House ist wieder wer. Zugegebenermaßen ist diese reißerische Einleitung eine Hyperbel. Weg war er ja nie so ganz, einer der zahllosen Söhne von Disco, Soul und Funk (und damit auch der Bruder von Techno und Cousin von Hip Hop). Dass er aber in den letzten 3-4 Jahren noch während der systematischen Minimalisierug elektronischer Tanzmusik und der grellen Überzeichnung seiner großen Stärken durch die Maximalisierung der Franzosen, im Kielwasser des omnipräsenten Disco-Revivals einen solch imposanten 28. Frühling erleben würde, konnte, aber musste, man nicht unbedingt erahnen. Natürlich sind die großen Säulenheiligen immer noch da und Platten auf Moodymanns KDJ-Imprint wurden auch während der Minus-Ära fleißig gesammelt. Theo Parrish genoss auch während des Ibiza-Zeitalters Immunität. Wie viele aufregende, neue Künstler sich aber in letzter Zeit ehrfürchtig mit dem originären House-Erbe beschäftigt und daraus für sich neue Schlüsse gezogen haben, ist schon eindrucksvoll. Egal, ob Jus-Ed mit Levon Vincent, Nina Kraviz & Co in New York mit anderen Mitteln alte Paradise Garage-Tage heraufbeschwört, Laid gefühlvolle Rhodes im Dreischlag servieren, Gerd Janson über Running Back eine sensationelle Deep House-Platte nach der anderen raushaut, die Innervisions-Garde sich für Einflüsse aus Afrika öffnet, STL mit seinen spröden Skizzen den deutschen Parrish gibt, Omar-S Techno und House in typisch Detroit’scher Manier vermählt, James Murphy DFA zu einem liebevollen House-Connoisseurs-Label umbaut oder die Stuttgarter von Philpot Jazziness groß schreiben: nichts von all dem will das Uralthorrorklischee vom solariumsgebräunten Bumstouristen für das Leute wie David Guetta und Fedde Le Grande in den letzten Jahren so gewissenhaft gearbeitet haben, bestätigen. Viele dieser sample-verliebten Renaissance-Heroen sind bemerkenswerterweise schon ewig im Geschäft und passen nun mit ihrer Soundästhetik auch einfach wieder in den Zeitgeist, es gibt aber auch zahllose Ü30-Jungspunde, die angetrieben durch eine für ihre Generation typisch eklektische Sozialisierung, die Fixpunkte Detroit und Chicago zwar stets im Blick haben, aber einen ähnlich offenen Zugang beim Produzieren wählen wie die Helden aus dem großen D selbst.
The Revenge ist überall. Wer etwas auf sich hält, braucht momentan einen Remix von Graeme Clark, wie ihn das Finanzamt nennt. Darüber hinaus führt er gemeinsam mit Craig Smith das Liebhaber-Label Instruments of Rapture, wo er, ähnlich wie zuvor für Jisco unentwegt die Grenzen zwischen Edit, Remix und Eigenproduktion verwischt und von 95 BPM-Schleichern, über traditionellere House-Tempi bis zu extrem souligen Disco-Stücken alles veröffentlicht, was gut klingt. War es vor dem Schotten vor allem Mark E, der sich regelmäßig traute, House unter 110 BPM zu programmieren, ist daraus mittlerweile ein veritables Subgenre entstanden, vor allem auf der Insel. Aber Clark lässt sich nicht bequem unter ’Slo-Mo-House’ ablegen. Über Hometaping hat er gerade eine jackende Chicago-Nummer veröffentlicht, auf Delusions of Grandeur gibt er sich auch gerne mal minimalistischer. Warum er klingt, wie er klingt, warum Vinyl nicht tot ist – Antworten im folgenden Gespräch: HHV: Kannst du uns einen Einblick in deine musikalische Sozialisation geben? The Revenge: Meine Mutter hat viel Soul & Funk gehört, aber auch Jackson Browne, John Martyn, Robert Palmer, Billy Cobham und Kraftwerk. Mein Vater stand auf Lynyrd Skynyrd, AC/DC, JJ Cale und Blues. In seiner Freizeit hat er Bass gespielt in einer Band und außerdem hatte er ein kleines Vierspur-Aufnahmegerät, sowie ein paar alte Drum Machines. Wenn er auf der Arbeit war, hab ich das dann oft in mein Zimmer geschmuggelt und rumexperimentiert. Ich bin mit dem Radio der 80er aufgewachsen, als Teenie hatte ich dann eine Rave-Phase – das war wohl so was wie meine Punk-Rebellion. Haben dich die frühen Edit-Maestros