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Snowgoons

»Think negative, act positive«

DJ Illegal ist der Backbone der Snowgoons, die als Produktionsteam seit 1998 aktiv sind. Damals haben Det und Illegal mit Pal One, Curse oder den Stiebers zusammengearbeitet. Aber gegen 2000, als die deutsche Szene zusammengebrochen ist, sind auch sie mit unter die Räder gekommen. Erst ab 2002 wurde man durch ihre Kollaborationen mit US-Rappern wieder auf sie aufmerksam. Denn genervt von der negativ gemeinten Kritik deutscher Rapper, die lamentierten sie klängen zu ami-mäßig, machten sie aus der Not eine Tugend und orientierten sich Richtung USA. Mit Erfolg, denn ein Plattenvertrag bei Babygrande und somit Präsenz auf dem amerikanischen und deutschen Musikmarkt waren die Folge. Im Mai erscheint das zweite Snowgoons Album »Black Snow«, das wieder ein Who-is-Who der US-Independet-Rapper bieten wird.

Illegal hat seit Ewigkeiten mit Musik zu tun. Er ist wie die meisten Produzenten auch DJ, unterrichtete an der Vestax School, hatte einen Plattenladen, organisierte Veranstaltungen und arbeitet als Tourmanager. Dadurch entstanden viele Kontakte in die USA. Bei den Snowgoons ist die US-Connection natürlich gewachsen, im Gegensatz zu viele deutschen Rappern, die für teures Geld amerikanische Beats kaufen. Vor allem läuft es bei den Snowgoons anders als bei vielen deutschen Produzenten mit US-Affinität. Die hoffen darauf durch ihre USA-Affären eines Tages amerikanische Preise für ihre Beatz zu bekommen, wofür sie sich oft bereitwillig zum Stars-and-Stripes-Hampelmann machen. Die Snowgoons sind normal geblieben, was sich im Klang ihrer Beats positiv bemerkbar macht. Ihr Diamant aus dem vergangenen Jahr, »German Lugers«, an dem sie fünf Jahre lang nebenher geschliffen haben, ist ein reines Lowbudget-Projekt. Beats gegen Vocals und nur Face2Face-Recordings, lautet ihre Philosophie. Was auch erklärt, warum ihr Stein vielmehr strahlt als das verkrampfte Bling-Bling vieler deutscher Produzenten und Rapper die nach amerikanischen Rezepten kochen. Inzwischen sind die Snowgoons ein vierköpfiges und generationsübergreifendes Team geworden, verstärkt durch den jungen DJ Waxwork, der inzwischen auch produziert und Torben der sich um Webdesign und Organisatorisches kümmert. Sogar Kollabos mit Deutschen Rappern scheinen heute wieder im Bereich des Möglichen. So entstand kürzlich ein Track mit RA the Rugged Man, Dra-Q und Pal One. Illegal mag diese gemischten Projekte, aber er hatte sie sich abgewöhnt: »Man sollte diese Kollaborationen mit verschiedenen Sprachen eigentlich begrüßen, weil es Kulturkreise verbindet. Aber wir haben gemerkt, dass es zu schwierig für die Leute ist. Weder die einen noch die anderen nehmen diese Tracks wirklich ernst«. So blieb man bei den Rappern der Vereinigten Staaten.

