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Alle Jahre wieder stellt der Aigner seine Favoriten zusammen, in der Hoffnung, dass sich nicht jeder schon vom weihnachtlichen Reminiszenzwahn belästigt fühlt und eventuell auf den einen oder anderen neuen Favoriten stößt. Auch dieses Mal muss betont werden, dass das hier eine strikt individuelle und somit subjektive Zusammenstellung ist, die sich notwendigerweise weder mit dem gesamten HHV-Stab, noch mit tausenden Kundenpräferenzen decken wird. Lest das Folgende also vor allem als Kolumne eines einigermaßen nerdigen Musik-Enthusiasten, dem hier ein Forum gegeben wurde, über seine Lieblingsplatten zu reden. Kritik, Anregungen, eigene Listen und gegebenenfalls sogar Lob sind aber natürlich wie immer willkommen, entweder in Emailform oder als Blog/Forum-Comment. Abschließend möchte ich noch kurz anmerken, dass Mehrfachnennungen des selben Künstlers versucht wurden zu vermeiden, wobei ich zwei Remixes von dieser Regelung ausgenommen habe, aber dazu später mehr. So, der staatsmännische Ton sei hiermit abgelegt, es folgt noch der Fahrplan für die nächste Woche und dann lass uns endlich über Musik sprechen. 100-76: Dienstag ********************************************************************
100) Zarrylade – Eyes Above Your Head Vielleicht so etwas wie das “Blind” dieser Saison, mit dem Unterschied, dass “Eyes Above Your Head” kaum einer zu kennen scheint und die Vocals hier eher mit der diskoiden Unterlage kontrastieren. Indie-Vintage-Disco? Kein Plan, aber superhittig. 99) Bibio – S’vive Es ist immer schwer aus einem Album, das am besten als solches rezipiert werden will, einen Track herauszugreifen. Bibio deswegen hier aber nicht zu berücksichtigen, wäre unfair. Die Entscheidung fiel am Ende auf das furios stolpernde, Harmonie- UND Dissonanz-süchtige, ein in Prefuse’scher Tradition mit einem zerbombten Vocalsample spielende “S’Vive”. Der Rest ist aber fast genau so gut. 98) Omar-S – Flying Gorgars Nein, ein zweites “Psychotic Photosynthesis” hat er dieses Mal nicht aus seinem staubigen Maschinenpark geprügelt. Dafür aber schlauerweise die meisten unveröffentlichten Tracks seines Fabric-Mixes auch auf Vinyl veröffentlicht. Am ausformuliertesten kommt dabei “Flying Gorgars” daher, eine infektiöse, sich immer wieder von neuem hochschraubende Detroit-Blaupause für Nullneun. 97) Fashawn – Why Es kommt mittlerweile nur noch einmal pro Schaltjahr vor, dass ich mich von einem Rookie-MC so richtig vereinnahmen lasse. Dem jungen Kalifornier mit dem reichlich einfallslosen Namen ist genau dies aber geglückt. Als Dankeschön hierfür stellvertretend das emotional packende “Why”. 96) Ilya Santana – Golden Days Ja herrlich, eine streichergeladene Disco-Schmonzette, die tatsächlich eher nach 1979 als 2009 klingt und nicht mit fiesen Adjektiven wie “Nu” beschmutzt werden muss. Wie zur Hölle hat Herr Santana denn bitte das Salsoul Orchestra zu sich ins Studio gekarrt? Oder kriegt man so viel Opulenz heute schon mit zwei Leuten und einer Tonne Plug-Ins hin? 95) Whitest Boy Alive – High On The Heels Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber “Rules” war irgendwie in sich geschlossener als “Dreams”. Deswegen ließ sich ein diesjähriges “Burning” etwas schwerer finden. Macht aber nix, die Halbwertszeit hat unter der Kohärenz nicht gelitten und “High On The Heels” ist ein Ohrwurm mit etwas Latenzzeit. Und das sind oft die Schönsten. 94) STL – Space Warriors Wieder eine dieser grandios spröden Endlosrillen von Stephan Laubner, dieses Mal aber mit einer fast schon extrovertierten Kulmination. Deutschland könnte so stolz sein, einen solch talentierten und unaufdringlichen Produzenten zu haben, aber damit das passiert, müsste STL vermutlich all das aufgeben, was ihn so unverzichtbar macht. 