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»Guilty Until Proven Innocent«
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Aus seinen Features kann man eine iTunes-Playlist zusammenbasteln, die den Großteil der aktuellen Mixtapes sogenannter Untergrundhoffnungen mit einem Schlag zerbombt. Vor vier Jahren auf dem Jaylib-Album erstmals in Erscheinung getreten, machte sich der Mann mit dem voluminösen Organ einen Namen als Teil der Detroiter Rapszene um Slum Village, B.R. Gunna und vor allem den verstorbenen J Dilla, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Durch Gastauftritte bei Detroiter Künstlern wie Dabrye, Black Milk, Phat Kat und Dilla konnte er einen kleinen Hype aufbauen, und als er im letzten Jahr das Signing bei Stones Throw bekannt gab, fügten sich die Mosaiksteinchen zu einem passenden Bild zusammen – Guilty Simpson ist das fehlende Bindeglied zwischen Edelbackpackern und Straßenhustlern, zwischen Nerd-Talk und Hood-Slang, zwischen schräger Electro-Psychedelia von Four Tet und harten Boombap-Bangern von Nick Speed. Wir sprachen mit dem Mann über sein kommendes Debütalbum und die Detroiter HipHop-Szene.
Guilty, du warst bereits auf den Alben von Jaylib und den beiden „Chrome Children“-Samplern mit Features vertreten. Wie ist es nun dazu gekommen, dass du bei Stones Throw unterschrieben hast?
Guilty Simpson: Peanutbutter Wolf und ich standen über Dilla in konstantem Kontakt, und ich spielte schon lange mit dem Gedanken, mein Debütalbum auf seinem Label zu veröffentlichen. Im April letzten Jahres, nachdem Dilla verstorben war, wurde es dann ernst. Ich trat in Verhandlungen mit den Leuten beim Label,
Wie passt dein Sound, der insgesamt eher straßenorientiert ist, zum Nerdlabel Stones Throw?
Guilty Simpson: Sie wussten, worauf sie sich einließen, als sie ein Tier wie mich unter Vertrag nahmen (lacht). Deshalb lassen sie mich einfach meine Musik machen, sie wollen mich nicht verändern oder in eine bestimmte Richtung drängen. Auch legen sie Wert auf Qualität, nicht auf Image und geklonte Musik, wie sie im Radio läuft. Aber ich bin in meinem Geschmack auch gar nicht so weit weg von dem Sound, den Stones Throw normalerweise veröffentlicht. Gut, das ist vielleicht kein Ghetto-Shit, aber es ist echter HipHop. Ich sehe daher eher den positiven Effekt: Vielleicht hören jetzt gewisse Leute meine Musik, die sonst damit eher nicht in Kontakt gekommen wären. Ich vertraue Stones Throw, dass sie meine Musik zum richtigen Publikum bringen werden.
Gib uns ein paar Informationen zu deinem kommenden Debütalbum.
Guilty Simpson: Das Album ist fertig, Stones Throw muss nur noch ein Release-Date finden. Als ich mit Dilla daran arbeitete, hatten wir den Titel „The Verdict“ im Kopf, aber mittlerweile neige ich dazu, es einfach „Guilty Simpson“ zu nennen. Ich habe Features von Pharoahe Monch, Kon Artis und Kuniva von D-12 drauf, die Beats kommen von J Dilla, Black Milk, Mr. Porter, Madlib, Oh No… Vielleicht mache ich auch noch einen Song mit Sean Price, denn ich arbeite mit ihm gerade auch an einem Collabo-Album. Jetzt konzentriere ich mich aber erst mal auf mein Soloalbum, parallel arbeite ich auch schon an einem Album mit den Almighty Dreadnaughtz und an einem weiteren Gruppenprojekt, das von meinem Kumpel Trick-Trick initiiert wurde.
Welche Funktion nimmt Denaun Porter dabei ein?
