung. So soll an dieser Stelle einmal nicht an der weiteren Akademisierung von 160 BPM Snare-Gestotter teilgenommen, sondern stattdessen konstatiert werden, dass die erste offizielle Juke Compilation ihrem Titel voll und ganz gerecht wird: “Bangs & Works”. Sogar “The Lion Sleeps Tonight” klingt hier nach Blut und Schweiß, verdammtnochma. Weiter mit noch so einem 2010er-Phänomen. Night Slugs, das futuristische Bass-Label der Herren L-Vis 1990 und Bok Bok, hat mit seinen unvorhersehbaren Insel-Hybriden eine Menge Jizz in den Hipster-Pants hinterlassen. Das gelang vor allem auch deswegen, weil man sich hier bei der Referenzsortierung nicht zu schade für explizite Rave-Signale war und dennoch so sophisticated, dass man keine Angst haben musste als Ed Banger-Aussteiger gebrandmarkt zu werden. Den eigentlichen Überhit “Wut” habe ich nie begriffen (Hallo, ihr Spackos, “Irl” war der eigentlich große Wurf von Girl Unit), was aber Mosca, Egyptrixx und vor allem Jacques Greene zwischen House und UK Funky anstellten, war schon bemerkenswert. Ach so, gibt’s jetzt alles auch zusammengefasst auf einem Silberling. “Night Slugs Allstars Vol. 1” heißt der.
Überhaupt England. Was dort die letzten Monate in Sachen Housifizierung und Rehabilitierung von Madchester geleistet wurde, war schon sensationell. An erster Stelle muss dort natürlich der absolut fabulöse Actress genannt werden, aber auch dessen Spezi Lone hat mit einigen 12“s und dem ebenso brillanten Album “Emerald Fantasy Tracks” viel zu diesem unpeinlichen Revival beigetragen. Nicht so idiosynkratisch wie Actress, zerlegt Lone hier Trillerpfeifen-Hysterie in reduzierten Chicago-Jack und Detroit’sche Großflächigkeit. Nochmal: brillant! Auch heftig mit der Windy City und dem Ford-Schrottplatz flirtet sein Landsmann Wbeeza, wobei es hier interessant ist zu beobachten, dass sich “Void” Andres’ Ansatz zu Nutzen macht. Sprich: es wird zwar gehaust, aber 2-minütige Drumintros dürfen bitte schön mit Zwölfzoll Vorlieb nehmen. Stattdessen gibt es knackige Track-Skizzen, mit jeder Menge B-Boy-Attitüde. Tut dem Albumformat gut, so etwas. Die mixfreundlichen Intros spart sich Steffi nicht, dennoch funktioniert ihr Albumdebüt für Ostgut Ton auch ordentlich in Bus und Bahn. Das mag an meinem extremen 303/808/909-Fetisch liegen, vielleicht aber auch daran, dass die Reihenfolge der Tracks gut durchdacht wurde. Schade aber, dass die beiden Vocal-Stücke irgendwie nicht zünden wollen. Zu cheesy, zu wenig soulful. Ohnehin ist “Yours & Mine” am besten wenn Steffi die Zügel loslässt, brettert like it was ’87 und die Kanten eben nicht schleift. Dann hat das (“Arms”, “Mine”) wirklich viel von Mr Fingers und dem Warehouse, statt Pannebar und besoffenen Spaniern.
Weiter mit “Feed Forward”, das sich dank lächerlich limitierter Auflage innerhalb von einigen Tagen zum heiligen Techno-Gral entwickelt hat und die Sandwell District – Fetischisierung nicht nur extrem beschleunigt, sondern fast schon zur Farce macht. Aber reden wir über die Musik. Die bietet Schraubstock-Techno britischer Prägung, verstörende Ambient-Soundscapes und ab und an auch eine Spur melodiösen House-Eskapismus, stets vorgetragen mit diesem typisch-fatalistischen Sandwell-Gestus. Schon gut, aber wer das Preisroulette nicht mitmachen will, kauft halt die 12“s und wird genauso glücklich. Die Entmaschinisierung von Techno ist ja nun als Nische auch schon eine Weile vorhanden, dass wir nach den kantigen Elektro Guzzi und den Strebern von Aufgang mit Brandt Brauer Frick gleich noch ein drittes Album mit dem Prinzip “Klassische Instrumentierung gone Techno” bekommen, war vor zwei, drei Jahren auch nicht unbedingt abzusehen. “You Make Me Feel” ist nicht so rau wie die Guzzianer, nicht so pedantisch wie die Aufgang’schen Elegien, eher leichtfüßig und elegant. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass auch hier immer noch nicht alle Möglichkeiten dieser Symbiose ausgelotet wurden. Auch Nicolas Jaar kokettiert auf “Space Is Only Noise” mit echten Instrumenten, Kick- und Bassdrum spielen hier höchstens noch eine ergänzende Rolle. Überhaupt wird hier alles abgebremst, gebrochen und in Songstrukturen überführt. Jaar versucht für House hier in etwa das zu tun, was Mount Kimbie für Dubstep getan haben, ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, ob er darin auch so erfolgreich war.
