Manchester, huh? Wie treffend, dass das Fundament für das, was uns 2006 Weisheiten wie “If I had the money to go to a record store I would, I-I-I-I would” vor den Latz knallte, im Mekka der britischen Rave-Kultur der späten 80er Jahre gelegt wurde. Dort nämlich treffen die aus Kent stammenden Jas Shaw und Alex MacNaughton den Philosophiestudenten Simon Lord und James Ford – den Typen also, der sich anschicken würde halb England (Arctic Monkeys, Klaxons, Mystery Jets, The Last Shadow Puppets, etc.) zu produzieren. Statt 808-Geklacker und Happy Mondays Hurra-Pop wird man sich jedoch recht schnell bewusst, die gemeinsame Punk-Sozialisation in vielschichtiges Indie-Songwritertum übersetzen zu wollen. Für den Bandnamen begnügt man sich mit dem seltsamen Adjektiv ’simian’ (~“affenartig“). Die beiden Alben „Chemistry is what we are“ (2001) und „We are your friends“ (2002) werden wohlwollend aufgenommen, aber es sind primär nachdenkliche Literaturwissenschaftsmagister und alternde Feuilletonisten, die sich angesichts fragiler Melodien und kompositorischer Raffinesse beömmeln. Simian und Mainfloor sind noch vor 6 Jahren Binäroppositionen.
Dies ändert sich als ihre Plattenfirma Source 2002 um eine B-Seite für die Leadsingle „We are your friends“ bittet. “Wir hatten aber keine und entschlossen uns kurzerhand selbst einen Remix zu machen. Und weil ihr wir dachten, es sei wahnsinnig komisch, diesen Remix nicht einfach nur mit ’Simian’ zu unterschreiben, sondern noch den Zusatz ’Mobile Disco’ anzuhängen, wurde diese 7 Inch quasi zur offiziellen Geburtsstunde von Simian Mobile Disco.“ (Weil hier nicht jeder Englisch-Leistungskurs hatte, sollte man in diesem Zusammenhang anmerken, dass eine Mobile Disco das englische Äquivalent zu dem Typen ist, der dich auf der Hochzeit deiner Großtante auffordert, lauter „Herzilein“ zu brüllen). Inmitten der ersten Hype-Welle um „We are your friends“ lösen sich Simian 2005, nach einer anstrengenden Tour durch die Staaten, auf. Shaw und Ford haben unterdessen bereits großen Gefallen an der Idee gefunden, die Band in abgespeckter Form als Simian Mobile Disco weiterzuführen, auch wenn sich Ford beeilt hinzuzufügen, dass er diese Interpretation den alten Kollegen gegenüber anmaßend fände. „Wir verwalten nicht die Überreste von Simian, im Gegenteil. Simian Mobile Disco ist einfach das Produkt meiner und Jas’ DJ-Tätigkeit. Wenn wir diesen dämlichen Namen nicht bereits vorher benutzt hätten, hätten wir uns für unser Nachfolgeprojekt einen neuen gesucht.“ In der Tat hat dieser elektronische Bastard zwischen Tech House, Hip Hop, Psych-Rock, Synth-Pop und Trancegrausamkeiten mit der ursprünglichen Simian-Formel kaum noch etwas gemein. Gitarren raus, Synthies rein, hallo 110 BPM, ade Handarbeit. Auch die ehemalige Stimme von Simian, Simon Lord hat genug von analogem Indierock und gründet einige Zeit später mit Ex-Wiseguy DJ Touché die Indie-Dance Combo The Black Ghosts. Und weil wir hier nicht bei Tic Tac Toe und Männerfreundschaften stabil sind, liefert Lord auch gleich noch die infektiösen Gesangsspuren für einen weiteren Riesenhit des, fast gleichzeitig mit den Alben der anderen Don’t-call-it-Nu-Rave-Institutionen Justice und Digitalism erschienenen, Simian Mobile Disco Debütalbums „Attack Decay Sustain Release“ (benannt nach der Synthesizer-Komponente ADSR, nähere Infos beim Wiki-Eintrag deines Vertrauens). Die Rede ist von der wunderschön angecheesten Euro-Dance-Ballade „I believe“, neben dem Lesbovideo-Klassiker „Hustler“ und Ninjas energischer „It’s the beat“-Ansage der dritte ganz große Hit auf ihrem, in den Staaten sogar über den Riesen Interscope erschienen, ersten Album. Dass jenes Machwerk schon in seiner ursprünglichen Form für seine Vielschichtigkeit gefeiert wurde und unter anderem solch großartige Neubearbeitungen wie Jesse Roses „Hustler“-, Siriusmos „It’s the beat“- oder Switchs „I believe“-Remix hervorgebracht hat, scheint den beiden, eher an Privatdozenten denn Neon-Raver erinnernden, Herren noch nicht genug zu sein. Die gesamte Platte sollte neu interpretiert werden und dies ausschließlich von Produzenten, denen Shaw und Ford vertrauen. _„Wir hatten für “Attack Decay Sustain Release“ den Anspruch ein Album im klassischen Sinne zu machen, an Stelle einer bloßen Ansammlung von Club Tracks. Kurz, mit Spannungsbögen und einem weirden, beatlosen Ende wie “Scott“.“ Kein Wunder also, dass sich dieser Zugang auch bei “Sample & Hold”, der Anfang August erschienenen Remixplatte, erkennen lässt. Die Songreihenfolge wurde beibehalten, das musikalische Spektrum ist noch breiter geworden, ohne dass “Sample & Hold“ an typischen Compilation-Kinderkrankheiten leiden würde. Der massive Tech House von Simon Baker schließt Pinchs vor sich her stolperndes Dubgeblubber nicht aus, das DFA Nachwuchstalent Shit Robot besteht neben Legenden wie den Silver Apples und die Invisible Conga People zeigen, dass „I got this down“ nach Glass Candy und Todd Terje klingen kann, ohne zu penetrant auf den aktuellen Balearen/Italo/Space Disco-Hype zu schielen. Dass es fast allen Beteiligten gelingt, Qualitätsarbeit abzuliefern, ist umso bemerkenswerter, wenn man über Fords Erkenntnis nachdenkt, dass es viel, viel einfacher sei, schlechte Songs zu remixen, weil man bei guten immer befürchte, diese zu ruinieren. Casten kann die Affendisco also auch noch. Text: FLORIAN AIGNER Simian Mobile Disco im HHV-Shop |