Guilty Simpson: Das Album ist fertig, Stones Throw muss nur noch ein Release-Date finden. Als ich mit Dilla daran arbeitete, hatten wir den Titel „The Verdict“ im Kopf, aber mittlerweile neige ich dazu, es einfach „Guilty Simpson“ zu nennen. Ich habe Features von Pharoahe Monch, Kon Artis und Kuniva von D-12 drauf, die Beats kommen von J Dilla, Black Milk, Mr. Porter, Madlib, Oh No… Vielleicht mache ich auch noch einen Song mit Sean Price, denn ich arbeite mit ihm gerade auch an einem Collabo-Album. Jetzt konzentriere ich mich aber erst mal auf mein Soloalbum, parallel arbeite ich auch schon an einem Album mit den Almighty Dreadnaughtz und an einem weiteren Gruppenprojekt, das von meinem Kumpel Trick-Trick initiiert wurde. Er ist der Executive Producer, genau wie beim neuen Album von Pharoahe Monch [„Desire“, Anm. d. Verf.]. Ich kenne ihn schon seit sieben oder acht Jahren, wir sind sehr enge Freunde. Der Mann ist ein unglaublicher Produzent, und er hat von Dilla gelernt. Dilla hat ihm beigebracht, wie man eine MPC benutzt, allerdings hat er längst seinen eigenen Sound gefunden. Eine Zeitlang hat er mit Dilla und mir an einem gemeinsamen Album gearbeitet – das Material wird nach meinem Debüt vielleicht noch erscheinen, mal sehen.
Welches sind die Themengebiete, die du auf deinem Album ansprichst?
Guilty Simpson: Es geht um Geschichten aus dem echten Leben –Stress im Ghetto, Stress in Beziehungen, so was eben. Natürlich gibt es auch ein paar Tracks ohne Inhalt, wo ich mich einfach gehen lasse. Bei Open-Mic-Battles gibt es ja letztlich nur ein einziges Thema: Ich bin fresh, und die anderen sind es eben nicht. Durch diese Art Rhymes habe ich mir auch einen Namen gemacht. Aber ich habe viel mehr anzubieten. Ich benutze Metaphern und Skills nur noch, um die Aufmerksamkeit des Hörers zu erlangen, und dann erzähle ich ihm Geschichten. Eine gute Metapher hat der Hörer nach ein paar Monaten nämlich vergessen, aber wenn du etwas sagst, womit du sein Herz berührst oder etwas, wozu er sich selbst in Beziehung setzen kann, dann wird er sich daran noch lange erinnern. Ach ja, und ein wichtiges Thema auf meinem Album sind auch noch die zwielichtigen Polizisten. Es ist mir stets wichtig eins klarzustellen: Fick die Polizei.
In deinem Song “Clap Your Hands” gibt es diese Line: “Even though moms raised me right / rap shit saved my life“.
Guilty Simpson: Meine Mutter war alleinerziehend. Ich muss ihr Props dafür geben, dass sie mich so gut erzogen hat, wie es ihr möglich war. Sie hat keine Schuld an meiner Entwicklung. Ich war ein wilder Jugendlicher, hing auf der Straße herum und geriet in Schlägereien. Weißt du, in Detroit ist es immer einfacher, die falschen Dinge zu tun als die richtigen. Ich hatte Glück, dass HipHop mich davon abhielt, ernsthaft in die kriminelle Schiene abzurutschen. Über KRS-One und N.W.A. bin ich zu HipHop gekommen, habe zunächst deren Lyrics auswendig gelernt, um ein Gefühl für Betonung und Kadenzen zu bekommen, und später habe ich dann meine eigenen Texte geschrieben. Bis ungefähr `94, `95 habe ich das Ganze aber nicht sonderlich ernst genommen. Zu diesem Zeitpunkt fing ich an, regelmäßig in den „HipHop Shop“ [legendäres, vom verstorbenen Proof mitinitiiertes Battle, Anm. d. Verf.] und auf andere Open-Mic-Sessions zu gehen. Die Musik gab mir Identität und Halt. Ich verbrachte meine Stunden nicht mehr mit negativen Dingen, sondern mit Kreativität. Diese Tätigkeit erfüllte mein Dasein mit Sinn und gab mir auch ein Gefühl der Zugehörigkeit. Ich wusste, was ich tun wollte, fokussierte mich also immer stärker und ließ das Drama links liegen.
Erzähle mir von deiner Crew, den Almighty Dreadnaughtz.
Guilty Simpson: Die Crew hat sich bereits in den frühen Neunzigern formiert, und ich bin Mitte der Neunziger hinzugestoßen. Es ist ein großes Kollektiv, das aus der Verschmelzung mehrerer Crews hervorgegangen ist. Heute bestehen wir aus Kriz Steel, Supa Emcee, Slautah, Konphlict, Blitz, Alius, Kawshus, Shi Dog, meiner Wenigkeit und noch ein paar weiteren Jungs. Die Genannten sind allerdings so etwas wie der kreative Nukleus der Gruppe. Wir haben eine ganze Reihe Mixtapes und Streetalben herausgebracht, „Point Of No Return“, „City Of Trees“, “Loud & Fearless”, „Unknown Files“, „Foul Faces“, „Land Of The Dreadnaughtz“. Unser Name ist in Detroit und Umgebung auf jeden Fall schon bekannt. Wir versuchen gerade eine Website aufzubauen, um dieses Material in einem Archiv frei zugänglich zu machen. Denn wir haben jede Menge zu erzählen und zu sagen, was die Welt hören sollte.
