spacer
spacer spacer

Wir haben es getan. Es war natürlich eine politische Entscheidung an deren Ende wir uns in langen Diskussionen auf 60 Alben geeinigt haben, die man in dieser ersten Dekade des neuen Jahrtausend unbedingt gehört haben muss. Zunächst war unser Anspruch, die Auswahl so objektiv wie möglich zu treffen, möglichst viele Stile, Strömungen, Szenen abzugrasen. Natürlich mussten wir subjektiv daran scheitern. Herausgekommen ist kein Kanon, keine Bestenliste, kein Walhall. Sondern eine Galerie an Lieblingsalben, von denen wir glauben, dass jedes einzelne das Jahrzehnt und wie wir in diesem Musik hörten, geprägt hat. Manche Erwähnung hier scheint selbstverständlich, andere könnten doch überraschen. Ein bisschen Mut gehört dazu, wenn man Grundsätzliches vermitteln will. Aber schaut doch selbst – oder seid ihr etwa anderer Meinung?

4 Hero
Play With The Changes
Raw Canvas 2007

Gefällt musikverrückten Mecker-Nerds genauso wie deren Freundinnen, die einfach nur mal eine schöne Platte hören wollen. Das können nicht wirklich viele Alben von sich behaupten. Und deshalb gehört das fünfte Album des Londoner Duos, trotz seiner unterschwelligen Beliebigkeit, 100%ig zu den besten Alben der 2000er.

Buy

Amon Tobin
Supermodified
Ninja Tune 2000

Es war bereits das dritte Album Amon Tobin und eigentlich nur die konsequente Fortsetzung von »Bricolage« und »Permutation«. Doch das Soundspektrum ist auf keiner Platte des Brasilianers so breit, wie auf »Supermodified«. Das Album hat zu Beginn der Dekade abgesteckt, wofür das britische Label Ninja Tune eine Weile stehen sollte: schlaue Samples, komplexe Beats, jazziges Ambiente. Bonobo, Skalpel, The Cinematic Orchestra, Mr. Scruff und Wagon Christ mussten sich dieser Steilvorlage stellen. Und, wo sind deren Platten hier in dieser Liste? Die Single »Four Ton Mantis« wurde durch das Musikvideo von Floris Sigismondi so was wie ein richtiger Hit.

Buy

Animal Collective
Sung Tongs
Fat Cat 2004

Eine der Bands dieses Jahrzehnts ist Animal Collective. »Sung Tongs«, ihr fünftes Album, markierte ein Wendepunkt im Sound des Quartetts aus Baltimore, Maryland. Die Veröffentlichungen zuvor waren eher Fingerübungen, Skizzen, dahingehuschte Krakeleien, die bereits das riesige Talent von Panda Bear, Avey Tare, Geologist und Deacon (wie sie sich nebulöser Weise nennen) andeuteten. Was danach kam, war dann Ausformulierung und Feinschliff dessen, was »Sung Tong« vorgelegt hat. Dass sie aber auf »Feels«, »Strawberry Jam«, »Merriweather Post Pavillion« diese Niveau halten, mitunter sogar steigern könnten – wer hat’s vermutet?

Buy

Arcade Fire
Funeral
Merge 2004

Hoffnungsfroh euphorisch und unglaublich traurig zugleich, avancierte Mitte des Jahrzehnts das Debüt von Arcade Fire zum Kritikerliebling par excellence. Es ist aber auch ein gutes Album. Der Titel »Funeral« war die Folge von verschiedenen Todesfällen im Umkreis der kanadischen Band, das Album selbst machte eher die »Familie« zum Thema. Vier der zehn Titel hießen »Neighbourhood«. Owen Pallett, der als Final Fantasy auch ein wenig Berühmtheit abbekam, unterlegte die kleinen Hymnen mit so unaufdringlich säuselnden Streicherarrangements, das man vor Glück heulen wollte. »Funeral« hätte zur Blaupause für Indierock in diesem Jahrzehnt werden müssen. Wurde es aber nicht! Selbst der Nachfolger »Neon Bible« war dann zu dick aufgetragen.

Buy

Battles
Mirrored
Warp 2007

Es war kein gutes Jahrzehnt für Rock. Die 1990er Jahre hatten »Postrock«. Diese Dekade hatte lediglich Battles. Was heißt hier: lediglich. Immerhin! Mit Musikern von Don Caballero und Helmet im Gepäck erschufen die New Yorker auf ihrem Debütalbum einen Entwurf von Rockmusik, der sich eineindeutiger Klassifizierungen entzogen hat. Das war für Freunde des gepflegten Gitarrenriffs, Electronic-Heads, Backpack-HipHopper und Galleriebesitzer gleichermaßen interessant. Mit Tyondai Braxton, Sohn des Avantgarde-Jazzers Anthony Braxton, hatten sie jemanden, dessen musikalisches Verständnis dem brachialen Grundgerüst ein eigenständiges Sounddesign verlieh. So war »Mirrored« an Intensität in den letzten zehn Jahren nur schwer zu überbieten

Buy

Burial
Untrue
Hyperdub 2007

Verhuschte Chanteusen-Splitter, Nieselregen, unberechenbare Drums, die sich dem Metrum verweigern, Bässe so tief wie unterschwellig – alles ist grau und kalt und trotzdem wunderschön. »Untrue« ist ein Requiem auf die britische Bass-Hochzeit, verkleidet in melancholische Melodiebögen. Ein Album direkt aus der Twilight Zone der Londoner Nachtbuslinien. Und in seiner fast erdrückenden Stringenz noch eindrucksvoller als der ebenso epochale Erstling.

