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Yo! Majesty

»Sonic Hip Hop«

Yo Majesty aus Tampa, Florida sind die weibliche Reinkarnation der 2 Live Crew. Und noch besser, sie kommt in Form einer Gay-Group, die aus ihrem »Life-Style« kein Geheimnis macht. Das ist im Jahre 2008 leider fast eine Revolution, denn auf Wegbereiter können sie kaum zurückblicken. In Tampa sieht man noch nicht mal Männer oder Frauen die unter sich Händchenhalten. Dafür sieht man seltsame Typen, die in der größten Hitze mit Lederjacken rumlaufen, wie ihren Produzenten David von Hard Feelings UK. David und Richard verdanken sie ihr elektronisches Outfit, das den Tampa-Bass-Sound mit englischen Dancefloor- Stilblüten verbindet. Mit den Raps von Shanda K und den mal gesungenen, mal gesprochenen Vocals von Jwl. B ergibt das einen Stil, der neben Baile Funk oder Baltimore Club im Vormarsch Richtung Tanzfläche ist: Sonic Hip Hop.

Im Jahr 2006 konnten die beiden durch den Release der EP »Yo« und einer größeren Tour auf sich aufmerksam machen. Seitdem waren sie in Tampa im amerikanischen Bundesstaat Florida viel im Studio und haben mit Hard Feelings UK die Vinyl EP »Kryptonite Pussy« speziell für den Club geschraubt, die im Juli erschienen ist. Gleichzeitig haben die undogmatischen Jungs und Mädels von Yo! Majesty an einem Album gefeilt, das im September rauskommt. Und ich freue mich schon auf viele Gesichter, wenn Jwl. B auf der Bühne ihr T-Shirt auszieht:

»Ach das ist nicht so ›shocking‹«, erklärt Jwl. B. »Das Publikum begreift schnell, dass es hier um Freiheit geht. Ich bin eine starke schwarze Frau und wenn ich mein T-Shirt ausziehen will, dann mache ich das eben. Bei uns geht es in erster Linie darum, man selbst zu sein, und nicht darum, ob man Mann oder Frau ist. Wir sind alle Menschen. Yo! Majesty steht für Gleichheit, nicht Unterschiede. Ich will auch nicht darüber nachdenken müssen, ob ich das als Frau darf oder nicht. Soll
ich mich stattdessen für meinen Körper schämen oder dafür eine Frau zu sein? Ich liebe es eine Frau zu sein!«

Der royale Name Yo! Majesty bedeutet für Jwl. B vor allem ohne Angst zu sein. Straight sein und keine Angst davor haben, sein Inneres nach außen zu tragen.

»Es ist doch lustig, was die Leute so über uns denken«, sagt sie, »nur empfinden
wir das meistens ganz anders. Ich fühle mich gut und habe keine Probleme damit eine Frau zu sein. Ich möchte kein Mann, female Macho oder female Pimp sein. Ich stecke gern in meiner Haut. Die Leute kommen mit den lustigsten und bizarrsten Ausdrücken und Definitionen. Aber wir sind einfach nur Frauen. Ich muss darüber immer lachen. Das liegt weit hinter dem, was wir denken oder fühlen. In Florida gibt es in der Gay Szene natürlich auch diese Frauen, die wie Männer sind und die Frauen die eher die typischen Frauen sind und man kann zwischen diesen Rollen nicht einfach so wechseln, da gibt es Regeln und so. Schrecklich! Wenn wir rumreisen und andere Gender Communities kennen lernen, denken wir jedes Mal, wie zurückgeblieben Florida diesbezüglich ist. Ich liebe meine Sonnenbrille, meine weiten Jeans und meine Sneakers, und dennoch bin ich immer noch eine Frau. Also was sollen diese Schubladen?!«

