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Schon wieder wollen die 100 vollgemacht werden. Dieses Jahr in der Jury: die Kollegen Paul Okraj (PO) , Julian Brimmers (JB) , Davy Dave (DD), Regine Pfaff (RP), Julian Gupta (JG) und Florian Aigner (FA). Im Folgenden werdet ihr die Ergebnisse der Jury nachvollziehen können. Oder auch nicht. Wir mochten alles und nichts, manches mehr und anderes noch mehr, in einem Jahr, das weder herausragend gut noch schlecht war. Am heutigen Mittwoch debütieren die Plätze 100-76, am Freitag folgen 75-51, am Montag dann 50-26 und am Dienstag ist die Sause abgeschlossen. Habt Spaß, mosert, vor allem aber: lest und hört…
100) Chuck Norris – All That She Wants Booogie-Edits für Guns’N‘Roses, Modern Talking oder Wham? Todd Terje war in den vergangenen Jahren stets der Mann für die besonderen Fälle. Aber was er hier unter seinem Chuck Norris-Moniker mit Ace Of Base’s “All That She Wants” veranstaltet hat, das ist an Chuzpe nicht mehr zu überbieten und sorgt garantiert auf jeder Tanzfläche für potenzierte Hitzewallungen. Vorausgesetzt man ist gewillt, sich der Koketterie einen Moment hinzugeben, dem banalen Pfeifen zu lauschen und eine gute Zeit zu haben. Try it. (PO) 99) Glenn Underground – Ninja Das Aufgreifen japanischer Kultur geht nicht auf den legendären New Yorker Clan mit dem großen W im Namen zurück, sondern spielte gerade auch bei House- und Technokünstlern aus Detroit und Chicago seit jeher eine, wenn auch nicht so übergeordnete, Rolle. Aktuelles Beispiel anno 2010 ist die Chicago-Legende Glenn Underground, der auf Ninja um den japanischen Groove gekonnt mit seiner Virtuosität an den Tasten bezaubert und nonchalant im Vorbeigehen definiert, was man in der Windy City unter Deep House versteht. (PO) 98) Jono Mcleery – Tomorrow Nach 20 Jahren an der Speerspitze der Trendmaschinerie, kann man sich auch mal einen blondgelockten Gitarrenschluffi leisten. Von der Ninja Tunes typischen Hipness ist auf Jono Mccleery trotzdem kaum etwas abgefärbt, wie “Tomorrow” glücklicherweise zu beweisen versteht. So schön und unpeinlich wie introvertierte Gitarrensongs mit jazzigem Einschlag in 2010 sein können. Und der Elektronikfrickler auf der Buehne sitzt da auch nur, weil er eigentlich noch Geige spielt. (JB)
97) MCP – Windfall Ob man eine 400er-Auflage in diesen Zeiten noch als “Private Synthfunk” durchgehen lassen will, sei mal dahingestellt. Dass dieser (?) MCP mit seinem entspannt im Midtempo rollenden, herrlich trocken und ohne jegliche Augenwischerei auskommenden Boogienümmerchen die meisten seiner derzeit höher gehandelten Kollegen (keine Namen an dieser Stelle) locker in die Tasche steckt, ist schon erstaunlich, “private” hin oder her. (FA) 96) Maddslinky – Further Away (feat. Tawiah) Maddslinky aka Zed Bias aka Hassenichgesehen hat mit “Neighborhood” schon 1999 einen klassischen Tune hingelegt, der ihn a) bis heute verfolgt b) aufzeigte, das Soul eine guter Ausweg aus dem Höher-Schneller-Weiter des Hardcore Continuums sein kann. Mit ein bisschen Glueck uebernimmt diese Beweisfuehrung ab jetzt “Further Away” feat. Tawiah. Gilles Peterson wuerde das unterstützen, wurde der Song bei dessen Worldwide Awards doch gleich zum drittbesten Track des Jahres gekürt – Monate, bevor er überhaupt veröffentlicht wurde. (JB) 95) TNT Subhead – Deep Shit Show New York, New Jersey, Chicago, Detroit: TNT Subheads “Deep Shit Show” geht all in und gewinnt. Extrem crisper Percussion und Jazz-Grooves jenseits des Fahrstuhls sei Dank. (FA)