Buy

Cannibal Ox
The Cold Vein
Definitive Jux 2001

Def Jux’ prophetisches Porträt des Rotten Apple anno 2001. Gute drei Wochen vor 9/11 veröffentlicht, stiefeln die New Yorker Vordul Mega und Vast Aire schlecht gelaunt durch El-Ps Blade Runner-Ruinen und kreieren beiläufig das Dokument des urbanen Niedergangs schlechthin. »The Cold Vein« ist der Kulminationspunkt des Abstract Rap, bevor dieser von Napster, Anticon und MySpace ruiniert wurde.

Buy

Clipse
Hell Hath No Fury
Re-Up Gang 2006

Nihilistischer Coke-Rap des übertalentierten Bruderpaars Gene und Terrence Thornton über die paranoidesten Beats, die die Neptunes je zusammengeschraubt haben. Wahrscheinlich das am meisten beeindruckende, weil kompromissloseste Zeugnis der neuen Schule, deren Rektoren Timbaland und The Neptunes ihren synthetischen Future-Pop sonst eher an Klassenclowns vermittelten. Hier hingegen werden endlich mal keine Perlen vor die Säue geworfen.

Buy

Common
Like Water For Chocolate
Geffen 2000

»Like Water for Chocolate« war nicht nur der kommerzielle Durchbruch für Common. Es war auch sein künstlerisch prägnantestes Statement. Nicht vorher und auch nicht danach hat der aus Chicago, Illinois stammende Lonnie Rashid Lynn Jr. sein Potenzial als Erzähler und Entertainer, als auch sein Wissen an Zusammenhängen abrufen können. Jedes Detail dieses Album verweist auf mehr: die Fotografie von Gordon Parks aus dem Jahre 1956 auf dem Cover, der literarische Verweis des Titels zu Laura Esquivels Roman aus dem Jahre 1989, undundund. Dazu gibt’s Kompositionen der Supergroup des NeoSoul, den Soulquarians, auf der Höhe ihres Schaffens.

Buy

Dabrye
Two/Three
Ghostly International 2006

Ein HipHop-Album auf einem Technolabel: was konnte man erwarten? Tadd Mullinix, der sich als James T. Cotton in der Welt des Techno bereits einen Namen gemacht hatte, führt hier die zwei musikalischen Stränge Techno und HipHop, die in seiner Heimatstadt Detroit ja einmal einen gemeinsamen Ursprung hatten, wieder zusammen. Entstanden ist eine visionäres Album, das eine Handvoll der talentiertesten MCs der Heimatstadt (J Dilla, Guilty Simpson, Wajeed, Phatkat) und darüber hinaus (Beans, DOOM, Vast Aire, AG) über minimale Elektronikproduktionen rappen lässt.

Buy

Daedelus
Of Snowdonia
Plug Research 2004

Ein Jahr bevor »Of Snowdonia« erschien, hatte Daedelus bereits mit der EP »The Quiet Party« bereits aufhorchen lassen und gleichzeitig bewiesen, dass Los Angeles ein Dorf ist. Otis Jackson Jr. hat hier als Madlib und Yesterdays New Quintett ein paar Beats beigesteuert, Abstract Rude, High Priest und Busdriver rappten. »Of Snowdonia« war dann allerdings die erste Maturum: die Samples schienen direkt dem Grammofon zu entweichen und legten einen Schleier der Eleganz über das Album. Im Hintergrund holperten die Beats, feine Melodien tanzten und das Gesamte fügte sich immer nur fast. Verspielter war Alfred Weisberg-Roberts danach nicht mehr.

Buy

Daft Punk
Discovery
Virgin 2001

Wenn man bei Google nach »Daft Punk« sucht, wird einem ohne großes Zutun gleich noch »Discovery« als dazugehörender Suchbegriff empfohlen. Also klare Sache: wenn Daft Punk, dann »Discovery«. Und ohne Daft Punk keine schmissiger Franzmann-Filter-House. Ohne den keine vernünftige Party in den 2000ern. So sieht’s aus. Und wenn wir schon keine Ahnung haben, dann muss eben Kanye West als Geschmackspolizist herhalten. Der hat mit dem Sampling von »Harder, Better, Faster, Stronger« den Daft Punks Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter den letzten Ritterschlag erwiesen.