wie Ron Hardy, Larry Levan, DJ Harvey, Larry Heard und Theo Parrish musikalisch geprägt oder kam das erst später? Die beiden Larries stachen für mich schon recht früh als Produktionspioniere heraus. Es ist kaum vorstellbar, wie die Szene heute ohne sie klingen würde. Das gleiche gilt auch für Theo und Harvey. Aber mich prägt stets ganz unterschiedliche Musik, nicht nur eine Nische. Lass uns über Edits sprechen. Wie stehst du zur aktuellen Edit-Manie? Ich fertige Edits wirklich nur an, wenn sie so besser in mein Set passen. Für mich ist das eine persönliche Sache, keine ökonomische. Dieses Edit-Phänomen erinnert an Hip Hop, weil auch hier das Original-Material kaum geklärt wird. Hast du Angst, dass die Szene so durch die Decke gehen könnte, dass bald nur noch einige wenige plakativ samplen und editieren können, weil es sich der Rest nicht leisten kann, Samples zu klären? Um heute ein Sample zu klären, muss man von vornherein kalkulieren könne, wie viele Platten man verkaufen wird. Das ist als kleines Indielabel praktisch unmöglich. So lange man respektvoll mit dem Material umgeht und Sampling als Kunstform und nicht als billiges Bootlegging betreibt, ist künstlerisch alles okay. Aber juristisch – das ist eine andere Frage… Dieser respektvolle Umgang scheint auch der gemeinsame Nenner für deine stilistisch vielfältigen Arbeiten und die Künstler auf Instruments of Rapture zu sein. Oder gibt es eine enger definierte Agenda für euer Label? Nein, das ist wirklich ein undergroundiges Alles-Geht-Projekt. So wird beispielsweise auch Redshape nächstes Jahr einen Remix beisteuern. Es spielt keine Rolle, ob etwas eher Disco, House, Funk oder Techno ist – und das wird spätestens mit den kommenden Releases noch deutlicher werden. Bei meinen Soloprojekten ist das ganz ähnlich. So bin ich beispielsweise gerade damit beschäftigt Legowelt zu remixen. Warum habt ihr euch für eine Vinyl-Only-Politik entschlossen? Der Hauptgrund war, dass dieses Format eine Verknappung zulässt. Das ist nicht möglich, wenn du deine Sachen auch als Download verkaufst. Klar, wir haben auch Represses gemacht und eine Compilation für die Cd-Käufer werden wir auch irgendwann nachschieben. Aber mir gefällt die Vorstellung, nur greifbare Produkte zu verkaufen. Das heißt nicht, dass ich da ein Dogmatiker wäre, die Musik ist nicht besser, nur weil sie auf Vinyl gepresst wurde. Ich lege mittlerweile auch mit Serato auf, habe aber natürlich auch mit Vinyl angefangen. Ich finde es großartig, dass es noch so viele Vinyl-Enthusiasten gibt und will diesen einfach auch die Möglichkeit geben, weiterhin mit Vinyl aufzulegen. Gibt es konkrete Pläne auch Alben zu veröffentlichen? Ich liebe die Vorstellung, dass sich Menschen mit Bier und Joint hinsetzen und sich die Zeit nehmen ein Album von vorne bis hinten zu hören, aber das ist heute leider nur noch selten der Fall. Das Albumformat befindet sich in einem großen Umbruch und ich wüsste gerade nicht, ob ich dafür eine passende Antwort finden könnte. Deswegen gibt es momentan keine konkreten Pläne für ein Album. Aber mal sehen, was 2010 so bringt… Du scheinst dieses Jahr eine Wette mit Motor City Drum Ensemble und dOP am laufen zu haben, wer die meisten Remixes auf den Markt bringt. Wie viele hast du dieses Jahr abgelehnt und nach welchen Kriterien wählst du aus? Haha, ich liebe was die machen, auch wenn jeder von uns einen unterschiedlichen Stil hat. Ach, ich finde fast in jedem Track etwas, was ich spannend finde und nehme das dann als Ausgangspunkt für den Remix. Ich habe zwar wirklich viele Remixes gemacht, aber ich lasse mir immer so viel Zeit bis ich vollständig mit dem Ergebnis zufrieden bin. Das hat dann meist zur Konsequenz, dass ich Deadlines bis aufs äußerste strapaziere, aber die meisten Labels mit denen ich arbeite, verstehen, dass Kreativität nun mal keine Ein/Aus-Schalter hat. Text: Florian Aigner |