Goons sind im US-Slang bezahlte Schläger. Der Ausdruck Snowgoons stammt wiederum aus einem amerikanischen Comic, den Produzent Det mit Vorliebe liest: es sind doppelköpfige Schneemonster. Was um vier Ecken gedacht sehr gut für zwei weiße Produzenten in den USA passt. Die Snowgoons gehen geregelten Jobs nach, einzig Illegal lebt 24-7 mit Musik, hustled so wie er es schon vor zehn Jahren gemacht hat. Denn Geld ist nicht der Motor der Illegal und seine Kollegen am Laufen hält, vielmehr ist es ein Idealismus: »Wir machen das nicht, um alle in fünf Jahren Mercedes zu fahren, sondern es ist nach wie vor das Kindisch-Naive das uns antreibt und solange es Spaß macht, machen wir weiter. Egal ob Geld reinkommt oder nicht«. Obwohl »German Lugers« ein sehr homogenes Album geworden ist, meint Illegal, dass es einen bestimmten Snowgoons-Sound nicht gäbe: »Wir wollten nur bewusst einen roten Faden in unserem Material finden und aufzeigen, eben keine Kreuz-und-Quer-Compilation auf den Markt schmeißen. Wir lassen uns einfach von unseren Samples leiten und es ist uns wichtig, dass unsere Beatz zu den Vocals passen. Die Künstler haben sich ihre Beatz selbst ausgesucht.« Alle paar Wochen treffen sich die Snowgoons zum Session-Weekend, wo sie sich zusammen setzten und an ihren Beatgerüsten basteln. So entstanden fast alle Beats als Gemeinschaftsarbeit: »Das ist ein dynamischer Prozess der wirklich wunderbar funktioniert«, erklärt Illegal mit leuchtenden Augen. Offenbar haben die Snowgoons die Kunst als brotlos akzeptiert und es ist schön mal kein Gejammer zu hören. Obwohl DJ Illegal nicht hunderprozentig mit der Entwicklung im Business einverstanden ist, scheint ihm bewusst, dass sich die Zeiten ändern und dass die Ursachen für die zurückgehenden Verkaufszahlen vielfältig sind. Nicht nur die illegalen Downloader sind schuld. So ist die Technik einfacher geworden und jeder kann heute laut Illegal mit einem Labtop Musik machen: »Früher war alles viel teurer und aufwendiger. Heute kennt ja jeder irgendwen der selber Musik macht. Es sind einfach viel mehr Akteure geworden. Gerade wenn man sich den Myspace- oder Itunes-Bereich anschaut.«

Illegal gehört zur den scheinbar immer seltener werdenden Menschen, die ein vergleichsweise einfaches Leben führen und damit zufrieden sind. Er genießt sein Leben, trotz der Downs – die er auch nicht missen möchte, denn sie gehören dazu. Seine Musik gibt ihm dafür die Möglichkeit all das auszudrücken und zu verarbeiten. Trotzdem Leben wir fortwährend in Widersprüchen, das weiß auch DJ Illegal: »Man fragt sich als einzelner ja ständig: Was kann ich ändern? Und man kann leider fast gar nichts ändern, außer bei sich selbst. Ich bemerke das häufig bei den Künstlern: ihre Egos sorgen dafür, dass sie sich selber unglaublich viel Stress produzieren, was gar nicht nötig wäre. Ich glaube, dass alles was wir brauchen schon da ist, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist.« Obacht der weisen Worte, deshalb gibt es von DJ Illegal weder Ratschläge noch Beschwerden. Trotzdem ist eine gewisse Darkness und Melancholie in ihrer Musik unverkennbar, was auch viele ihrer gewählten MCs durch ihre Texte widerspiegeln: »Ich glaube wir sind kurz vor dem Weltuntergang, aber keiner will es wahrhaben. Das ist ein Problem! Ich habe eine Tochter und deshalb mache auch ich mir Gedanken über die Zukunft. Aber man kann nur versuchen ehrlich und auf dem rechten Weg zu bleiben. Denn wir können nichts ändern. Auf globaler Basis ist der eigene Wirkungskreis irrelevant«. Think negative act positive könnte man die Devise von DJ Illegal deshalb zusammenfassen. Und in Musik verwandelt klingt diese Haltung ganz wunderbar. Bei »Black Snow« ist mit einem höheren Niveau der Klangqualität zu rechnen, da man sich die technische Entwicklung zu nutze gemacht hat und die Snowgoons ihre Produktions- und Arbeitsweise weiter optimierten. Und das Line Up wird bei Independent-Fans für Herzklopfen sorgen: Ill Bill, Defari, Killah Priest, Smif n Wessun, Jedi Mind Tricks oder RA the Rugged Man werden dabei sein.

TEXT + INTERVIEW: BIANCA LUDEWIG

FOTO: OLIVER BERNARDT

Snowgoons im HHV-Shop