94) Jneiro Jarel – Castaju Cajunea Wirklich schade, dass Jneiro Jarels großartiges Brazil-Album „Fauna“ im Kanon der Flut an Beatmaker-Alben in diesem Jahr etwas untergegangen zu sein scheint. Schon “Castaju Cajunea” allein, dieses tribalistische Monster, das die beschwingte Melodie zu Beginn mit der Zeit durch die dunklen Synths und Urwaldgeschreie immer tiefer in die klaustrophobische Enge zehrt, rückt das Album in ein besonderes Licht. (PO) 93) Sect – Man Of Wisdom Während das Wolf & Lamb Camp dieses Jahr gefühlte 200 populistische Reworks auftischte, schien ausgerechnet der mit dem vielleicht einprägsamsten Sample etwas unterzugehen. Sect bedient sich bei Mulatus unsterblicher Melodie und ist dann auch noch so dreist den Climax nicht nur ewig hinauszuzögern, sondern nach gefühlten 8 Takten schon wieder wegzufaden. Unverschämt. Unverschämt gut. (FA) 92) Sauce Money – Snipershot Als Homie von Jay-Z und Puffy ist Sauce Money – trotz Grammy (als Ghostwriter für “I’ll be Missing You”) in der Tasche – der Durchbruch als Rapper nie richtig geglückt. Mag einem auch recht sein, falls das Schwergewicht als Brooklyn weiterhin alle paar Jahre mit einem Urknall und Fanfaren wie “Snipershot” um die Ecke kommt, ein paar Sechzehner aus der Hüfte schiesst, auf die Hook verzichtet und überhaupt alles in Grund und Boden rappt. Sein Style ist Cheddar, euer Style ist whatever. Nur ein physisches Release ist uns bisher verwehrt geblieben. Vielleicht 2011 dann bitte? (PO)
91) People Under The Stairs – Down In LA (DJ Day Remix) PUTS sind seit Jahren einfach PUTS und hatten´s irgendwie nicht so richtig nötig mal andere Köche an den Brei zu lassen. Warum auch? Perfekte BBQ-Cali-Feel-Good-Vibes und Sympathie pur seit 10 Jahren, was will man da mehr? Richtig: noch mehr BBQ-Cali-Feel-Good-Vibes courtesy of DJ Day. Sehr, sehr schön! (DD) 90) Appointment – 2 A1 Live eingeprügelter Puristen-House, der sich demonstrativ noch weniger um adäquates EQing, geschweige denn Mastering schert, hatten wir dieses Jahr zuhauf. So roh, kompromisslos und schnodderig wie die Jungs aus dem Livejam/Restoration-Umfeld tat das außerhalb von Detroit dann aber keiner. Appointment legt auf der A-Seite seiner zweiten Solo-VÖ ein äußerst infektiöses Vocal-Sample unter die Schepper-Drum-Invasion und alles wird gut. (FA) 89) Nosaj Thing – Night Crawler LA-Compilations soweit das Auge reicht in 2010. Iamsound steuert The LA Collection auf 4 schicken 7“s bei. Viel Indierockiges & Poppiges, aber auch ein schön tranciges Beat-Brettchen von Nosaj Thing sind auf den vier Donuts zu finden. LA Beatmakers (still) rule in 2010! (DD)
88) Hercules & Love Affair – My House Na kuck an, Anthonys Abstinenz auf dem kommenden Hercules & Love Affair Album könnte doch zu verkraften sein, zumindest wenn die restlichen Dinger auf „Blue Songs“ das Niveau der Vorabsingle “My House” halten. Diese ist eigentlich ein ganz normaler Hercules & Love Affair Track (Chicago: check! Drama: check! Crossover-Appeal: check!), aber wenn er sich eine solch lange Auszeit gönnt, Azari & III ihre 2009er Form nicht erreichen und Tensnake von Ibiza vereinnahmt wird, fressen wir Herrn Butler eben sofort wieder aus der Hand. (FA) 87) Roc Marciano – Snow Roc Marcianos “Marcberg” war in seiner simplen, Loop-basierten Ästhetik dieses Jahr konkurrenzlos. Schnörkellosigkeit straight outta 1994, die ihren Gossencharme am besten auf Albumlänge entfaltet. No Gimmicks wie ein… ach, lassen wir das und würdigen stattdessen das vielleicht rohste Stück, das nicht nur aufgrund seines Titels so perfekt in diese Jahreszeit passt. (FA) 86) TBD – Get To My Baby Disco-Edits. Gähn. Oder auch nicht. Was TBD hier genau verändert, dürfte nur wenigen bekannt sein, der Rest behandelt “Get To My Baby” aufgrund der Obskurität des Quellenmaterials einfach als das, was es ist: eine der am zwingendsten swingenden Disco-Nummern des Jahres. Punkt. (FA)
85) Guido – Mad Sax Dass Guido der Käse-Beauftragte der Bristoler Trinity ist, war schon länger bekannt, wie er hier aber ein absolut billiges Fahrstuhl-meets-Golden-Age-Porn-Saxofon über einen pathetischen R&B-Chugger schickt, ist schon eine Riesenfrechheit. Das Frustrierendste für alle Nachwuchsproduzenten: kann man nicht lernen und ja, es würde bei allen anderen schief gehen. Hier nicht: Hymne! (FA) 84) Anika – Yang Yang Mögen es die Stones Throw (besser gesagt: Madlib-) Fanboys im labeleigenen Forum immer noch nicht einsehen: Diese 23 jährige Göre aus Bristol mit deutschen Wurzeln und Portishead-Produzent Geoff Barrow im Schlepptau ist mit ihrem Lo-Fi-Psych, den verschleppten Drums und wuchtiger Bassgitarre auf ihrer ureigenen Interpretation des Yoko Ono-Songs “Yang Yang” wesentlich spannender als Strong Arm Steady auf