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Nach dem sehr prominent besetzten Juni liegen eher ruhige vier Wochen hinter uns. Ist ja nicht so, als hätte man jetzt ohne WM und mit Regen nicht signifikant mehr Zeit. Motzen erübrigt sich dabei streng genommen trotzdem, dank Mount Kimbie, Moritz Von Oswald, Janelle Monae, Paul White, El-P, The Budos Band, Free The Robots, Jimmy Edgar, Slum Village et al. Hip Hop Hausen:
Beginnen wir mit der von Schicksalsschlägen meist gebeutelten Combo des vergangenen Jahrzehnts. Slum Village setzen sich mit “Villa Manifesto” ihr Denkmal und tun hierbei ihr Bestes, Baatin und Dilla angemessen zu verabschieden. Natürlich ist der raue Charme und Stoizismus von “Fantastic” trotz teilweise sehr, sehr guter Beats von Young RJ, Hi Tek, Dilla, Mr Porter oder Khrysis nicht zu toppen, aber gerade Elzhi beweist hier aufs Neue, dass er gemeinsam mit Jay Electronica der versierteste und interessanteste “neue” Rapper der letzten 5 Jahre ist. Er hingegen ist nie ein Ästhet oder Edeltechniker gewesen, man darf Fat Joe aber durchaus dafür Tribut zollen, dass er die, mit “Lean Back” gescheffelten Millionen, in größtenteils kompromissfreie Alben übersetzt hat. Natürlich hat auch “The Darkside” den ein oder anderen düsteren Just-Blaze-Not-Just-Blaze-Stadionbeat zu viel, aber Joeys Bekenntnis zur Straße begrüße ich sehr. Und wenn er sich auf “I’m Gone” mit Premier von Keith Elam verabschiedet, hat das, trotz etwas zu oft gehörter Signature-Chops, viel Klasse. Ähnlich verhält es sich mit Rick Ross, der sich mittlerweile vom Gimmick zu einem der ernst zu nehmendsten Major League Figuren entwickelt hat. Was zum einen an einem überdurschnittlichen Gespür für die richtigen Gäste und Produzenten liegt, zum anderen aber auch – und das wird viel zu selten zugegeben – daran, dass der “Teflon Don” ein genuin unterhaltsamer Spucker ist.
Und weil wir gerade Big Picture sind: Dass Janelle Monae mit “The ArchAndroid” das Album gemacht hat, das “The Love Below” sein wollte, war mir bis zu unserer kleinen Blog-Reihe “Favorite Tracks Of The Year” überhaupt nicht klar. Danke an die Kollegen und Janelle für ein herrlich unbemüht wirkendes Pop-Mosaik. Und weil hier sowohl Big Boi, als auch Saul Williams vertreten sind, passt das auch in diesen Abschnitt. Derlei Fragen muss sich beim Retrogott und Sylabil Spill keiner stellen. Puristischer Rapscheiss wurde bestellt, puristischer Rapscheiss wird geliefert. Was “Die Erde Ist Eine Scheibe” in erster Linie auszeichnet, sind, wie man es von der Entourage kennt, diese schmucklosen, kompromisslos analogen Beats. Aber auch das Zusammenspiel zwischen den sehr unterschiedlichen Deliveries der beiden Protagonisten, gibt den Beleidigern eine ungewöhnliche Dynamik. Und das sage ich als bekennender Sylabil-Skeptiker. Öh ja, Beats. Hat Homeboy Sandman auch. Und zwar von Ski, Psych Les und Spinna. Uff. Gerade jene rhythmische Versatiliät hebt “The Good Sun” aus der Masse blasser Post-Millenium-Debüts hervor, wobei Sandman bei all seinen technischen Fähigkeiten noch etwas das Charisma fehlt, auf Albumlänge durchgehend zu fesseln.
Genug gerappt, kucken wir was die Knöpfchendreher diesen Monat so im Angebot haben. Zuerst wäre da das Ramp-Signing P.U.D.G.E., hinter dessen “Idiot Box” sich eine wahnwitzige Collage verbirgt, durchzogen von Brainfeeder-Beats, Polizeifunk, Störgeräuschen, Telefonaten und Radiofetzen. Bekennt man sich zum Spießertum, wenn man den Wunsch äußert, das ein oder andere Sperrfeuer gegen klarer ausformulierte Ideen eintauschen zu wollen? Weniger schizo, dafür umso blumiger: “Paul White And The Purple Brain”, eine 25 Track umfassende, hervorragend gesequencte Hommage an den skandinavischen Psych-Schamanen S.T. Mikael. Dass das dann auf Now Again erscheint, passt hervorragend ins Bild. Für mich zieht Paul White gegen Bullion zwar immer noch knapp den Kürzeren, im aktuell so beliebten Post-Dillaismus bleibt er aber ein wichtiger Ergänzungsspieler. Ein Vergleich mit Toni Kroos klänge an dieser Stelle zu bemüht, ne? Von analogen LSD-Spielereien in EL-Ps Schlosserei. Der vertreibt sich die (wirklich nur temporäre?) Def Jux-Auszeit mit dem dritten Teil des “Weareallgoingtoburninhell Megamix”. Furzende Basslines, Drums, die zwischen Critical Beatdown und Dave Lombardo oszillieren und diese charakteristisch beklemmende Blade Runner-Atmosphäre: verlernt hat er nichts, der Jaime. Und weil er zwischen all diese Weltuntergangsschlieren mittlerweile auch veritable Blockrocker schiebt, ist das auch nicht annähernd so monochrom, wie Zweifler vielleicht befürchtet hätten.
