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Blockhead

»Reigning Samples, Raining Clouds«

Ja, sie ist irgendwie im Arsch, die gute alte Musikindustrie. Zwar steckt hinter jedem gespielten Ton mittlerweile eine komplette Marketingstrategie, den anhaltenden Einbruch der Verkaufszahlen konnte das trotzdem nicht verhindern. Überall wird nur noch gerechnet, kalkuliert und analysiert, anstatt sich einfach mal wieder ein wenig locker zu machen und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren – nämlich auf die Musik. Anthony Simon aus Manhatten, besser bekannt als Blockhead, jedenfalls tut das noch. So wie er es immer getan hat. Auf seinem nunmehr vierten Soloalbum setzt sich das Ninja-Tune-Signing daher einmal mehr mit den Basics auseinander: »The Music Scene«

Wenn man es mal aufs Wesentliche herunterbricht, dann gibt es eigentlich bloß zwei Arten von Produzenten innerhalb der massiven, graffitibesprühten Schallmauern der HipHop-Szene. Zum einen diejenigen, die einen ganz speziellen Sound kreieren, dafür fortan mit ihrem guten Namen stehen und damit als Blaupause für all das gelten, was an vergleichbaren Soundentwürfen nach ihnen kommt. Premo wäre so jemand, dessen charakteristischer BoomBap-Sound sich oftmals aus der Melange harter Drums, klassischer Scratch-Refrains und markanten Jazz-Samples zusammensetzt.
Auf der anderen Seite gibt es wiederum solche Beatschmiede, deren Stil mit nahezu jeder Produktion ein anderer ist, die keinerlei musikalischen Grenzen kennen und ihre einzige Konstanz in der Veränderung sehen. Ein solches Beispiel gibt der New Yorker Beatbastler Blockhead ab. Für jemanden wie ihn wäre Stillstand undenkbar. Sich auf einem Sound auszuruhen, sich nicht weiterzuentwickeln und stehen zu bleiben, wäre für Anthony Simon das Ende. Dabei ist es gar nicht mal so, dass sich Tonys Herangehensweise handwerklich permanent verändern würde. »Ich mache Beats eigentlich immer noch genauso wie Mitte der 1990er Jahre«, erklärt er im Interview. »Doch ich habe mir seit meinen Anfängen ein sehr stabiles Fundament an musikalischem Wissen angeeignet, das es mir erlaubt, bestimmte Dinge heute anders umsetzen zu können. Und zwar so, wie es mir vor ein paar Jahren noch nicht möglich gewesen wäre.«

Für die Produktion seines aktuellen Album »The Music Scene« lag die Weiterentwicklung daher vor allem im Einsatz von Ableton Live, dem Sequenzer einer Berliner Softwarefirma, den Blockhead anfänglich vor allem für seine Live-Shows benutzt hat. »Mit Ableton Live habe ich meine Sets in eine Art Nonstop-Song verwandelt, der innerhalb von acht Takten jedes Mal ein anderes Gewand annimmt. Diese Atmosphäre und Energie meiner Live-Sets wollte ich für meine Platte einfangen und habe Ableton Live deshalb mit meinem ASR-10-Sampler kombiniert.« Tony gerät ins Schwärmen. »Das hat mir plötzlich Türen und Tore geöffnet, die ich andernfalls nie aufgestemmt bekommen hätte.« Während er in der Vergangenheit sehr penibel darauf geachtet hat, Samples in Echtzeit zu benutzen und hinsichtlich ihrer Abspielgeschwindigkeit nicht zu verändern, hat er durch den Sequenzer-Einsatz beispielsweise das Time-Stretching für sich entdeckt. »Das hat dem Prozess meiner Beatbastelei eine völlig neue Richtung gegeben. Das Spektrum, in dem ich bisher gearbeitet habe, hat sich damit exponentiell erweitert.«

Unbekümmerter Melancholiker
Auffällig bleibt jedoch, und darin liegt eine Gemeinsamkeit aller bisherigen Alben des New Yorkers, die leicht melancholisch-depressive Note, seiner Platte. »Aus irgendeinem Grund mag ich so arschdepressive Songs«, so Tony und erklärt sein Faible dafür mit seinem Hang zu Melodik und der gleichzeitigen Ablehnung von zu viel Aggressivität in der Musik. Auf seine Persönlichkeit hingegen ließe die seinen Tracks inhärente Melancholie hingegen nicht schließen, denn er selbst bezeichnet sich als einen der optimistischsten und unbekümmertsten Menschen der Welt. Ob man ihm diese Aussage jedoch wirklich abnehmen kann? Zumindest auf den Albumtitel angesprochen macht sich plötzlich ein leichter Groll breit, der von der angesprochenen Unbekümmertheit nicht mehr allzu viel übrig lässt. Eine Zeile aus dem Titeltrack bringt seinen Unmut bezüglich der »Music Scene« auf den Punkt. Darin heißt es: »The music scene has got me down/cause I don’t want to be a clown.« Tony erklärt: »Die Ironie im Plattentitel liegt darin, dass Musik für mich ziemlich tot ist. Neue Musik vermittelt nichts Neues mehr. Du brauchst kein Talent mehr, sondern den richtigen Look und die richtigen Verbindungen. Aus der Musikszene ist eine einzige Fashion-Show geworden. Die Leute halten bloß noch an dem fest, was bereits erfolgreich war oder von dem sie der Meinung sind, dass es mal erfolgreich werden wird.« Tony holt Luft. »Wir sind zu einer Generation verkommen, die nur noch Wegwerfmusik konsumiert.« Sein Fazit fällt niederschmetternd und eindeutig aus. Selbst auf Indie-Level würden die Leute heute nur noch Marketingplänen hinterherrennen, anstatt der Liebe zur Musik und ihrem Herzen zu folgen.