93) Guillaume & The Coutu Dumonts – Safety Meeting Wenn es darum geht simultan präzise auf die Kacke zu hauen und tief zu gehen, ist Guillaume und seine (nach wie vor fiktive?) Bande momentan ganz weit vorne dabei. “Safety Meeting” hat genügend Druck um auf keinem Tanzboden zu versagen, gleichzeitig aber wird hier mit ganz viel Seele und Inbrunst gegen jeden Funktionalitätsgedanken angegangen. So etwas wie “On My Way To Hell” Redux und das ist als Kompliment aufzufassen. 92) Rustie – Bad Science Von der Dubstep/Wonk/Glitch/Whatever-Society schon seit einer halben Ewigkeit gespielt, durfte sich auch Otto-Normal-Nerd Mitte des Jahres Rusties blubbernde Timbo-On-Crack-Hymne “Bad Science” auf die Teller legen. Und so albern ‘Aqua Crunk’ klingt, das trifft den Nagel hier schon auf den Kopf. 91) Precious System – The Voice From Planet Love Irgendwo zwischen Disco und House pendelt sich der leichtfüßige Groove von “The Voice From Planet Love” ein, bevor uns eine runtergepitchte Stimme ständig auf die nächsten Ausführungen darüber, was Jack als nächstes tun wird, warten lässt. Das tut sie aber nie, stattdessen wiederholt sie mantraartig einfach immer wieder 2 Zeilen: “This is the voice from Planet Love. Have no fear, we are your friends”. Auf dem Papier klingt das alles schwer klischeehaft, in den Ohren fügt sich das zu einem fast schon frappierend unpeinlichen State-Of-The-Art-Dokument zusammen. ********************************************************************
90) Flying Lotus – Disco Balls Fly Lo lässt sich eine Gerade 4 stehen, Jazz Jazz sein und brettert mit 109 BPM für seine Verhältnisse sogar relativ straight auf den (sophisticated) Tanzflur zu. Auch mal schön. 89) Rüfdug – Dirty Disco-Funk wie er in dieser Dringlichkeit nur über PPF erscheinen kann. Rüfdug aus Manchester lässt die Drums fast schon Afro-Beatig, wenngleich viel langsamer, galoppieren, fügt einige Samples, Synthies und Effekte hinzu, verzichtet komplett auf Cheesiness und erhält am Ende einen der kompromisslosesten Disco-Banger des Jahres. 88) Reggie Dokes – Dancefloor Spectacle Yes! Eine im Jazz verwurzelte House-Oper für die Kopfhörer und ganz verwegene Floors. Normalerweise ist für sowas nach wie vor Theo Parrish zuständig, die Art und Weise wie sein Landsmann hier aber afroamerikanische Kulturgeschichte verwaltet, dürfte auch den Priester stolz machen. 87) The Raveonettes – Breaking Into Cars Ich mag die. Immer noch. Und das ist der beste Song auf “In And Out Of Control”. Sag ich mal. 86) Walter Jones – Living Without Your Love Noch so ein Beweis, dafür, dass James Murphy immer den richtigen Riecher hat. Walter Jones aus Texas durfte zwei wunderbar kitschige und schwerelose Boogie-Nummern über DFA veröffentlichen, die perfekt die Brücke zwischen 1982 und 2009 schlagen. 85) Dance Area – AA/247 Erol Alkans Kommentar zu AA/247 trifft es ganz gut: „Ich wünschte ich könnte so etwas genial Einfaches produzieren.“ AA/247 ist demonstrativer Dilettantismus, aber auch ein Beweis, dafür, dass man nicht viel mehr braucht, als eine einprägsame Hook und schelmischen Druffi-Enthusiasmus um das Kapitel “New Rave“ adäquat – mit einem seeeehr lauten Knall – zu beenden. 84) Zomby – Godzilla Für mich das Highlight eines äußerst ertragreichen Zomby-Jahres, weil genau zwischen der Experimentierfreude seiner Hyperdub EP, der Skizzenhaftigkeit von “One Foot Ahead Of The Other” und den wieder etwas traditioneller strukturierten Maxis im Herbst und Winter. 83) Cottam – 2B In Sachen Edits wollte ich mich trotz oder gerade wegen des Überangebots dieses Jahr etwas zurückhalten, zumindest wenn der Edit aus nicht viel mehr als 12 Takte loopen und davor ein Drum-Intro ankleben besteht. Wenn aber einer wie Cottam mit seinen ersten drei Maxis gleich in die Spitzengruppe stürmt und auf Vinyl Numero Zwo ein dermaßen funky groovendes Fela Kuti-Rework auftischt, muss das hier gewürdigt werden. 