Auch schön paranoid: “Cerulean”, ein von der typischen Anticon’schen Sperrigkeit nicht ausgehebelter, sondern befeuerter Psychedelia-Hop-Trip, der sich seiner Warpigkeit nicht schämt. Wirklich gelungen, aber im Hypezirkus ist Baths den Konkurrenten bisher zu Unrecht deutlich unterlegen. Auch mehr Aufmerksamkeit verdient hätte Take, der es ähnlich wie die Kollegen Nosaj Thing, Edit oder Lorn vortrefflich versteht, diesen ganzen Detroit/LDN/LA-Wonk mit artifizieller Electronica zu vermengen, gleichzeitig aber druckvoller und weniger jazzy auf den Punkt zu produzieren, als viele der neuen Beatnicks. “Only Mountain” heißt sein zweites Album und kaufen sollte man das eher schleunigst als nächste Woche. Vor allem, weil Alpha Pub in Sachen Represses und Vinyl doch relativ unberechenbar bleibt. Doof, wenn man das, was für die nächste Platte auch gilt, gerade eben schon verbraten und jetzt “CTRL ALT DELETE”, Album Zwei von Free The Robots, nichts mehr hinzuzufügen hat. Außer vielleicht, dass das vielleicht sogar noch einen Tacken zwingender und vereinnahmender ist als “Only Mountain”. So kann ein Lob also auch aussehen. ******************************************************************** Und sonst so:
Unumstritten mein Album des Monats liefern, wie erwartet, dann jedoch Mount Kimbie ab. Ja, “Crooks & Lovers” ist irgendwo schon die Wohnzimmerisierung des Burial-Universums, meinetwegen sogar Dubstep für nah am Wasser Gebaute, vor allem aber klingen Mount Kimbie immer nach Mount Kimbie, egal, ob sie mit Subbass auf den Tanzboden drängen, sich Vocalhäckseleien hingeben oder IDM-Codes systematisch unterwandern. “Maybes” mag als Einzeltrack unerreicht bleiben, “Crooks & Lovers” ist, gerade auch auf Grund seiner selbstbewussten Kürze, trotzdem eines der besten Alben des Jahres. Freuen darf man sich auch darüber, dass Terror Danjah nicht mehr nur ein Londoner Nachtbus-Thema ist, sondern endlich als das wahrgenommen wird, was er ist: Grime-Superheld und Blaupause für Purple Wow Sou und die ganzen anderen insularen 8Bit G-Crunker. Nach einer Menge retrospektiver Arbeit präsentiert Planet Mu mit “Power Grid” nun neues Material. Neues und vor allem ebenfalls qualitativ hochwertiges Material, that is. Danjah, Hud Mo, The Dream und Guido for the next Rihanna album, please! Wenn man eines an der Uni gelernt hat, dann das Prinzip “Credit where credit is due”. Und weil ein RA-User einen Kommentar zu “Live In New York” geschrieben hat, der sich exakt mit dem deckt, was ich in drei verqueren Sätzen eh nicht auf den Punkt gebracht hätte, soll der Herr an dieser Stelle zitiert werden: “Such beautiful music. No agenda, never in a hurry. Just allowing the music to organically build.” Den kleinen Einschub, dass das sicher noch viel magischer sein dürfte, wenn man das Moritz Von Oswald Trio denn auch tatsächlich live gesehen hat, gönne ich mir dann doch noch.
Eine etwas zwiespältigere Angelegenheit ist “Love Someone”, das Full Length Debüt aus dem Hause Wolf & Lamb. Es mag daran liegen, dass die beiden New Yorker selbst schon besseres Material auf 12” veröffentlicht haben oder daran, dass die beiden Chefs in letzter Zeit von ihren Adjutanten Soul Clap und vor allem Nicolas Jaar häufig in den Schatten gestellt wurden. Oder aber daran, dass das Spielchen mit den klinisch sauberen Techhouse-Drums, dem obligatorischen Vocalsample und entspanntem Tempo das ein oder andere Mal zu oft gespielt wurde in letzter Zeit. Solides Handwerk, aber halt auch kein “Time For Us”. Noch viel klinischer und sauberer und vor allem langweiliger: “Shunyata”, die erste Langspielrille, die auf Reboots Konto geht. Der typische Cadenza-Ethno-Chic, berechnend versehen mit einer Portion Deepness und den Minimal-Konsens-Drums, die 2005 schon anfingen zu nerven. Ich passe. Den Geldbeutel wieder aufmachen tu’ ich dann für “XXX”, diesem übersleezy Pornfunk-Ding von Jimmy Edgar. Immer eine Spur wissender und weniger over the top als Chromeo, dabei genauso unterhaltsam, wirft sich der Detroiter hier in eine der besseren Prince-Posen der vergangenen Zeit.
