The Alchemist als Grenzgänger zu bezeichnen, kommt einer Untertreibung nahe. Wie kaum ein Zweiter wandelt der, vornehmlich als Produzent bekannte Künstler, zwischen den Extremen. Auf der einen Seite genoss Daniel Alan Maman, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, zunächst eine behütete Kindheit in gut situierten Verhältnissen im reichen L.A.-Vorort Beverly Hills und brachte als 15-jähriger einen Plattenvertrag über 150.000 US-Dollar nach Hause. Heute erhält er für Auftragsarbeiten Schecks von Lil Wayne und tourt als offizieller DJ an der Seite von Eminem und dem Shady Camp durch die Vereinigten Staaten. Das Alles klingt nach big business, Schampus und Bussi-Bussi mit Paris Hilton und Co. Wären da nicht die ersten Gehversuche im Game als Protegé von DJ Muggs, die anschließenden Hood-Ausflüge mit Infamous Mobb und Mobb Deep oder jüngst die Europatournee mit den Rucksack-Helden Dilated Peoples.
Backpacker und Trapper Bereits auf »1st Infantry«, seinem Debütalbum aus dem Jahr 2005, vereinte Alchemist Backpacker und Trapper. Auf dem Sequel »Chemical Warfare«, das in Kürze erscheint, gibt es ähnliche Künstlerkonstellationen. »Vertreten sind die üblichen Verdächtigen, aber auch Rapper die man nicht erwartet hätte. Underground Cats wie Dilated Peoples oder Kool G Rap und einige Leute, die ich auf dem letzten Album nicht drauf hatte, wie zum Beispiel Snoop Dogg, Three 6 Mafia oder Fabolous. Ich finde es Klasse, Oh No direkt nach einem Lil Wayne-Song zu featuren. Das ist einmalig.« »Chemical Warfare« soll düsterer als sein Vorgänger klingen, »es reflektiert mein Leben und es geht mehr um mich.« Nachdem es bereits seit über zwei Jahren angekündigt und in schöner Regelmäßigkeit verschoben wurde, ist der ursprüngliche Termin nun auf Anfang 2009 angesetzt, mir »The Alchemist Cookbook« ist im November bereits eine »digital only«-EP erschienen, wobei die einzelnen Elemente des Songs wie in einem Kochbuch aufgeschlüsselt wurden. Liebe zum Detail soll ebenso in das Artwork von »Chemical Warfare« gesteckt werden. Inspiriert vom Streetart-König Banksy wird die Promokampagne, als auch das Layout zum Album eine Art Tribut an Banksy sein. »Sein Buch hat mich mehrere Tage in den Bann gezogen und seine Kunst ist enorm inspirierend für mich.« Zur Zeit ist The Alchemist mit den Arbeiten am zweiten Longplayer fast fertig. »Vielleicht bekomme ich die Beastie Boys dazu, einen Track mit mir aufzunehmen«, witzelt The Alchemist, schließlich war »Licensed To Ill« das Album, das den jungen Daniel Alan Maman selbst zum Rappen animierte. »Für mich ist Rappen eher eine Spaß-Sache, bei der ich experimentieren kann. Ich gehe mit meinen Beats hart ins Gericht. Dort darf ich mir keinen Fehltritt leisten.« Langjährige Sympathisanten unterstellen ihm jedoch gerade bei seinen jüngsten Produktionen eine gewisse Geschmacksverirrung, da sich seine einstigen Soulgranaten mehr und mehr zu unterkühlten Synthiehits mit deutlichem 1980er-Jahre-Einschlag entwickeln. »Ich liebe es wenn die Fans sagen: ›Hey, er samplet nicht mehr, wir wollen unseren 2000er Alchemist zurück.‹ Ähnlich wie Eltern, die wünschen, dass Ihre Kinder immer klein und süß bleiben. Musik reflektiert nun mal auch die Welt und die Moden, die angesagt ist. Mein Leben, meine Stimmungen sowie die Welt um mich herum spiegelt sich immer in meiner Musik wieder. Ehrlich gesagt, spornen mich Kritik und negative Reaktionen der Fans enorm an. Ich mache die beste Musik, wenn man mich disst.« Geheimprojekte und FBI Agenten Noch in diesem Jahr plant der zwischen Los Angeles und New York pendelnde Produzent die Veröffentlichung eines weiteren hoch interessanten Projektes: »Gangrene« wird das Album mit Oh No heißen. »Wir haben uns bei einem gemeinsamen Gig kennen gelernt, Backstage enorm viel Gras geraucht und aus einer Laune heraus beschlossen, etwas zusammen zu veröffentlichen. Er hat mir dann im Anschluss sofort einen Beat geschickt, den ich enorm gut fand. Dann schickte er mir einen Song mit einem Rap-Part, auf dem er mich zum reimen aufforderte. Ich dachte ›wow‹ und habe auch einen Part darauf gekickt. Noch in derselben Nacht habe ich einen Beat gebaut und Oh No geschickt. Auf diesem Projekt werdet ihr Songs hören, von denen ihr nicht denken würdet, sie seien von Alchemist. Wir haben uns einfach in der Mitte unserer Styles getroffen. Es wird voraussichtlich noch in diesem Jahr erscheinen.« Ein erster etwas obskurer Teaser geistert bereits seit geraumer Zeit durchs Netz, für den leidenschaftlichen Blogger eine Freude: »Es fasziniert mich ungemein, dass ich in New York einen Song ins Netz stellen kann, der gleichzeitig von Leuten in der Slowakei oder Helsinki heruntergeladen und angehört werden kann. Als Künstler denke ich sogar, dass ich außerhalb der Staaten mehr Anerkennung und Liebe von den Fans erfahre.« Apropos Internet: Das in einem Onlineinterview geäußerte Gerücht, dass Prodigy ihn jahrelang für einen Undercover-FBI-Agenten hielt, möchte The Alchemist zum Abschluss endlich aus der Welt schaffen: »Ehrlich gesagt habe ich das damals scherzhaft in einem Interview gesagt, als wir über Prodigys Paranoia sprachen. Das war schlichtweg ein Joke, den wir damals hatten. Doch der Typ, der das Interview führte, hat das tatsächlich geschrieben. Es ist abgefahren, was die Leute alles glauben.« Text + Interview: BENJAMIN MÄCHLER |