Dennoch steht jetzt erst mal deine Solokarriere im Vordergrund?
Guilty Simpson: Ich war immer ein Mitglied der Dreadnaughtz und werde es auch immer sein. Das ist meine Herde. Allerdings bin ich ein Alphatier, ich gehe auf die Jagd und bringe die Beute nach Hause zu meiner Familie, um sie brüderlich zu teilen. Mein Soloalbum wird also nur ein Schritt in dem größeren Plan sein, den ich für meine Crew habe. Wir werden alle genug zu essen haben.
Welche anderen Rapper außerhalb der Crew inspirieren dich?
Guilty Simpson: Um ehrlich zu sein, höre ich wenig Rap. Ich höre Al Green, Marvin Gaye und die Isley Brothers. Natürlich gibt es jede Menge talentierte Rapper da draußen, und ich höre mir definitiv auch manche davon an – aber nicht in meinen kreativen Phasen. Dann möchte ich jeden Einfluss von außen ausschließen. Ich will nicht die Gefahr eingehen, unterbewusst zu biten. Oft schreibe ich meine Raps noch nicht mal zu einem Beat, sondern in völliger Stille. Das Game braucht Menschen, die von sich selbst erzählen, und keine Rapper, die den ganzen Tag Jay-Z hören und dann wie schlechte Kopien von ihm klingen.
Wie hast du J Dilla kennen gelernt?
Guilty Simpson: Ich ging früher immer in diesen Club namens „Lush Lounge“, wo mein Mann DJ Houseshoes auflegte. Dort gab es Open-Mic-Sessions, und eines abends kam Dilla dort vorbei, um zu chillen, etwas zu trinken und uns zuzuhören. Er hatte meinen Namen wohl vorher schon mal gehört und war dann auch recht beeindruckt von meinen Skills. Ich habe den Laden in Grund und Boden gerappt! Ein paar Tage später brachte mich Houseshoes zu Dilla ins Studio, und aus den gemeinsamen Aufnahmen ergab sich eine echte Freundschaft. Später verschaffte er mir stets Gelegenheiten wie das Jaylib-Feature und diesen Four-Tet-Remix [„As Serious As Your Life“, Anm. d. Verf.]. Selbst als er nach Los Angeles gezogen war, blieben wir telefonisch ständig in Kontakt.
Hat er dir mal ins Gesicht gesagt, dass du sein Lieblingsrapper warst?
Guilty Simpson: (verlegen) Nun, hin und wieder hat er durchaus Dinge dieser Natur erwähnt. Er sagte immer wieder, wie sehr er mich und meine Arbeit schätzte. Das war schon sehr schmeichelnd. Aber ehrlich gesagt, habe ich immer versucht, mir solche Aussagen nicht zu Kopf steigen zu lassen, denn letztlich war ich derjenige, der einen Riesenrespekt vor ihm und seiner Arbeit hatte. Wenn Dilla einem etwas beibrachte, dann war es Bescheidenheit. Ich werde weiterhin hart arbeiten und wachsen, um ihn stolz zu machen.
Hat er für dich auch Anfragen großer Namen ignoriert?
Guilty Simpson: Allerdings. Für mich hat er einem der größten Rapper aller Zeiten eine Absage erteilt: Jay-Z. Nicht, dass er kein Fan von Jay-Z gewesen wäre. Aber wir waren gerade dabei, an einem lange geplanten Projekt zu arbeiten, und Dilla liebte einfach nichts mehr, als ein Projekt im Embryozustand wachsen zu sehen. Das machte ihn stolz. Ich meine, als Rap-Fan würde ich mir heute wünschen, er hätte damals mit Jay-Z gearbeitet. Aber ich weiß, dass er das als Verletzung seiner eigenen Integrität gesehen hätte. Er wollte niemals die Industrie diktieren lassen, mit wem oder woran er als nächstes arbeiten würde. Das ist übrigens auch eine Einstellung, die ich für meine Karriere übernommen habe.
Interview: Stephan Szillus
Fotos: Stones Throw
Guilty Simpson im HHV-Shop
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