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Motor City Drum Ensemble

»House Special Pt.2«

Mit seinen erst 24 Jahren ist Danilo Plessow bereits ein Urgestein der hiesigen Musikszene. Er veröffentlichte Platten als Inverse Cinematics, Hipster Wonkaz, Aphro Pzyko und jüngst als Motor City Drum Ensemble. Hier befördert er House aus dem Geiste des Jazz.

Stuttgart/Detroit
Zu Beginn muss gleich ein klassischer Denkfehler beseitigt werden: Nein, Motor City Drum Ensemble ist kein Detroiter Kollektiv. Hinter diesen oldschooligen Housetunes steckt vielmehr ein 24-jähriges Milchgesicht namens Danilo Plessow aus der deutschen Autostadt und Spätzle-City Stuttgart, der Platten in einem Alter veröffentlichte, indem wir alle noch damit beschäftigt waren zu überlegen, ob nun Fußballprofi oder doch Astronaut der angemessenere Traumberuf sei. Mit Inverse Cinematics und Hipsta Wonkaz fröhnte Plessow Broken Beat, Nu Jazz und Hip Hop bevor er sich einige Jahre später als Motor City Drum Ensemble emanzipierte. Auf seine nicht unbedingt als elektronische Metropole bekannte Heimat angepsrochen entgegnet Plessow abgeklärt:

Das Lefonque war der erste Club, den ich besuchte, mit 15 glaube ich. Damals war Fusion und House, Soul/Funk aber auch Leute wie DJ Koze in dem Laden Sound der Stunde. Weil ich mit 16 bereits meine erste, halbwegs erfolgreiche 12” als Inverse Cinematics veröffentlichte, war ich eigentlich auch von Anfang an viel unterwegs, d.h. ich bin in vielen verschiedenen europäischen Clubs sozialisiert worden, nicht unbedingt nur in einem bestimmten Stuttgarter Club.

Wichtiger als Stuttgart scheint für den Jungspunt in musikalischer Hinsicht hingegen das große D gewesen zu sein. Nicht nur, dass seine eigenen Produktionen stets diesen rohen, seelenvollen Sound auszeichnet, mit dem Theo Parrish, Derrick Carter oder Chez Damier den postindustriellen Niedergang Detroits so eindrucksvoll musikalisch dokumentierten. Kälteren, technoiden Klängen frönt MCDE dabei ebenso wie dem sample-lastigen Cut-Up-Funk eines Moodymann, mit dem Plessow spätestens seit seiner Raw Cuts-Reihe ständig verglichen wird. Auf Epigonenvorwürfe reagiert der Stuttgarter aber relativ gelassen:

Nun ja – klar haben mich seine Platten mein Leben lang begleitet. Aber ich glaube auch, dass wenn man eine musikalische Vorliebe für gewissen Jazz, Soul etc hat, und diese mit modernen Mitteln und auch am besten noch tanzbar umsetzen will, landet man ziemlich schnell bei einer Ästhetik, die “ähnlich” klingt. Ich für meinen Teil komme immer wieder zu bestimmten Platten zurück, nicht unbedingt House, eher Sachen wie modalen Jazz oder Spiritual-Zeug, und die Harmonien, Sounds, das ganze Gefühl – das ist meine größte Inspiration. Wenn ich meine Stücke nicht aus purer Liebe dazu machen würde, dann würde man das sofort hören. Den Rip-Off Vorwurf kann ich aus dieser Sicht nicht verstehen.

Auch den wohl dokumentierten Detroit-Bias, den beispielsweise Omar-S immer wieder demonstrativ zur Schau trägt, kann MCDE nicht so ganz bestätigen, Komplimente habe er unter anderem schon von Rick Wade, Mike Huckaby und Kyle Hall erhalten.

The Repetition Kills You
Dass er es sich aber nicht einfach macht und darüber nachdenkt, die höchsterfolgreiche Raw Cuts-Reihe einzustellen, mag der Tatsache geschuldet sein, dass Plessows erklärtes Ziel ist Musik zu schaffen, die auch eine gewisse Halbwertszeit hat, welche sich erfahrungsgemäß signifikant verringert, je länger man auf das selbe Pferd setzt. Zum anderen offenbart diese Entscheidung auch den rapiden Entwicklungsprozess eines Vollblutmusikers, der nichts mehr hasst, als Formelhaftigkeit und Berechenbarkeit:

Ich werde sicherlich auch weiterhin Samples benutzen und diese Ästhetik beibehalten, nur muss es nicht mehr nur das Schema “Rhodes + Vocal + Discoloop” sein. Ich habe wirklich eine Menge Ideen, und die möchte ich auch umsetzen – und die Leute konsequent überraschen. Es gibt nichts langweiligeres, als sich ständig zu wiederholen. Die nächste Platte auf MCDE wird vom Feeling ähnlich der Raw Cuts, klingt aber eher wie ein verschollenes Stück Techno anno 1992.

Jazz is (still) the teacher!
Dieser Anspruch ist nicht unbedingt neu, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen nimmt man das Plessow aber tatsächlich ab, ohne mental 3 Euro ins Phrasenschwein zu werfen. Das mag dem Umstand geschuldet sein, dass Plessow im Herzen ein Jazzer ist, und das nicht nur als Musiker, sondern auch als Hörer:

Ich höre und sammle sehr, sehr viel Platten aus dem Bereich. Ich denke mal, für jede aktuelle 12” kaufe ich mindestens 3 Jazzplatten. Jazz is the teacher!. Einem Madlib oder Theo Parrish nicht unähnlich, destilliert Plessow die Freigeistigkeit des Jazz um daraus neue, postmoderne Musik zu kreieren, ohne aber – zumindest noch nicht – so sperrig und verschroben zu sein wie die Erstgenannten. Vor diesem Hintergrund überrascht es auch nicht wirklich, dass sich Plessow als Hörer zunehmend von einer Jugendliebe entfernt hat: Was Hip Hop angeht bin ich leider gar nicht mehr auf dem Laufenden – allerdings vor allem deswegen, weil seit Jay Dee und Madlib nicht wirklich sooo viel passiert ist. Flying Lotus dürfte das aktuellste Album gewesen sein, das ich mir angehört habe. Anschließend folgt noch ein Liebesbekenntnis zu den goldenen 90ern und spätestens jetzt ist klar, warum Menschen mit gutem Musikgeschmack nur äußerst selten schlechte Musik produzieren.

Text: Florian Aigner

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