Buy

Dirty Projectors
Rise Above
Dead Oceans 2007

Bereits in den Jahren zuvor hat Dave Longstreth mit seiner Band Dirty Projectors unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit vier hervorragende Alben aufgenommen. Darunter bereits eines mit einem versponnenen Konzept: »The Getty Address« war eine Art Rockoper zu Ehren von Eagles-Schlagzeuger Don Henley. Doch »Rise Above« setzte diesem Konzeptuellen noch eine Schippe drauf und war eine Hommage an Black Flags‘ »Damaged«, das Dave Longstreth und seine Mitstreiter fünfzehn Jahre nach dem letzten Hören aus der bloßen Erinnerung nachspielten. Herausgekommen ist kein Coveralbum, sondern schlicht ein Kunstwerk.

Buy

Dizzee Rascal
Boy In Da Corner
XL 2003

Ein 18-jähriger Rudeboy übersetzt das britische Garage- und Jungle-Erbe in ein HipHop-Album, wie man es noch nie gehört hatte. Playstation-Presets treffen auf Old-School-Rave-Signale, Dub bleibt der Erziehungsberechtigte im Hintergrund und Dizzee gibt mal den britischen KRS-1 und mal das, dem Council Estate verbundene, »I-Don’t-Give-A-Fuck«-Kid. Das Coming-out für Grime, »hot like a kettle, you might get scalded or burnt up«.

Buy

Edan
Beauty And The Beat
Lewis 2005

Ein weißer Junge aus Rockville, Maryland bescherte uns eines der unmittelbarsten HipHop-Alben dieser Tage. Die Frage nach der Zukunft des HipHop beantwortete Edan Portnoy schlicht mit: in die Vergangenheit. Denn »Beauty And The Beat« ist ein schlichtes Sample-Album, nur sind die geklaubten Soundfetzen ein bisschen frecher, die Texte ein bisschen eigentümlicher und das Bewusstsein über die eigene Frechheit und Verschrobenheit einfach wohltuender, als die meisten Reminiszenzen an die gute, alte Zeit des Rap. So beginnt die Single »I See Colours« mit den Worten: »Prince Paul already used this loop/ But I’m keep it movin’/ And put you up on the scoop.« Jawoll!

Buy

El Michels Affair
Sounding Out The City
Truth & Soul 2005

Truth & Soul wäre ohne »Sounding Out The City« und El Michels Affair wohl in den nächsten 20 Jahren nicht zu dem treibenden Instrument der Retro-Soul-Welle der späten 2000er geworden. Altmodisch war auf einmal wieder fresh. Soul war wieder wer.

Buy

Elmore Judd
Insect Funk
Honest Jon’s 2007

Elmore Judd ist nicht einer, nein, Elmore Judd sind sieben. Und diese verwegenen Londoner nahmen so gute Drogen mit Captain Beefheart, Prince, Sly Stone, Sa-Ra und den Griechen, man hätte das Album »Inject Funk« nennen können. Bleibt ein Dauerbrenner nach dem ersten Zug, da bin ich honest, Jon. Funk, Synthies, Jazz und hypnotischer Singsang werden zu einem hypnotischen Gebräu vermengt. Da heißt es, Musizieren kann keinen Spaß machen.

Buy

Fat Freddy’s Drop
Based On A True Story
Kartel Creative 2005

Unglaublich gute Musik, die man da unten rechts, noch hinter Australien, produziert! So entspannt wie »Based On A True Story« stellt man sich Neuseeland vor. Harmonisch, frisch und immer mit »Seele«. Praktischerweise hat Junge endlich passende Musik fürs erste Date mit Mädchen, was schließlich zur Pärchenkundgebung allerhöchsten Grades in den ausverkauften Konzerthäusern Europas führte.

Buy

Flying Lotus
Los Angeles
Warp 2008

Ein ziemlich eigenständiger Soundentwurf wurde uns im letzten Jahr von Steven Ellison, ein Großneffe von Alice Coltrane, serviert. Aber wen wundert’s, bei dieser Verwandtschaft? Als Flying Lotus überführte der Kalifornier jedenfalls HipHop-Beats in ein neues Zeitalter: die Bässe grummelten tiefer, die Schläge klangen, als wären sie im Geschirrkasten entstanden. Ziemlich arty, das. Doch »Los Angeles« wusste nicht nur als Soundtrack einer Vernissage zu gefallen, sondern fühlte sich trotz seiner Schnörkel gerade auch im Club gut aufgehoben. Eine kleine Revolution.

Buy

Four Tet
Rounds
Domino 2004

Noch immer einer der unterschätztesten Musiker jenseits, diesseits und sogar abseits des Atlantiks. Kieran Hebden hat es geschafft, in dem er sämtliche Spielarten zeitgenössischer Musik zu einem eigenen Klang zusammenführt, den Eklektizismus als avantgardistisches Prinzip zu etablieren und trotzdem Musik zu kreieren, welche die ganze Familie am Sonntag mit Blockflöte, Triangel und Xylophon nachzuspielen versucht. »Rounds«, das dritte Album von Four Tet, besticht eben mit tollen Harmonien und großartigen Melodien, die es sich auf einem Teppich von Drumsamples aus dem Freejazz legen. Sonst wär’s ja auch keine Herausforderung für die Familie.

Buy

********************************************************************

——— G – N

——— O – Z