Während Jaar im Herzen ein sich gerne selbst überhöhendes Rapkid mit Jazz-Allüren ist, ist Martin Gretschmann das Indiekind unter den deutschen Elektronikern. Das neue Console Album verdeutlicht dies wieder eindrucksvoll. Viel Stimme, viel Melodie, aber dennoch auch viel Fragilität. In den besten Momenten (“She Saw”, “Keeping Time”) ist “Herself” so etwas wie der Schulterschluss zwischen Four Tet und Pantha Du Prince, in anderen nur Zoot Woman-Ausschuss (“A Homeless Ghost”, “Upon”). So, “Tron Legacy”. Geht ja nicht anders, wir sprechen hier immerhin von Daft Punk. Weil das aber in erster Linie immer noch ein Soundtrack ist, wäre es auch verkehrt, so zu tun, als hätten wir es mit Album Nummer 4 zu tun. Ich entziehe mich meiner Verantwortung und fordere zur Selbstevaluation auf. Wir sprechen hier immerhin immer noch von Daft Punk. Vergleichbare Erwartungen haben Hercules & Love Affair mit ihrem Überdebüt geschürt. “Blue Songs” geht aber nicht auf Nummer Sicher, löst sich mit Ausnahme des Openers stark vom opulenten Disco-Sound des Debüts und ersetzt Antony Hegarty und Tim Goldsworthy unter anderem durch Shaun Wright und Patrick Pulsinger. Dass Andrew Butler neben schmachtenden Disco-Epen auch eine Vorliebe für die frühen House-Jahre hat, war schon auf dem Vorgänger zu erahnen, wird hier aber – unter anderem durch das Inner City’ige “My House” – konsequent ins Zentrum gerückt. Dass Butler noch lange kein Arthur Russell ist, zeigen dann aber auch einige der verqueren Stücke in der Mitte des Albums, die einfach nicht zwingend genug sind und “Blue Songs” ‘nur’ zu einem wirklich guten Album machen.
Apropos ‘verquer’: Stones Throw war ja selbst in seiner Hip Hop-zentrierten Orientierung der ersten Jahre selten vorhersehbar, dass sie nun aber mit “Anika” ein von Portisheads Geoff Barrow inszeniertes, sperriges Wave-Album lizensiert haben, wäre vor James Pants vermutlich auch nicht passiert. Eine schöne Vorstellung eigentlich, dass wegen dieser Anika nun vermutlich Menschen den Minimal Wave Backkatalog anbrowsen werden, die um DIY-Punk-Allüren bisher einen weiten Bogen gemacht haben. Music education 101, Erdnussbutterwolf! Auch einen arschvoll Crossover-Potential hat das nächste JJ Album. Nach Lykke Li und den eigenen Lil Wayne- und The Game-Coverversionen hat man sich bei den verschallerten Schwerden wohl gedacht, dass die Sofapopisierung beliebter Hip Hop Tracks nicht die schlechteste Idee war. Dieser starke Fokus auf Coverversionen macht “JJ Kills” zwar etwas gimmickhaft, macht aber Menschen, die mit dem Quellenmaterial vertraut sind, schon sehr, sehr viel Freude. Schließen wir diese Episode mit einer dieser Du Jour-Gestalten. Ducktails macht verwaschenen Pop, irgendwo zwischen Animal Collective, Post-Rock und den fiesesten Musikgenreerfindungen der letzten Jahre. “Arcade Dynamics” ist sein drittes Album und nicht mehr ganz so betont weird wie die Vorgänger. Hätten wir in dieser Sparte nicht gerade so ein Überangebot, wäre das sicher eine größere Meldung wert. So sieht sich Ducktails nun mit der undankbaren Konstellation konfrontiert von Epigonen überflügelt worden zu sein. ******************************************************************** Playlist: 1) HHV’s Top 100 of 2010 ******************************************************************** ******************************************************************** |