Aber wie fühlt es sich an, ein Teil dessen zu sein, was man so verabscheut? Einen Grund zu Optimismus und Unbekümmertheit liefern diese Erkenntnisse sicherlich nicht. »Natürlich bin ich ein Teil dessen, indem ich Musik mache. Aber ich sehe mich nicht als Teil einer bestimmten Szene an«, so Tony. »Ich werde auch ständig nach meiner Meinung über Gruppen gefragt, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Und das liegt daran, dass ich mich von ›Meinesgleichen‹ mittlerweile ziemlich weit entfernt habe. Ich höre vor allem alte Soul-Platten und Rap-Musik, die vor 2004 veröffentlicht wurde.« Ausnahmen bestätigen auch hier selbstverständlich die Regel – vor allem in Bezug auf seinen alten Weggefährten Aesop Rock aus dem Definitive-Jux-Camp, den er seit Jahren kontinuierlich mit qualitativ hochwertigen Instrumentarien versorgt. Das halbe »None Shall Pass«-Album von 2007 geht beispielsweise auf die Kappe von Blockhead, inklusive des grandiosen Titeltracks. »Aesop transportiert in seinen Lyrics immer einen Hauch von Chaos, wohingegen meine Arbeit sehr strukturiert abläuft, indem ich durch die Melodieführung eher nach Ordnung suche. Wahrscheinlich ergänzen sich diese beide unterschiedlichen Pole ganz gut, sodass das Resultat unserer Zusammenarbeit am Ende immer einigermaßen ausbalanciert klingt.«

Soundschnipsel verstecken
Dennoch besteht er nach wie vor darauf, nicht in Einflüssen zu denken und sie zur Basis seines künstlerischen Schaffens zu machen. Weder die Lieblingsplatten seiner Jugend noch seine akribische Crate-Diggerei würden seine Produktionsweise verändern und aus ihm einen anderen Artist machen. Eigentlich. Stattdessen sähe er seine persönlich-künstlerische Handschrift hingegen vor allem darin, fremdartige Instrumente zu samplen und mit traditionellen Sounds zusammenzustricken. »Ich habe immer versucht, so weit wie möglich rauszuschwimmen, um ansprechende und spannende Samples zu finden. Je abgefahrener die Platten, desto besser.« Tony überlegt kurz. »Aber klar, es stimmt schon: Natürlich nehmen die Alben, von denen ich Sample, auch irgendwie Einfluss – zumal sie auch zu Bestandteilen meiner Songs werden.«

Spannend ist auch die Auseinandersetzung mit Autotune auf seinem Song »Four Walls«, auf dem er mit einem Vocoder einen alten Chin-Chin-Track verarbeitet, inhaltlich jedoch in eine ähnliche Kerbe schlägt wie Jay-Z auf »Death Of Autotune« oder KRS-One & Buckshot auf »Robots«. »Der Scheiß ist vollkommen außer Kontrolle geraten«, merkt Tony an. »Am Anfang war Autotune ein netter kleiner Effekt, aber irgendwann haben die Leute plötzlich angefangen, ganze Karrieren darauf aufzubauen. Furchtbar. Daher hoffe ich wirklich, dass es damit jetzt endlich wieder vorbei ist.«
Blockhead hält es stattdessen eher klassisch. Abgefahren ja, aber mit Stil. Effekte gern, aber dezent. Samples auf jeden Fall, aber dann auch reichlich. Angst vor einer Klage wegen Urheberrechtsverletzung hat er nicht, obwohl seine Samples in der Regel nicht geclearet sind. Doch die Ursprünge und Quellen der verwendeten Soundschnipsel ausfindig zu machen, dürfte selbst ihren Urhebern schwer fallen – und das ist durchaus beabsichtigt. »Wenn ich wirklich mal verklagt werden sollte, dann wäre ich selbst schuld. Das Vergehen wäre für mich dann nämlich weniger das Samplen selbst, sondern das Aufdecken meiner eigenen Dummheit.«

Text: Daniel Schieferdecker

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