Beat-Konducta-Ausschussware. Peanut Butter Wolf weiß das und soll bitteschön auch weiterhin die eigene Fanbase einfach mal kräftig vor den Bug stoßen. (PO) 83) Pantha Du Prince – Stick To My Side (ft. Panda Bear) Ja, die Kritiker lieben Herrn Weber. Mir war er, mit einigen Ausnahmen, bei all der offensichtlichen Brillanz oft etwas zu distanziert, zu – um mein neues Genre-Trademark gleich nochmal zu verwursten – zu ARTE-House. Sich nun Panda Bear einzuladen, ist zwar eine weitere Feuilletons-kompatible Entscheidung von Pantha Du Prince, aber eine die sich auszahlt. Der Tierkollektivler fügt dem transzendenten Gebimmel eine humane Note zu, die Webers Musik eine ganz neue Dimension gibt. (FA)
82) Natural Yogurt Band – Psalm So gut die ganzen Retro-Stax’er auch sein mögen, die wirklich spannenden Funkster hören auf die Namen The Heliocentrics, El Michels Affair und Natural Yogurt Band. Weil die nämlich nicht nur Hausfrauen kompatible Melodien im Köcher haben, sondern auch fies liquides LSD vertonen und so manches Mitneunziger-RZA-Instrumental fast schon poliert klingen lassen. Und wenn die Yogurt-Clique dann auch noch choralen Pathos auspackt, heißt es eh Gameover. (FA) 81) Late – Losing You Was tun, wenn sich der Chef dieses Jahr wieder nur zu einem Remix ,zwei Kollaborationen und zwei bei Benji B angeteasten Skizzen bequemen ließ? Richtig, Late hören. Der hat mit “Losing You” nämlich tatsächlich das geschafft, was so viele vergeblich versucht haben: er klingt (fast) 1:1 wie Burial. Das mag ein zweifelhaftes Kompliment sein, aber Epigonentum auf diesem Level verdient dennoch Anerkennung. Außerdem: Shivers don’t lie, ya! (FA) 80) Mathew Jonson – Sunday Disco Romance Mathew Jonson ist zwar vielleicht nicht mehr ganz so angesagt wie zu Beginn des Jahrtausends und hat 2010 von seinem Bruder Nathan (aka Hrdvision) auch ordentlich Konkurrenz bekommen. Die mächtigen Basslines, die auf Sunday Disco Romance so amüsant vor sich hin rollen, macht ihm auch heute niemand Anderer vor – nur viele nach. Das weiß Mathew auch selbst am besten und nimmt zwei Minuten vor Schluß die Bassdrum raus, stellt die Synth in den Fokus und demonstriert seine Stärke. (PO)
79) Giggs – Bus Commercial Englands selbstverschuldete Antwort auf Rick Ross, bloß ohne Bart und den verschwiegenen Beamtenstatus. Ob man das jetzt im Hörsaal logisch verteidigen könnte oder nicht – “Bus Commercial” transportiert genau das faszinierende Gefühl paranoider Beklemmung, dem man schon zu “Enter The Wu”-Zeiten nicht entkommen konnte. Album muss sich beeilen, im Frühling will ich das nicht mehr hören. (JB) 78) Blue Daisy & Anneka – Raindrops (John Talabot’s Cosmic Rework) 2010 war unter anderem auch das Jahr von John Talabot. Seltsamerweise reichte aber keiner seiner zahlreichen Remixes oder Solotracks an seine Großtaten aus dem Vorjahr heran, so detailtverliebt und sorfältig er auch produzierte. Bis, ja bis, die Frickel-Hopper Blue Daisy und Anneka anfragten und eine Mädchenzimmer kompatible Space-Schwelgerei mit maximalem Pathoslevel bekamen. (FA) 77) Lone – Ultramarine Lone hatte Riesenhits dieses Jahr, allen voran das von Kode9 direkt an den Beginn seines Beitrags zur DJ Kicks-Reihe platzierte “Once in a While”. Wir mögen ihn trotzdem lieber, wenn er seine UK-Rave-Reminiszensen etwas herunterschraubt und weniger hysterisch agiert. Dies geschah zum Großteil auf dem nachgeschobenen Mini-Album “Emerald Fantasy Tracks”. Stellvertretend für den weniger grellen, deutlich im House verwurzelten, neuen Lone steht hier “Ultramarine” ein unaufgeregt auf’s Gaspedal drückender Jacker, der pünktlich zur Trackmitte seine Grundstimmung einmal auf links krempelt und in Ambient-Eleganz mit dezenter Snare-Führung ausklingt. (FA) 76) Bullion – Crazy Over You Bullion schnibbelt (wenn man dem WWW glauben darf) einen Fleetwood Mac Song kurz und klein, baut den gesamten Track innerhalb von knapp drei Minuten ganze zweimal von vorne wieder auf und endet in einem eierigen Leierkasten-Motiv. Kann alles, der Typ. (FA) ******************************************************************* ——— 75-51——— 50-26——— 25-01 |









