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Outkast »Mrs Jackson« und »So fresh and so clean« legten früh die 2000er Messlatte für Radio-Rap-Hits ganz hoch. Daneben gab’s noch 22 andere gute Stücke, teilweise mit Unterstützung von Erykah Badu oder Ceee-Lo von Goodiemob, der später im Jahrzehnt zusammen mit Danger Mouse als Gnarls Barkley seine ganz eigene Musikgeschichte schreiben sollte. Schön war auch, dass die Erstauflage auf gelbem, durchsichtigen Vinyl gepresst war. Sonstnochwas? Nö, Reicht!
Panda Bear Noah Lennox, hauptberuflich der vierte Teil von Animal Collective, zog es im Jahre 2006 nach Lissabon, wo er seine Liebe gefunden hatte. Viel mitnehmen konnte er nicht: in seinem Gepäck waren, neben ein paar Klamotten, eine Akustikgitarre und zwei Sampler, Marke Boss SP-303. Reduziert auf diese Mittel und ausgestattet mit exzellentem musikalischem Instinkt, schaffte Panda Bear mit seinem dritten Soloalbum eine Rückbesinnung auf die Schönheit von Popmusik. Seine Art des Sampling war nicht die eines bewussten, zweckdienlichen Sprechens, sondern die einer Herstellung von Bewusstsein, Gefühl, emotionaler Erinnerung (nicht Gedächtnis). »Person Pitch« gelingt es zu berühren, was eigentlich schon verloren gegangen geglaubt war: die Seele von Popmusik.
Pilskills Kennt kaum einer, ist aber in Ostberlin so ne Art Klassiker, also für uns, die wir nun mal fast alle Ostberliner sind, unbedingt eine 2000er Knüllerplatte. Jabbadabbadoo, hier kommt meine Crew!
Prefuse 73 Was in diesen Tagen wieder als »Glitch Hop« hochgejubelt wird, fand bereits 2001 in diesem Album ihren Anfang. Guillermo Scott Herren hatte zu der Zeit bereits als Savath & Savalas und Delarosa & Asora für Aufmerksamkeit gesorgt und machte sich nun als Prefuse 73 mit seinen »sprechenden« Beats Hip-Hop aus dem Geist der elektronischen Musik zu revolutionieren. Mit Aesop Rock, DOOM und Mikah 9 hatte der Produzent aus Atlanta, Georgia zudem einige Hochkaräter am Mikrophon dabei. Doch die Revolution war eher in der Ununterscheidbarkeit von Konstruktion/Dekonstruktion, Erweiterung/Kürzung, Samples/Komposition zu finden. In der Folge sollten Prefuse73-Alben dieses Stottern verlieren.
Quantic Die Art und Weise wie Quantic seine Fingerfertigkeit an Gitarre, Kontrabass, Klavier, Orgel, Saxophon und Percussions mit der Auswahl erlesener Samples zusammenfügte, wurde bereits auf zwei Alben vor »Mishaps Happening« gerühmt. Doch erst dieses Album brachte eine Musik wieder zurück in die Köpfe der Musiknerds, für die Begrifflichkeiten wie »NuJazz« lange Zeit ein Schmipfwort waren. Will Holland, der Mann hinter Quantic, zog sich dann auch alsbald nach Kolumbien zurück und konzentriert sich seither nur noch auf ambitionierte, orchestrale, Spaß machende Projekte.
Quasimoto Randbemerkung: »The Unseen« ist mit dem gleichen Equipment (Boss SP-303) wie Panda Bears »Person Pitch« entstanden. Das Ergebnis ist ein vollkommen anderes, wenn auch nicht weniger begnadet. Mit »The Unseen« führt Produzent Madlib nach wochenlangem Pilzkonsum sein näselndes Alter Ego Quasimoto ein und etabliert mit dieser Rückkopplung auf Comic heraus eine zweite Referenzebene in seine Musik ein. Waren es im Jahrzehnt davor noch Themen wie Mafia (Raekwon) oder Martial Arts (Wu-Tang), auf die querverwiesen wurde, war es hier eine im wahrsten Sinne der Worte »überzeichnete«, »verrückte« Welt. Das war nicht nur genial, es veränderte auch Hip-Hop. Wenn auch nicht sofort: »The Unseen« stieß zunächst mehr auf Unverständnis. Avancierte im Laufe des Jahrzehnts zu einem der besten HipHop-Alben überhaupt.
