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Inventur (Februar 2010)

»Der Monatsrückblick«

Nicht nur das Wetter war kacke in den letzten Wochen. Auch für alle Nicht-Gitarreros war der Februar, hinsichtlich des Albumformats, ein unterkühlter Monat. Das ein oder andere Schmankerl konnte mit etwas Geduld dennoch geborgen werden und der 12”-Markt gab, wie immer eigentlich, einiges her.

Hip Hop Hausen:

Um die Katze gleich aus dem Sack zu lassen: die vergangenen Wochen in Sachen Beats & Raps gehörten mit zu den schwächsten der letzten 1-2 Jahre. Aber fangen wir doch mit den anderthalb Ausnahmen an. Zunächst wäre da “Stimulus Package”, eine Kollaboration von Herrn Beard Laden, äh Freeway und einem der verlässlichsten True School-Knöpfchendreher des vergangenen Jahrzehnts – jap, von Jake One ist die Rede. Nun habe ich bisher kaum eine Gelegenheit ausgelassen zu betonen, wie enervierend Freeways Organ auf Albumlänge auf mich wirkt, aber hier muss ich mir dann doch auf die Zunge beißen. Tut es nämlich nicht. Gelungenes Album.

Auch gewohnt solide: die nächste Statik Selektah Compilation “100 Proof (The Hangover)”. Natürlich nicht frei von Füllern und mediokren Hooks, aber immerhin mit einer guten handvoll Playlist-Kandidaten.

Weiter mit Weezy. Dieser hat aus den traditionell magenverstimmenden Rock-Crossover-Versuchen seiner Zunft nichts aber auch gar nichts gelernt und verbricht mit “Rebirth” eine menschenrechtsverletzende Gap-Rock-Katastrophe in der Größenordnung Linkin Park. Und das aus dem Mund eines notorischen Lil Wayne Apologeten wie mir…

Das Canibus-Fantum habe ich hingegen bereits um die Jahrtausendwende abgestreift. So tut “Melatonin Magik” zwar nicht weh, es lässt mich gleichzeitig aber völlig kalt. Mit blechern unfunky daherschepperndem Preset-Beatschrott ist halt wirklich keinem geholfen. Ach, was hätte das für eine Karriere werden können.

Und weil noch Platz war, watsche ich halt die Anarchist Republic Of Bzzz auch noch ab. Unglaublich prätentiöser pseudo-avantgardistischer Noise-Schrott. Verbrochen hat das unter anderem Mike Ladd und klingen tut es wie die Sprühstuhlversion von “Fantastic Damage”. Bäh.

So, damit wäre der dürftige Rap-Teil durch. Widmen wir uns erfreulicheren Dingen. Generation Tapedeck Spezi Dexter legt mit “The Jazz Files” den dritten Teil der MPM’schen Beattape-Reihe “Hi-Hat-Club” vor und auch wenn er noch nicht ganz an die ganz großen Jazz Katzen im MPC-Sektor heranreicht: das ist rund, das läuft durch, das ist gut.

Vielleicht noch einen Tacken besser: Oddisees weltumspannende Instrumental-Schau “Traveling Man”. Hätte, gerade auch weil das Thema so schön passt, in dieser Qualität durchaus einen Platz auf Stones Throw verdient gehabt. Oder auf hhv.de. Immerhin haben wir schon Kankick eingetütet. Aber dazu in der März-Ausgabe mehr.

Stichwort Qualität und Stones Throw: Auf deren Funk-Ableger ist unlängst mit The Whitefield Brothers’ “Earthology” ein superbes Psych-Funk-Album mit mitreißenden Vocal-Beiträgen von u.a. Edan, Mr Lif und Percee-P erschienen. Library Nerds und Mulatu Fans – es darf geweint werden!

Und die Freudentränen versiegen nicht: Mr. Chop widmet sich nämlich auf “For Pete’s Sake” den Klassikern von Peter Fels und übersetzt diese in absolut brillante, dreckige Psych-Coverversionen. Zugegeben, das kennen wir schon von El Michels Affair, aber wenn die Ergebnisse klingen wie hier, plädiere ich dafür, dass zukünftig jede Woche einem neuen Golden-Age-Produzent der Funk-Altar gedeckt wird. Vor allem, wenn das so subtil vonstatten geht wie in diesem Fall.

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Und sonst so:

Durchaus kontrovers wurde Gil Scott-Herons Rückkehr aufgenommen. Während sich ein Gros wohl ein Retro-Album Marke Al Green gewünscht hatte, finde ich es durchaus erfrischend, dass Produzent Richard X nicht auf den Selbstläufer Soul gesetzt, sondern “I’m New Here” eher in Downbeat-Electronica verortet hat, was der schwer gezeichneten und deshalb auch so eindringlichen Stimme des langjährigen Junkies gut tut. Besonders “Me & The Devil” ist eines der gleichzeitig be- und verstörendsten Stücke der letzten Jahre.

