In diesen Tagen wird der musikinteressierte Leser Zeuge einer erfolgreichen Renaissance von Soul und Funk. Ihr künstlerischer Wert hingegen ist zweifelhaft, denn die aktuellen Bands kopieren ihre Vorbildern der 1960er und 1970er Jahre zwar nahezu perfekt. Allerdings vergessen sie, dass die Musik einst auch Ausdruck eines gesellschaftspolitischen Bewusstseins gewesen ist. Doch bei Lee Fields & the Explorers sind die Vorzeichen andere.
Nicht nur der Soul der 1960er und 1970er Jahre ist wieder da, sondern auch die Musik des Funk erfreut sich nun schon seit längerem neuer Beliebtheit. Während die Wiederkehr des Soul in Gestalt von Sängerinnen wie Joss Stone, Amy Winehouse und Duffy ein breiter, momentan wohl wieder abklingender Trend ist, der seine Spuren auch in den Hitparaden hinterlassen konnte, findet die Renaissance des rhythmusbetonteren Sprösslings allerdings eher in den Clubs statt. Im Unterschied zum Acid-Jazz der frühen 1990er Jahre, der primär von London ausging, stehen die aktuellen Adepten von James Brown, den Meters und Kool & The Gang dafür auf einer globalen, sich stetig ausdehnenden Basis. Ließen sich zur Jahrtausendwende Retro-Funk-Bands wie die Mighty Imperials und Breakestra noch als singuläre Erscheinungen bewerten, so hat sich inzwischen eine umtriebige internationale Gemeinschaft gebildet, die sich wieder handgemachten, auf alt getrimmten Grooves verschrieben hat. Vor einigen Jahren legte die in Finnland beheimatete Nicole Willis ein absolut beeindruckendes Album zwischen Motown-Soul und Seventies-Funk vor; in Japan konserviert das neunköpfige Ensemble Osaka Monaurail das Klanggerüst des Godfather of Soul derart perfekt, dass sogar die ehemalige Brown-Sängerin Marva Whitney auf die Fertigkeiten der asiatischen Band zurückgegriffen hat. Andere Gruppen wie The Bamboos kommen aus Australien, aus Amsterdam (Lefties Soul Connection), England (Speedometer) oder wie die Sweet Vandals aus Spanien. Aus Deutschland zeigen sich immer mal wieder die Poets of Rhythm auf den Bühnen der Clubs. Im Mainstream waren die zeitgenössischen Funk-Brüder und Soul-Schwestern bislang vor allem im Hintergrund aktiv. Amy Winehouse baute für ihr Erfolgsalbum »Back To Black« auf die tatkräftige Unterstützung der Dap-Kings, immerhin eine der versiertesten Neo-Funk-Interpreten in den USA. Diese Aufzählung umfasst nur die bereits länger tätigen Formationen. Da die Szene rasant wächst, ist ein kompletter Überblick kaum mehr möglich. Um diese neuartigen Tendenzen vom Funk klassischer Prägung abzugrenzen, hat sich für die Strömung der Begriff Deep-Funk-Revival oder schlicht Deep Funk eingebürgert. Wie der Name Rock’n‘Roll stammt die Genrebezeichnung ursprünglich von einem DJ: Der Schotte Keb Darge veranstaltete unter diesem Schlagwort wöchentlich Partys in der britischen Hauptstadt. Auf seinen Nächten in der ehemaligen Strip-Bar »Madame JoJo’s« spielte er als Pendant zum Northern Soul obskure Funk-Singles, die um 1970 herausgekommen waren. Compilations mit seinen raren Fundstücken folgten und sorgten für eine Popularisierung des Begriffs. Und auch nach vierzehn Jahren steht Keb Darge heute noch jeden Freitag hinter den Plattentellern in dem Tanzlokal in Soho. Die oberflächliche Konjunktur des Vintage-Sounds Allerdings hat die manchmal oberflächliche Konjunktur des Vintage-Sounds auch positive Begleiteffekte. Denn durch das Interesse an schwarzem Pop kommen viele afroamerikanische Musiker endlich zu verdienten Ehren. Wie Ahmir ›Questlove‹ Thompson nämlich festgestellt hat, engagierte sich vorher kaum jemand ernsthaft für die Belange, der in die Jahre gekommenen, Soul- und Funk-Heldinnen und -Helden, ein wesentlicher Antrieb für den Roots-Schlagzeuger, der lebenden Legende Al Green im letzten Jahr selbst zu einer Frischzellenkur zu verhelfen. Mittlerweile können auch Eddie Floyd und Leon Ware Dank des neu aufgelegten Labels Stax auf ein ihnen angemessenes Spätwerk verweisen. Candi Staton hat ihren Katalog kürzlich ebenfalls durch eine weitere hochkarätige, lupenreine Südstaaten-Soul-Platte auf Honest Jon‘s erweitert. Diese allesamt mehr als gelungenen Beispiele machen deutlich, wie viel musikalisches Potential hier die ganze Zeit über brach gelegen hat. Doch die Wertschätzung der alten Recken ist nicht nur eine historische Gerechtigkeit, sondern anscheinend ebenfalls eine bitter nötige Wiederaneignung der eigenen Geschichte. Eine fast schon surreale Erfahrung musste Raphael Saadiq machen, als er einer Plattenfirma erklärte, ein Album in Anlehnung an die Soul-Ära aufzunehmen. Warum ein Afroamerikaner wie er Stücke singen wolle, die sich nach einer britischen Blondine anhörten, wurde er allen Ernstes gefragt. »Weil wir damit angefangen haben«, konterte Saadiq. In diesem Jahr liegt mit »The Way I See It« das Ergebnis vor: eine in die Tiefe gehende Lehrstunde in Sachen afroamerikanischer Musikgeschichte. Retro-Vorbild: Lee Fields & The Explorers Daneben ging er nur von einem DAT-Band voll Liedern begleitet auf ausgedehnte Tourneen und schuf sich eine Gemeinschaft treuer, überwiegend weiblicher Fans. Text: Sven Beckstette Foto: Phillip Lehman |