Radiohead Wenn man als Band mit den ersten drei Alben bereits Musikgeschichte geschrieben hat und mit »OK Computer« dann wirklich eine Art Konsensalbum fürs Bildungsbürgertum gelungen ist, dann stellt man sich gerade die Sinnfrage. Sicherlich wäre es kein Problem gewesen, einfach dort weiterzumachen, anzusetzen an den Erfolgen. Doch Thom Yorke besorgte sich den kompletten Katalog des damals noch in Sheffield ansässigen Labels Warp, deren Künstler Aphex Twin, Autechre, Plaid oder Squarepusher elektronische Musik mit der gewissen Faszination belegten. Das Album »Kid A« war dann viel avancierter, zerrissener, progressiver als die Vorgänger; und dennoch erfolgreich. Das dürfte das einzige Elektronik-Album sein, was der geneigte Britpopper in seinem Plattenschrank zu stehen hat. Allein dafür gebührt ihm Respekt.
Ricardo Villalobos Der Vorgänger »Alcachofa« mag einflussreicher gewesen sein, die Art und Weise wie der gebürtige Chilene Villalobos auf »Thé au Harem d’Archimède« die Koordinaten von House und Techno verschiebt und sich von jedem Funktionalitätszwang befreit, macht es zu Ricardos langfristig bemerkenswertestem Album. Minimal gone Prog, Techno meets Ethno-Jazz, in a good way.
RJD2 Die Chancen, dass RJD2 zu einem der wichtigsten HipHop-Produzenten dieses Jahrzehnts aufsteigen könnte, standen nicht schlecht, als im Jahre 2002 sein Debüt »Deadringer« veröffentlicht wurde. Nicht schlecht? Ein Stern ging auf! Ramble John Krohn aus Eugene, Oregon wusste wie Samples organisch verwoben werden. Er gründete in der Folge mit Blueprint das Duo Soul Position, produzierte ein Album für Aceyalone und kollaborierte (wie jeder zweite in diesem Jahrzehnt) mit Diplo. Musikalisch ging’s weg von den feinen Soulsamples hin zu, ähemm, Rockmusik. So blieb »Deadringer« unerreicht.
Shackleton Zur Deadline gerade drei Wochen alt, hat »Three EPs« sich dennoch jetzt schon seinen Platz verdient. Warum? Weil ein solch intensives Klangerlebnis eine absolute Ausnahme ist. Alles hier ist abgründig, albtraumhaft und dennoch seltsam anziehend. Der mittlere und nahe Osten fusioniert mit englischen Bässen und teutonischem Micro-Geklacker zu einer Art kubistischer Illustration Kafka’scher Fantasien.
Sharon Jones & The Dap-Kings Möchte man einen konkreten Ausgangspunkt für das Revival von Funk und Soul am Ende dieses Jahrzehnts benennen, so sollte man es mit diesem Album versuchen. Die leichtfertig als Backingband abgewatschten The Dap-Kings sind der Ursprung von Truth & Soul Records, der Afrobeat-Kapelle The Budos Band, die musikalische Untermalung von Lee Fields, spielten auf Amy Winehouse »Back to Black«-Album, haben also überall ihre Finger mit drin. Dazu kommt die Stimme des Revivals, Sharon Jones. »100 days, 100 Nights« ist ja bereits das dritte Album der Band, aber hier passt wirklich alles.
Shed Das Debüt von Shed nähert sich Dubstep aus der Perspektive des wissenden Technoheads mit Basic Channel-Diplom, ohne sich diesem je offensichtlich hinzugeben. »Shedding the Past« ist das bisher nachdrücklichste Statement der Generation Berghain und gleichzeitig eine brillante Unterwanderung rigider Techno-Codes.
Soul Center (Thomas Brinkmann) Thomas Brinkmann ist schon immer ein Freigeist am House/Techno-Firmament gewesen. Mit seiner Soul Center-Reihe ahnte er in einer – gerade in Deutschland – auf Simplizität bedachten Ära die erneute Hinwendung zu Melodien, Samples und Funk voraus. Und wenn ein Technoalbum neun Jahre später klingt wie vorgestern veröffentlicht, hat es sich seinen Platz in dieser Auswahl redlich verdient.
