Ja, sie ist irgendwie im Arsch, die gute alte Musikindustrie. Zwar steckt hinter jedem gespielten Ton mittlerweile eine komplette Marketingstrategie, den anhaltenden Einbruch der Verkaufszahlen konnte das trotzdem nicht verhindern. Überall wird nur noch gerechnet, kalkuliert und analysiert, anstatt sich einfach mal wieder ein wenig locker zu machen und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren – nämlich auf die Musik. Anthony Simon aus Manhatten, besser bekannt als Blockhead, jedenfalls tut das noch. So wie er es immer getan hat. Auf seinem nunmehr vierten Soloalbum setzt sich das Ninja-Tune-Signing daher einmal mehr mit den Basics auseinander: »The Music Scene«
Wenn man es mal aufs Wesentliche herunterbricht, dann gibt es eigentlich bloß zwei Arten von Produzenten innerhalb der massiven, graffitibesprühten Schallmauern der HipHop-Szene. Zum einen diejenigen, die einen ganz speziellen Sound kreieren, dafür fortan mit ihrem guten Namen stehen und damit als Blaupause für all das gelten, was an vergleichbaren Soundentwürfen nach ihnen kommt. Premo wäre so jemand, dessen charakteristischer BoomBap-Sound sich oftmals aus der Melange harter Drums, klassischer Scratch-Refrains und markanten Jazz-Samples zusammensetzt. Für die Produktion seines aktuellen Album »The Music Scene« lag die Weiterentwicklung daher vor allem im Einsatz von Ableton Live, dem Sequenzer einer Berliner Softwarefirma, den Blockhead anfänglich vor allem für seine Live-Shows benutzt hat. »Mit Ableton Live habe ich meine Sets in eine Art Nonstop-Song verwandelt, der innerhalb von acht Takten jedes Mal ein anderes Gewand annimmt. Diese Atmosphäre und Energie meiner Live-Sets wollte ich für meine Platte einfangen und habe Ableton Live deshalb mit meinem ASR-10-Sampler kombiniert.« Tony gerät ins Schwärmen. »Das hat mir plötzlich Türen und Tore geöffnet, die ich andernfalls nie aufgestemmt bekommen hätte.« Während er in der Vergangenheit sehr penibel darauf geachtet hat, Samples in Echtzeit zu benutzen und hinsichtlich ihrer Abspielgeschwindigkeit nicht zu verändern, hat er durch den Sequenzer-Einsatz beispielsweise das Time-Stretching für sich entdeckt. »Das hat dem Prozess meiner Beatbastelei eine völlig neue Richtung gegeben. Das Spektrum, in dem ich bisher gearbeitet habe, hat sich damit exponentiell erweitert.« Unbekümmerter Melancholiker Aber wie fühlt es sich an, ein Teil dessen zu sein, was man so verabscheut? Einen Grund zu Optimismus und Unbekümmertheit liefern diese Erkenntnisse sicherlich nicht. »Natürlich bin ich ein Teil dessen, indem ich Musik mache. Aber ich sehe mich nicht als Teil einer bestimmten Szene an«, so Tony. »Ich werde auch ständig nach meiner Meinung über Gruppen gefragt, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Und das liegt daran, dass ich mich von ›Meinesgleichen‹ mittlerweile ziemlich weit entfernt habe. Ich höre vor allem alte Soul-Platten und Rap-Musik, die vor 2004 veröffentlicht wurde.« Ausnahmen bestätigen auch hier selbstverständlich die Regel – vor allem in Bezug auf seinen alten Weggefährten Aesop Rock aus dem Definitive-Jux-Camp, den er seit Jahren kontinuierlich mit qualitativ hochwertigen Instrumentarien versorgt. Das halbe »None Shall Pass«-Album von 2007 geht beispielsweise auf die Kappe von Blockhead, inklusive des grandiosen Titeltracks. »Aesop transportiert in seinen Lyrics immer einen Hauch von Chaos, wohingegen meine Arbeit sehr strukturiert abläuft, indem ich durch die Melodieführung eher nach Ordnung suche. Wahrscheinlich ergänzen sich diese beide unterschiedlichen Pole ganz gut, sodass das Resultat unserer Zusammenarbeit am Ende immer einigermaßen ausbalanciert klingt.« Soundschnipsel verstecken Spannend ist auch die Auseinandersetzung mit Autotune auf seinem Song »Four Walls«, auf dem er mit einem Vocoder einen alten Chin-Chin-Track verarbeitet, inhaltlich jedoch in eine ähnliche Kerbe schlägt wie Jay-Z auf »Death Of Autotune« oder KRS-One & Buckshot auf »Robots«. »Der Scheiß ist vollkommen außer Kontrolle geraten«, merkt Tony an. »Am Anfang war Autotune ein netter kleiner Effekt, aber irgendwann haben die Leute plötzlich angefangen, ganze Karrieren darauf aufzubauen. Furchtbar. Daher hoffe ich wirklich, dass es damit jetzt endlich wieder vorbei ist.« Text: Daniel Schieferdecker |