Apropos Downbeat-Electronica: Deren Paten Massive Attack feiern mit “Heligoland” ihr bestes Album seit über einer Dekade. Abseits ausgetretener Coffeeshop-Pfade gelingt den Bristoler Legenden eine Neuorientierung, die gerade in der aktuellen Single “Paradise Circus” besonders prägnant auf den Punkt gebracht wird.

Das Liebhaber-Label Claremont 56 feiert unterdessen das zehnjährige Jubiläum von “A Good Morning Story”, einem wirklich hörenswerten, herausfordernden Soloalbum des Can-Gründungsmitglieds Holger Czukay. Und weil nur Einzeller Can nicht gut finden, muss an dieser Stelle gar nicht mehr Werbung gemacht werden. Trotz des stolzen Preises.

Czukay dürfte auch einer der Helden von Madlib sein. Dass Herr Jackson in den letzten Monaten noch mehr als sonst veröffentlicht, ist natürlich begrüßenswert. Aber: so schön Narrenfreiheit auch sein mag und so solide die beiden Jazz-Fusion Alben auch sind, was alle doch wirklich am meisten wollen, hat immer noch kein Release Date: Madvillain, die Zweite. Schiebt man dies beiseite erhält man mit dem Last Electro-Acoustic Space Jazz Ensemble (Albumtitel: “Miles Away”) und den Young Jazz Rebels (“Slave Riot”) zwei grundsolide Jazz-Alben, die dokumentieren, dass Madlib mittlerweile auch in diesem traditionell besonders snobbistischen Genre bestehen kann. Wobei ich das stringentere “Miles Away” vorziehen würde.

Madlibs House-Bruder im Geiste, der große Theo Parrish lädt auf “Melloghettomental” unterdessen Billy Love zum Musizieren in sein Studio ein und herausgekommen sind vier lässige Jazz-Groover, die mit House im puristischen Sinne herzlich wenig zu tun haben, aber wiederum auch nicht arg sperrig ausgefallen sind. Auch hier gilt: prinzipiell eine schöne Sache, aber Parrishs Großtaten findet man woanders.

Die Gelegenheit, “Investigate Witch Cults Of The Radio Age” sinnigerweise direkt an Holger Czukays Album anschließen zu lassen, habe ich verbockt, aber auch als Übergang zu den folgenden Alben taugt die Broadcast & Focus Group. Hätte Goraguer diese Aufgabe nicht vor langem schon so bravourös gemeistert, hätte man hier die perfekte Besetzung für den “La Planète Sauvage” Soundtrack gefunden.

Ganz so weird wird’s auf The Album Leafs “A Chorus Of Storytelling” zwar nicht, aber es ist schön zu beobachten, wie Jimmy LaValle immer noch lässig den Spagat zwischen Postrock-Strebertum, Ambient-Schwelgerei und Tränendrüsen-Pop schafft. Und weil der Winter sich immer noch so beharrlich weigert zu verschwinden, passt das auch noch gut in die Jahreszeit.

Ähnliches gilt für Efterklang, wobei eine Öffnung hin zu Pop und großen Melodien auf “Magic Chairs” auch deutlich wird. Das werden die Meisten mögen, mir war der Collagen-Ansatz aus früheren Zeiten lieber.

Auch Yeasayer gehen auf “Odd Blood” einen Schritt weiter. War “All Hour Cymbals” noch am ehesten als Grizzly Bear meets Animal Collective zu bezeichnen, sind Yeasayer mittlerweile eher zu den besseren Vampire Weekend mutiert. Will heißen: die Hitkeule darf ausgepackt werden. 80s Glamour, Talking Heads-ismen, bisweilen gar Genesis – der Freak-Folker von heute trägt jetzt Spandex. Irgendwie überfrachtet, aber spannend.

Kommen wir zu dem Album, das in 10 Monaten die Jahrescharts der diversen Indie-Outlets dominieren wird. Beach House und “Teen Dream” werden aktuell so mit Lob zugeschissen, dass es einem unheimlich werden kann. Aber klar: verträumter Shoegazer-Pop in der klassischen Fetisch-Kombination Männlein/Weiblein – da ticken die ergrauenden Lederjacken aus. Ist halt auch ein schönes, wenngleich nicht überragendes, Album.

Noch mehr Komplimente heimst traditionell Joanna Newsom ein, die mich mit “Have One On Me” dennoch nicht so ganz kriegt. Es mag an dem überbordenden Hype liegen, daran, dass Frau Newsom eben nicht die neue Joni Mitchell ist oder an der mit zwei Stunden zu großzügigen Spielzeit – irgendwie ist das alles zu Feuilleton-geil um wirklich zu begeistern. Wer solche Sachen besser ausblenden kann, bekommt allerdings ein elegantes und tiefgründiges Album serviert.