The Avalanches Manchmal reicht ja ein Album, um sich in die Annalen der Musikgeschichte einzuschreiben. Die Australier The Avalanches haben das geschafft. Mit »Since I Left You« haben sie ein Statement geschaffen, wie aus Diebstahl Kunst werden kann. Ganze 3.500 Samples Darren Seltmann und Robbie Chater zusammengetragen und in uner- und ungehörter Weise neu arrangiert. Unbekannter Soulstücke stehen neben 1980er Jahre Commodore-Gefrickel, von Madonna über Francois Hardy bis Raekwon wurde horizontal und vertikal durch die Musikgeschichte getaucht. Am Ende stand dann ein wirklich eindringliches, melodiegeladenes, tanzbares Konzeptalbum über die Liebe in Zeiten der Globalisierung. Und tolle Musikvideos gab’s noch oben drauf.
The Knife Ein Album, das so nur in Skandinavien entstehen konnte. Das schwedische Geschwisterpaar Karin Dreijer Andersson and Olof Dreijer lässt brachiale Electro-Sounds auf beinahe gotisch anmutende Ambientflächen knallen, Industrial-Techno wird von balladesken Elementen konterkariert. Und über allem thront Karin Dreijer Anderssons außerweltliches Organ, das einem sowohl Angst einjagen, als auch Tränen in die Augen treiben kann. Eines der intensivsten Alben der vergangenen zehn Jahre.
The Rapture Warum geben wir The Raptures »Echoes« den Vorzug vor den auch nicht minder wichtigen Langspielplatten von Radio 4, !!!, Out Hud, The Liars oder auch Bloc Party? Zunächst ist dem New Yorker Quartett hier ein hervorragendes Debüt gelungen. Doch »Echoes« war mehr. Es war dank des satten Sounds, von James Murphy und Tim Goldsworthy hervorragend produziert, und der markanten Stimme von Luke Jenner, die Blaupause für unzählige nachfolgende Bands, die erkannten, dass Gitarrenmusik durchaus auch sexy sein kann. Daneben haben sie mit »House of Jealous Lovers« die erste Indie-Hymne geschrieben, die auch in einem Technoset nicht deplatziert wirkte. DJ Hell hat das als erstes erkannt. Da wurden Gräben mit geschlossen, die davor noch unüberwindbar schienen. Deshalb!
The Streets Mike Skinner bevor er meinte den Singer/Songwriter in sich entdeckt zu haben. Mit mehr Pop-Sensibilität als Kollege Dizzee Rascal spielt The Streets mit HipHop und UK Garage und kombiniert den federnden Sound seiner Beats mit demonstrativem Cockney-Atzentum, indem politische Unkorrektheiten, Spielunkenschlägereien, das Wochenende und die Premier League die Fixpunkte bilden. Latent melancholischer Hartz4-Hedonismus klang nie besser.
The Whitest Boy Alive Ein Technoalbum, eingespielt mit Live-Instrumenten. Erlend Øye und seine Berliner Entourage erspielen eine musikalische Leichtigkeit, die einen gleichzeitig Flennen und Tanzen lassen will. Es ist beeindruckend, wie hier die Songs die Struktur der Hits verschwitzter Clubnächte atmen und dennoch keine stumpf-rotierenden Bassdrums gebrauchen. Auf dem diesjährigen Nachfolger »Rules« ist ihnen das Kunststück dann nochmals gelungen.
Theo Parrish Der Detroiter Hohepriester mit einem Album, welches eindrucksvoll demonstriert, warum House in der Tat der Neffe von Soul & Jazz ist. Losgelöst von jeglichen Funktionalitätsgedanken, zusammengehalten von diesen wunderschönen, holzigen Trademark-Claps samplet und improvisiert sich Parrish durch achtzig transzendentale und unvergessliche Minuten. ******************************************************************** Texte: Florian Aigner, Sebastian Hinz, Ronald Seibt, David Wetzel ******************************************************************** ——— A – F——— G – N |




