82) Michel Cleis – La Mezcla Jaja, man konnte vom Ethno-Overkill dieses Jahr leicht genervt sein und so richtig gebraucht hat man “Trompeta Pt. 54,8” auch nicht wirklich. Einer aber hat es besser gemacht und den ganzen Cadenza/Sei Es Drum/Rhein-Main-Wahnsinn zwar nicht revolutioniert, aber immerhin so geschickt zu der Openair-Hymne des Jahres kanalisiert, dass man ihm nicht böse sein kann. Michel Cleis heißt der Mann, “La Mezcla” sein neuer Signature-Tune und bevor er völlig kaputt gespielt wurde, konnte er durchaus für magische Momente sorgen. Siehe auch Jamie Jones – “Summertime”. 81) Blakroc – Stay Off the Fucking Flowers Nach furiosem Start hat Blakroc, das Hip Hop Projekt der Black Keys, die Erwartungen vielleicht doch nicht ganz erfüllt. Was aber bleiben wird, ist diese großartige “Beauty & The Beat”-Reminiszenz mit einem etwas gelangweilten, aber doch lässig klingenden Raekwon in der Booth. Egal welche Blumen hier zum Einsatz kamen: nicht aufhören damit! ********************************************************************
80) Bruno Pronsato – The Make Up/The Break Up Während Minimal weiter vor sich hinkriselt, blüht Bruno Pronsato richtig auf und verwaltet das Erbe von Villalobos äußerst geschickt. Das hier hat mehr mit den frühen Experimental-Versuchen von Raymond Scott oder Steve Reich gemein als mit M_nus-Stumpfsinn. Ein fragiles, mehr als halbstündiges Epos, das seinen Höhepunkt erreicht, wenn Pronsato einem Niko-Sample extrem viel Platz einräumt. 79) Guido – Way U Make Me Feel Man muss nicht jede einzelne VÖ aus dem Purple Wow Sou-Umfeld um Joker, Ginz, Gemmy und Guido bedenkenlos abfeiern. Klar gibt es hier und dort kleine Redundanzen im schwülen 80s/R&B-Step-Korsett. Mindestens genau so oft greift das aber auch extrem gut ineinander, besonders wenn diese Plastikästhetik mit einer melancholischen Note verfeinert wird, wie auf “Way U Make Me Feel”. Pulsierende New-Age-Synths und Klavierpathos ergänzten sich selten so schön wie hier. 78) Jayson Brothers – All My Life Ich habe nach wie vor keine Ahnung, wer hinter den Jayson Brothers steckt, die Art und Weise wie hier musiziert wird, passt aber so dermaßen perfekt zu Danilo Plessows “Raw Cuts”-Reihe, dass das auch nicht weiter interessieren muss. Chord-verliebter House in bester Moodymann-Tradition, analog, warm, Sample-lastig, klassisch und mit einem Groovegespür gesegnet, wie es wenige haben. 77) Mono/Poly – Beatles Bitch Und noch so ein Newcomer aus der Wonk-Ecke. Mono/Poly lässt sich bei seinen Exkursionen aber eindeutig der School of Hard Knocks zuordnen, britische Rave-Kultur sucht man vergebens. Den extrem rauen Produktionen Slugabeds oder Debruits nicht unähnlich, gibt Mono/Poly seinen Synthies Saures, ohne den Fixpunkt Hip Hop je aus den Augen zu verlieren. 76) J Dilla & Black Thought – Reality Check Es ist schon seltsam, wenn ein Verstorbener von sich reklamieren kann, einer der wichtigsten Beatmaker des Jahres zu sein. James Yancey hat nicht nur mit dafür gesorgt, dass die Alben von Raekwon und DOOM als die Jahrgangsbesten der Hip Hop-Abschlussklasse 2009 in Erinnerung bleiben werden, er hat auch via Mutti und Pete Rock, mit “Jay Stay Paid” ein erfreulich pietätsvolles, posthumes Album zu verzeichnen. Auf “Reality Check” beweist Black Thought dann zum einen, warum die Chemie zwischen den Roots und Dilla so gut gepasst hat und zum anderen, dass man sich völlig verausgaben muss, um einem Jay Dee-Beat gerecht zu werden. Mitschreiben, ihr Myspace-Clowns! ********************************************************************——— 75-51——— 50-26——— 25-01——— Liste |