Noch ein Fräuleinwunder! Charlotte Gainsbourg hat es in den letzten Jahren tatsächlich geschafft, nicht mehr nur die Inzestgöre aus Charlotte For Ever zu sein, Serge Serge sein zu lasen und einfach nur gut abgehangenen Akademikerpop zu machen. Für IRM hat sie Beck als Produzenten und Sidekick gewonnen und mir ist immer noch niemand über den Weg gelaufen, der von den schönen Melodiebögen im Hipstercafe um die Ecke angewidert gewesen wäre.

Dass Rick Rubin mindestens ein posthumes “American”-Album nachschieben würde, war jedem klar. Mit “American VI – Ain´t No Grave” ist es nun soweit und Johnny Cash darf nochmal mit brüchiger Altersstimme über Rubins sparsam gezupfte Gitarren, Folksongs zum Besten geben. Das hatten wir schon zwingender und mit schöneren Coverversionen, aber wenn die Stimme Gottes (und wenn es einen solchen denn geben sollte, mache ich immer noch jede Wette, dass er redet wie Uns Johnny) noch ein letztes Mal zur Audienz bittet, hat man zuzuhören. Nicht nur aus Anstand.

Äh ja, wie spanne ich jetzt den Bogen zu einem verlässlichen Peaktime-Techhouse-Hit-Garanten wie Danton Eeprom? Gar nicht eigentlich, aber immerhin könnte man diesen forcierten Übergang dazu nutzen, die Songlastigkeit seines Albums “Yes Is More” hervorzuheben. Ein Wanderprediger Marke Cash ist Eeprom selbstverständlich nicht geworden, aber er beweist hier, dass er Bassdrumterror und Funktionalität auch mal hintanstellen kann. Erstaunlich rockig, erstaunlich poppig, erstaunlich zerrissen.

Keine Experimente befürchten müssen Fans von Conforce. Der huldigt mit “Machine Conspiracy” pflichtbewusst sowohl dem großen D als auch der Berliner Dub-Techno Schule. Wer Convextion, Peter Van Hoesen oder Dettmann für diese Mischung aus chirurgischer Präzision und unterschwelliger Emotionalität mag, liegt hiermit goldrichtig.

Weiter mit Arbeitsmigrant Numero 2345325. Seth Troxler hat mit seiner exaltierten Persönlichkeit und dem richtigen Gespür Berlin momentan fest im Griff. Nur folgerichtig also, dass Herr Troxler jetzt seinen ersten offiziellen DJ-Mix im Rahmen der “Boogybytes”-Reihe veröffentlicht. Nach einem herrlich ironischen Intro, cleveren Blends und einer lässig deepen Sektion gibt es mit “Stricher” nochmal ordentlich Saures, bevor das wunderbare “Time For Us” eine sehr solide, wenngleich nicht essentielle, Standortbestimmung abschließt.

Ah ja, Stichwort ‘essentiell’: Die holländischen Kollegen von Rush Hour haben wieder zugeschlagen und einen weiteren House-Klassiker neu aufgelegt. Virgos gleichnamiges Album ist nicht nur eine 1989 erschienene Blaupause für Chicago und Acid House, es ist auch eines der ganz wenigen Alben dieser Zeit, das durchweg auf höchstem Niveau jackt. Kaufen. Punkt.

So, jetzt noch 25 aktuelle Tracks, die meinen Februar dominiert haben. In vier Wochen dann Neues von Gonjasufi, den Gorillaz, Kankick, Madlib in Afrika et al. Over and out.

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Playlist:

1) Flying Lotus – Computer Face / Pure Being kaufen
2) Anton Zap – You Are Not Alone (Classic Dub) kaufen
3) Joy Orbison – The Shrew… (Actress Remix) kaufen
4) Jayson Bros – The Game
5) Steffi – Kill Me (Dub) kaufen
6) Gonjasufi – Ancestors kaufen
7) Erdbeerschnitzel – 4 Month kaufen
8) Mr Chop – TROY kaufen
9) Jacob Korn – Supakrank kaufen
10) Bonobo – Eyes Down (Floating Points Remix) kaufen
11) Whitefield Brothers – The Gift (ft. Edan & Mr Lif) kaufen
12) Dollkraut – Loot
13) James Blake – The Bells Sketch kaufen
14) The Revenge – Looking Up To You kaufen
15) Mumford & Sons – Thistle & Weeds kaufen
16) Arto Mwambe – Lovelift (CB Funk Dub) kaufen
17) Kraddy – Android Porn (Fulgeance Remix) kaufen
18) Osborne – Junk Food (Lukid Remix) kaufen
19) Four Tet – Sing (Floating Points Remix) kaufen
20) FCL – Let’s Go kaufen
21) Hard Ton – Flawless (Snuff Crew Remix) kaufen
22) Massive Attack – Paradise Circus kaufen
23) 1000 Names – Paradise Rings kaufen
24) Marcello Napoletano – Street Fruit kaufen
25) Locussolus – Little Boots kaufen

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Florian Aigner

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DEZEMBER+JANUAR

NOVEMBER