Weniger Pomp findet man bekanntermaßen bei Mark E, der mit seinen lehrbuchreifen Edits dieses ganze Slow-House Ding quasi miterfunden, oder zumindest in dieses Jahrzehnt transportiert hat. Schade eigentlich, dass er sich zunehmend von der Fremdmaterialverwertung distanziert und “Works 2005-2009 Selected Tracks & Edits Volume 2” wohl auch mit der Edit-Vergangenheit abschließen soll. Während die Disco-Bezüge bei Mark E immer eher Soul atmen, hat man bei Blackjoy keinerlei Probleme damit, sich auf die schwüleren Disco-Regionen zu beziehen. Wobei auf “Erotis” gerade die weniger offensiven, gesangsfreien Synth-Arien zu überzeugen wissen. Etwas zu viel vorgenommen haben sich Feindrehstar. Sich die Rosinen aus Jazz, House, Soul, Brass und Hip Hop zu picken, ist prinzipiell ein unterstützenswertes Vorhaben, nur ergibt auf “Vulgarian Nights” die Summe der Einzelteile nicht das vielzitierte Mehr des Ganzen. Sicher ein nettes Werkzeug für sicherheitsbewusste Gastgeber und allein für das hypnotische “Felafresh” würde die Anschaffung lohnen, aber insgesamt doch defizitär.
Mit Dub in seiner klassischen Form bin ich zum richtigen Zeitpunkt schon unten, wenn er aber, wie auf “Dog With A Rope”, mit Buena Vista Social Club’ismen verschlimmbessert wird, wird mir das zu Ethno. Sorry, Quantic oder/und Flowering Inferno. Dann doch lieber der Purismus der Budos Band. Die bläst, trommelt und orgelt sich wieder einmal durch ein knappes Dutzend energische Retro-Funk-Tracks straight outta 1972 via 2010. Nichts Neues im Westen also, aber das soll und darf hier auch nicht der Anspruch sein. “The Budos Band 3” fetzt. Punkt. Wer seine Blaxploitation gerne mit Gesangsbeiträgen hat, kann sich alternativ mit den Shaolin Temple Defenders und “Take It Slow” vergnügen. Die haben aber leider auch die etwas unkreativeren Instrumentals. Dank des herrlich triefenden Tearjerkers “Back On Memories” wollen wir darüber aber großzügig hinwegsehen.
Mit afrikanischen Vocals zu arbeiten, ist nicht zuletzt seit dem furchtbaren WM-Voyeurismus mehr als schwierig. Wenn dieser Aufgabe aber einer gewachsen ist, dann Maurice Fulton. Und genau jener hat “Tungi” inszeniert, ein erfreulich uneitles und authentisches Afroitaloacidboogiefunk-Potpourri, auf dem die sansibarische Sängerin Mim Suleiman größtenteils in Swahili mit uns kommuniziert. Das hat so viel Charme, dass ich mir wie der Liegestuhl besetzende Touri-Ignorant vorkomme, wenn ich kleinlaut zugebe, dass ich die Dub-Versionen auf den beiden begleitenden 12“s trotzdem vorziehe. Gleiches gilt für die Originalversion von Sebastien Telliers “Sexuality”. Da ein Großteil der auf “Sexuality Remixed” enthaltenen Remixes schon über ein Jahr alt ist, merkt man gerade jetzt, dass dieses hyperstilisierte, beinahe karrikatureske Sleezebag-Album die, mit wenigen Ausnahmen, wesentlich pragmatischer produzierten Neubearbeitungen um Längen schlägt. Davon natürlich ausgenommen: mein Mann Floating Points. Der killt immer und überall alles. Fanboy-Status, Freunde! Arcade Fire. Uff. Schwierig, vor allem deswegen, weil die Butler’schen Stans in ihrer Tendenz zur Hyperbel vermutlich nur von Effzeh-Dauerkartenbesitzern und in Sachen metaphysischer Überhöhung nur von Thom Yorke Groupies geschlagen werden. “The Suburbs” ist herzergreifender Bombast, der sich dennoch bei jeder Gelegenheit zum Normalotum bekennt. Oder einfach gute Indie-Musik, mit dem ein oder anderen betörenden Augenaufschlag zu viel. Und ich mochte “Neon Bible” tatsächlich lieber. Sue me. ******************************************************************** Playlist: 1) ESP Institute – I Gotta Woman kaufen ******************************************************************** Photocredit: Musikzimmer ******************************************************************** |