Sex ist ein wichtiges Thema bei Yo! Majesty. Nicht nur weil AIDS in Afrika und in der Gay-Community ein brennendes Problem ist, zu deren Besserung sie beitragen
wollen. Sex ist vor allem ein wichtiges Thema, weil es für alle Beteiligten, aber besonders für Jwl. B, alles andere als frei, offen oder akzeptiert in ihrem Leben war.
Vor etwa sieben Jahren starteten Shon B und Shunda K. Yo! Majesty, damals hießen sie noch Yeah Majesty. Um Knebelverträgen zu entfliehen, entschied man sich später für eine Namensänderung. Durch gemeinsame Freunde wurden Shunda K und Shon B auf die Gesangskünste von Jwl. B aufmerksam und es kam zu einem Treffen, an dem die damals noch schüchterne Jwl. B, die eine streng christliche Erziehung genossen hatte, in einem Gay-Club in Tempa, die Hook von »Amazing
Grace« singen sollte. Nach der folgenden Probe war klar: Jwl. B muss mitmachen! Vor zwei Jahren verließ Shon. B die Band, um eine Solokarriere zu verfolgen. Nun zu zweit, aber mit den Produzenten von Hard Feelings UK im Rücken drängen Yo! Majesty in die Öffentlichkeit, um unsere fest gerosteten Vorstellungen und Werte zu hinterfragen. Yo! Majesty kommt mit interessanten Ansichten, zum Beispiel über den Terminus ›Bitch‹.

Jwl B: »An mir geht dieses ›Bitch-gerappe‹ immer vorbei. Ich fühle mich nicht angegriffen, denn ein Mann kann genauso eine Bitch sein, und meistens geht es eher um andere Männer, wenn das Wort fällt. Das hat damit zu tun, dass so viele geldgeile Möchtegerns jeglichen Geschlechts im Musikgeschäft sind. Das merken auch die Rapper. Sie wollen sich von denen abgrenzen, die sich verkaufen. Oft geht es hier um eine menschliche Eigenschaft, nämlich jene käuflich zu sein.
Mir geht es nicht um Geld, also fühle ich mich auch nicht angesprochen. Es gibt offensichtlich viele unterschiedliche Gründe für eine Verwendung des Wortes ›Bitch‹, und rein zufällig verkauft sich das auch noch gut. Hinter geschlossenen Türen weinen doch eh die meisten dieser harten Jungs an der Schulter ihrer Freundin«.

Während des Interviews trägt sie, wie so oft, eine große pechschwarze Sonnenbrille, die verhindern soll, dass man in ihre Seele schauen kann. Diese erweist sich insofern als hilfreich, als das Interview eine emotionale Wendung nimmt. Wir reden über ihre Familie. Sie wuchs bei ihrer christlichen Großmutter auf, denn ihre Eltern waren früh gestorben. Seit Jwl. B drei Jahre alt war, sang sie, vor allem in der Kirche:

»Ich habe viele Jahre in Gospel-Chören gesungen, bis sie herausfanden, dass ich gay bin und mir das genommen haben. Mit Yo! Majesty wollen wir uns von all dem befreien. Wir denken nicht in biologischen, politischen oder sozialen Bewertungen. Ich respektiere meine Großmutter und sie glaubt nicht an meinen Lebensstil. Doch sie liebt ihr Enkelkind. Im Laufe der Jahre habe ich ihr beigebracht mich zu lieben, so wie Gott mich gemacht hat. Jeder ist anders und das ist gut so. Sie weiß zwar, dass ich gay bin, aber ich thematisiere es nicht und spiele ihr auch nicht meine Musik vor. Einfach aus Respekt.«

Während Jwl. B erzählt, kämpft sich eine Träne unter ihrer Brille hervor. Was Jwl. B seitdem für sich erreicht hat, übersteigt nicht nur das Fassungsvermögen ihrer Großmutter. Leider wird sie es wohl nicht miterleben, wenn ihre Enkelin, neuerdings auch rappenderweise, auf der Bühne steht und ihr Shirt auszieht, um Euphorie und Körpertemperatur gerecht zu werden. Ihr Albumtitel »Futuristically Speaking… Never Be Afraid« war und ist ein hoch wirksames Mantra für Jwl. B. Da ist es doch wünschenswert, dass es bald Jungs und Mädchen geben wird, die sich hiervon inspiriert fühlen und es gleich heute richtig lernen.

Text + Interview: BIANCA LUDEWIG

Foto: Tim Saccenti

Yo! Majesty im HHV-Shop