Jesse Rose hasst Eintönigkeit. Er leitet gleich zwei Labels: die auf flurgerichteten Steilgeh-House spezialierte Instanz Made to Play und Front Room, ein eher technoid ausgerichteter Ableger. Die Verantwortung für Label Numero Drei, das eher zurückgelehnte Loungin’ Records, hat er mittlerweile einem guten Freund, Chris Belsey, übergeben. Warum veröffentlicht man denn bei einem solchen Überangebot sein Debütalbum über Dave Taylors (aka Switch) Bassline-Powerhouse Dubsided, Herr Rose?
“Nein, nein, ich habe Switch keinen Gefallen geschuldet. Das liegt eher daran, dass er ein so großartiger A&R ist und mir bei der Produktion fortwährend Feedback gibt.” Jenes Album mit dem kryptischen Titel “What do you do, if you don’t” sei mit seinem eher lockeren Zugang zu basslastiger House-Musik außerdem auf Dubsided bestens aufgehoben, jenem Label also, das den sogenannten Fidget House-Sound quasi im Alleingang definierte. Auf die Frage, ob er es mittlerweile bereue diesen, von ihm und Taylor aus einer Bierlaune heraus geprägten, Begriff für hyperaktiven House, der sich bei Speed Garage, Dubstep, Hip Hop, Dancehall, Acid und Techno gleichermaßen bedient, erfunden zu haben, entgegnet er: “Ich amüsiere mich eher, dass manche Leute diesen Begriff tatsächlich ernst nehmen, als Stigma empfinde ich ihn aber nicht. Ich habe mich ja schon immer auch in diesen Deep House Gefilden bewegt und versucht mich nicht auf einen Sound zu beschränken.” Das kann man wohl sagen. In Roses Oeuvre findet sich akzentuiert blubbernder Minimal House a la “Didn’t I” genau so wieder wie das ungemein pumpende Bläserinferno “Touch my Horn” oder sample-lastiger Blues Hop Marke “Well Now”. Mit Hot Chip und David E. Sugar hat er sich unlängst außerdem noch Intro-kompatible Vocalbeiträge geordert. Wie zu Beginn bemerkt: Eintönigkeit is for Dauerlutschers. Das Klischee, dass sich die deutsche Tanzmusik-Szene zu Ernst nähme und 4 × 4 Stumpfsinn jeglicher Abwechslung vorziehe, will der gebürtige Londoner und Nicht-Mehr-So-Ganz-Neu-Berliner aber nicht bestätigen: “Ich kann im Rahmen meiner Panoramabar-Residency mit Moodymann beginnen und mit einem Switch Remix aufhören. Ich kann dort spielen, was ich will und das Feedback ist großartig. Ich habe ja seit den Anfangstagen im Londoner Fabric gespielt mit Luciano, Villalobos, etc., also komme ich auch mit diesem eher klassischen House Publikum klar. Aber ich muss echt sagen, dass es eher so ist, dass Leute auf einen zukommen und sich bedanken, dass man sie auf diesen oder jenen Track aufmerksam gemacht hat.” Mit den traditionell wählerischen Türstehern der elektronischen Szene der Hauptstadt habe er als Partygast bisher kaum Probleme gehabt, außer, ja außer, die Dubsided-Rasselbande kommt auf Stippvisite vorbei und macht ihrem Ruf alle Ehre. Auf die Frage, ob er denn auch des Öfteren morgens um 6 einen brabbelnden Switch auf dem Anrufbeantworter habe, im Stile des legendären Pramface-Anrufes, den Boy 8 Bit dann zu einem Track verarbeitete, gibt er zu Protokoll meistens direkt ranzugehen. Ach und in Wirklichkeit sei Trevor Loveys (noch so ein Bassline-Pionier aus der verregneten Stadt an der Themse) der wahre “king of late night drunk calling”. Nach kurzem Fachsimpeln über die Kunst eines gelungenen Warm-Up Sets und der obligatorischen Frage, was denn als nächstes zu erwarten sei (u.a. ein vielversprechendes Live-Projekt mit Maestro Henrik Schwarz unter dem Namen Black Rose und eine neue Induceve Maxi mit Switch), entdecke ich noch den Kerner in mir und frage ihn nach seiner liebsten deutschen Redewendung (“Das ist gar nix”) und ob er sich von Steven Gerrard auch nicht vorschreiben lassen würde, was er zu spielen habe. Mit einem herzlichen “Fuck No” endet also ein Gespräch mit einem Tanzflurspezialisten, der ein wahres Paradebeispiel der wunderbar undogmatischen englischen Art ist. Text & Interview: Florian Aigner |

